Dieter Nuhrs Hohn-Gipfel in der ARD-Themenwoche

Thomas Fischer Bundesrichter aD ist Autor der MEEDIA-Kolumne Fischers kleine PresseschauThomas Fischer, Bundesrichter a.D., ist Autor der MEEDIA-Kolumne Fischers kleine Presseschau

... bei der ARD-Themenwoche Gerechtigkeit musste MEEDIA-Kolumnist Thomas Fischer ein nervenaufreibendes Stück Anti-Mainstream-Komik des Dieter Nuhr ertragen. Fischers kleine Presseschau Folge 7.

Von Thomas Fischer

Teil 1: ...
Teil 2: Komik und Gerechtigkeit

In der vergangenen Woche fand, wie Sie bemerkt haben werden, die „ARD-Themenwoche Gerechtigkeit“ statt. Sie brachte interessante Dokumentationen wie „Ungleichland“ (WDR, 14.11.) und beeindruckende Filme wie „Keiner schiebt uns weg“ von 1979 (ARD, 14.11.). Die vermeidliche Wiederholung des Schirach-Millionenspiels mit interaktivem Urteil kraft Volksempfinden („Terror“) lief um 22.25 Uhr auf 3sat, konnte also keinen allzu großen zusätzlichen Schaden anrichten.

Auftritt

Das besorgte der als „Komiker“, auch als „Kabarettist“ firmierende Künstler Dieter Nuhr, gelernter Lehrer. „Nuhr gerecht“ hieß ein 45-minüter Beitrag zum Thema (ARD, 15.11.) im dortigen Format „Satiregipfel“. Herr Nuhr ist 1960 geboren und hält sich daher für einen intimen Kenner der „68er-Generation“, deren angeblichen und tatsächlichen Lebensirrtümern er, egal zu welchem Thema, einen Strom höhnischer Verachtung hinterherzunuscheln pflegt.

Der Rest der Nuhr-Kunst befasst sich mit den allzumenschlichen Charakterfehlern des Afrikaners, des Moslems und des jeweils anderen Anderen, also des Anderen in uns allen. Weil er gerne sagt, dass auch Moslems doof sind, gilt er als ungewöhnlich mutiger Humorist. Herr Nuhr verfügt über eine hochentwickelte, wenngleich etwas monothematische Imitationstechnik: Er kann verschiedene Sätze in einem von ihm erfundenen deutschtürkischen Unterschicht-Idiom sagen und dabei ein Gesicht machen, als müsse er dringend in eine betreute Wohngemeinschaft überstellt werden. Das ist sehr lustig. Am Ende jedes seiner Witze auf Kosten von Blöden, Armen, Schwachen sagt Herr Nuhr, dass er selbst theoretisch ähnlich blöd sein könne wie sie. Diese künstlerische Brechung könnte eine gewisse Differenziertheit in die Sache bringen, wenn der Stolz auf sie nicht ganz so penetrant dargeboten würde.

Von allen Nuhr-Monologen, die ich ertrug, war der vom 14.11.2018 der nervenaufreibendste. Zu sagen: der dümmste, verstieße gegen die Diktatur der Korrektheits-Sprachregeln, deren Kritik Herr Nuhr lange Abschnitte seiner mit starrem Blick in die Kamera vorgetragenen Assoziationsketten zu widmen pflegt.

Diesmal also „Gerechtigkeit“. Nuhr, 58. Slimfit-Jacket, tiefes Dekolleté, hautenges Höschen und gewaltige Springerstiefel: ein Frührentner im Jugendoutfit. Paarung von tränentreibendem Genie, fieberndem Sex und Punk-Imitat. Das kann natürlich jede(r) machen, wie er/sie will. Hier allerdings ist es zu erwähnen, weil das Thema Herrn Nuhr zum ersten Satire-Höhepunkt zur Gerechtigkeit führt:

Ungerechtigkeit ist gar nicht zu vermeiden. Ne, schon von Natur aus sind wir ja nicht alle gleich (…) Ein zahnloser Buckliger wird niemals so begehrt sein wie der sexiest man alive… Auch Alte werden ungerecht behandelt. Niemand träumt von einer runzeligen alten Dame mit einem riesigen Zinken und einer Warze auf der Oberlippe, aus der ein langes Haar wächst. … Das ist ungerecht (…) Was kann man da machen? Sollten Sie jung, schön, blondgelockt, aus gutem Hause sein, haben sie noch heute die Chance, diese Ungerechtigkeit abzuschaffen. Suchen Sie sich einen versehrten, hässlichen Wicht, hier im Publikum. Die Auswahl ist riesig.

Ein Mensch mit Humor hätte vielleicht nicht das Publikum als Auswahl von Missgeburten angeboten, sondern sich selbst. Aber Herr Nuhr ist Komiker; das hat mit Humor nichts zu tun. Daher hat er einen anderen Vorschlag:

Wenn Sie eine absolute Bombe sind, können Sie sich nach der Vorstellung auch einen nicht mittellosen Komiker im fortgeschrittenen Alter ansehen und ansprechen.

Wie rührend! Das 58-jährige Komiker-Männchen möchte sich „eine absolute Bombe“ in die Garderobe bestellen. Natürlich ironisch! Aber er sagt doch vorsichtshalber mal „nicht mittellos“ dazu, für den Fall, dass eine Bombe zuhört.

Die Leute klatschen trotzdem, sogar die Frauen. Mit Ausnahme einiger Personen, die auch begeistert sind, wenn Mario Barth in einen Kochtopf furzt, kann das vielleicht als Gegenleistung für das Zuschauer-Catering gedeutet werden, also als Ausdruck eines inneren Gerechtigkeitsgefühls: Er zahlt mir ein belegtes Brötchen und sagt statt „Arschloch“ zu mir „liebes Arschloch“; da klatsch’ ich mal.

Komiker dieser Klasse bemerken die spannungsreiche Dialektik zwischen der eigenen Erbärmlichkeit und der großherzigen Zuwendung der Erbärmlichen oft nicht. Wenn das Trauerspiel lange genug anhält, beginnen sie, die Bevölkerung „mein Publikum“ zu nennen. Von den Programmdirektoren, die Humorgipfel aus zappelnden Zotenschreierinnen, inhaltsfreien Strickmützenträgern und verachtungsvollen Zwangscharakteren kaufen, wollen wir gar nicht sprechen.

Recht und Gleichheit

Wer schon einmal kurz über Gerechtigkeit nachgedacht hat, weiß, dass sie mit Ausgleich, Verhältnis, Fairness zu tun hat. Man muss, um das zu verstehen, diese Worte nicht benutzen, noch weniger die komplizierten Begriffe der Philosophen oder Soziologen. Der Grundsatz „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ entspringt nicht dem vom Berg Sinai herabgeworfenen Artikel 3 Absatz 1 GG, sondern einer langen und leidensvollen Erfahrung zahlloser Millionen von Nicht-Gleichen.

Was bedeutet: „Vor dem Gesetz gleich“? Die Auslegung dieser Formulierung hält ein paar Möglichkeiten bereit. Ein Ansatz zur Deutung ergibt sich daraus, dass von „Menschen“ die Rede ist. Menschen sind, wie der Geschichtslehrer Nuhr zutreffend erkannt hat, in vielerlei Hinsicht verschieden, natürlich und sozial. Also geht es darum, was „Gleichheit vor dem Gesetz“ angesichts der „Ungleichheit vor der Wirklichkeit“ bedeutet. Hierauf gibt es nur zwei Möglichkeiten der Antwort:

Erstens: Gleiches soll gleich, Ungleiches soll ungleich behandelt werden.

Zweitens: Das Ungleiche soll gleich behandelt werden.

Die erste Variante ist – offenkundig – seit 70 Jahren Inhalt von Artikel 3 Absatz 1 Grundgesetz. Die zweite Variante ist ebenso offenkundig eine alberne Verhöhnung dieses Prinzips mit den Mitteln vorgetäuschter Wortlaut-Genauigkeit. Kein bei Trost befindlicher Politiker, Richter, Rechtswissenschaftler oder Bürger vertritt die Ansicht, wenn man das sachlich Ungleiche genau gleich behandele, entstehe Gerechtigkeit. Um das zu behaupten, muss man entweder sehr doof oder sehr böswillig sein.

Zur Veranschaulichung ein paar konkrete Enthüllungen aus nuhrschen Anmerkungen zur Gerechtigkeit:

Arbeit: „Leistung an sich hat ja teilweise bei uns schon den Geruch des Ungerechten.“

„Einer wird Pilot. Und ein anderer darf das nicht, bloß weil er jetzt blind ist. Das ist ja nicht gerecht, wenn man als Blinder nicht Pilot werden darf.“

„Die einen dürfen auf die Universität, und die anderen gehen mit 23 noch in die 4. Klasse, bloß weil sie nicht eins und eins zusammenzählen können. Und da fragen heute viele völlig zu Recht, wer bestimmt das eigentlich, dass eins und eins immer zwei sein muss. Das ist doch Willkür; das ist dieses kapitalistische System, dass es immer nur um Zahlen geht, selbst im Mathematikunterricht.“

„Die Ungerechtigkeit ist manchmal gar nicht zu korrigieren. das geht im Berufsleben los und hört damit auf, dass Frauen die Kinder kriegen. Das ist ungerecht. Ich wäre auch gern mal schwanger gewesen.“

Armut: „Gerade kamen ja zwei Studien raus… Die eine sagte, die Armut in Deutschland ist auf dem Rückzug, und die andere sagte, die Armut in Deutschland ist auf Rekordstand. Und da sieht man mal wieder: Jede Statistik ist so gut wie der, der sie verdreht (…) Studenten sind öfter arm als früher. Weil die Anzahl der Studenten stark gestiegen ist.“

Bildung: „Viele wollen ja die Noten abschaffen, weil die Kinder unterschiedlich leistungsfähig sind und deshalb unterschiedliche Noten kriegen. Das sei ungerecht. Und gerecht wäre, wenn alle die gleichen Noten bekämen, die Hochbegabten und die Idioten. Weil die ja nicht dafür können, dass sie Idioten sind. ÖUrgghh (imitiert einen geistig Behinderten)… Da kommen dann beim Elternsprechtag immer die Eltern. Die sagen: Meiner ist doch hochbegabt, der haut doch die andern immer auf die Fresse. Da können Sie als Lehrer nicht die Wahrheit sagen heute. Können Sie denen nicht erklären: Wenn Sie Glück haben, findet ihr verkorkster Halbaffe mit 14 ‘ne Lehrstelle als Roggenbrot. Weil in einer gerechten Welt sind alle schlau.“

Fremde: „Wir schaffen das, hat die Kanzlerin gesagt. Ein schöner Satz. so christlich…Na ja, jedenfalls haben das viele in Afrika damals als Einladung verstanden. Die ganzen Menschen aus allen Winkeln der Welt.

Mit Teddies wurde gewunken am Bahnhof, von Bewegten, von Linken, von Grünen. Es war abzusehen, dass das schiefgehen muss. Ne, von lauter Afrikaner und Araber, ne, ich war da schon mal: Mali, Sudan, Jemen und so weiter. Und ich kann ihnen sagen: Es sind Landstriche, in denen kulturell sehr wenig Wert gelegt wird beispielsweise auf Mülltrennung.

Und da waren viele Flüchtlingshelfer schon nach sehr kurzer Zeit frustriert und ha‘m gesagt: Die sammeln die Flaschen nicht; das Fladenbrot, was die essen, das enthält ja Gluten; und das ganze Fleisch, die essen Fleisch, die armen Tiere; und die Plastiktüten. Schon nach kurzer Zeit.“

Sex: „Irgendwann wird es Gleichstellungsgesetze geben, die dafür sorgen, dass jeder Hüne wenigstens einmal im Leben eine verhutzelte Hexe beschlafen muss…“

Diese lustigen Beschreibungen des – wie Sie hoffentlich bemerkt haben – vollständig verblödeten Mainstream-Bedürfnisses nach Gleichmacherei führt auf die Grundfragen der Gerechtigkeit in der Perspektive des bombensuchenden Prinzgemahls:

Wenn alles gerecht ist, wird man nicht mehr zum Leben kommen, weil man den ganzen Tag damit beschäftigt ist, gerecht zu sein. Immer wenn der eine was macht, muss jeder andere dasselbe machen, und dasselbe kriegen… Gerechtigkeit ist das Gegenteil von Freiheit, Lockersein… Wenn wir alles gerecht machen würden: Es wäre der Horror. Alles wäre geregelt. Keiner dürfte mehr was sagen. Wenn einer was sagt, müssten immer auch die anderen was sagen. Weil die alle gleich viel zu sagen haben sollen. Es wäre ein Horror.

Wer sich ein Herren-Fußballspiel anguckt, müsste sich auch ein Frauen-Fußballspiel angucken. Und natürlich eins der Transsexuellen, der Blinden und der Lahmen… Wenn irgendwann mal alles gerecht ist, dann werden wir beim Blindenfußball sehen, dass auch die Sehenden mitspielen dürfen. Dann dürfen auch Gesunde auf dem Behindertenparkplatz stehen…,. dann werden die Reichen arm und die Armen reich… Absolute Gerechtigkeit ist nur zu haben in der absoluten Diktatur…

… und Einigkeit

Frage: Was will uns der Künstler sagen? Er verhöhnt den menschenrechtlichen Gleichheitssatz, indem er ihn in sein Gegenteil verdreht und frei erfundenen Unsinn als angeblichen „Mainstream“ ausgibt, dem er sich zu widersetzen behauptet. Das Prinzip der Nuhrschen Komik ist dabei immer gleich: Von oben nach unten wird Verachtung durchgereicht. Das erreicht, bei Licht betrachtet, bestenfalls das Niveau eines Karnevalsabends im AfD-Ortsverein.

Natürlich darf jeder lachen, worüber er mag. Aber muss man das deshalb gleich stundenlang im Fernsehen zeigen? Ich schlage deshalb vor, die Programmverantwortlichen zur Strafe zu verpflichten, einer zehnstündigen Non-Stop-Aktion des Performance-Künstlers Dieter Nuhr beizuwohnen und dabei drei Flaschen „Oppenheimer Krötenbrunnen“, lieblich, zu verzehren.

Quelle

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Klick

was vor allem gerade schief läuft

manchmal macht es klick, wenn ich texte lese. dann kommen sachen die mir im kopf schwirren plötzlich zusammen, weil irgendwer es geschafft hat die schwirrenden dinge zu verbunden und per logik das schwirren zumindest für eine weile zu unterbinden. zuletzt ist das vor ein paar tagen robert reich gelungen. dessen leider etwas bescheuert übertitelter text Amazon Is Everything That's Wrong With America viel weniger polemisch ist als die überschrift vermuten lässt.

in aller kürze sagt reich im text, dass amazon ein symptom der derzeitigen krise in amerika ist, bzw. dass amazons jüngste entscheidung für zwei neue hauptquartiere das problem deutlich macht, an dem amerika leidet — aber auch andere westliche länder:

das problem ist eine wachsende ungleichheit von orten („widening inequalities of place“). amazon habe sich entschieden seine zwei neuen hauptquartiere in new york und der stadt washington anzusiedeln, weil amazon talentierte menschen braucht um sein geschäft zu betreiben und weiterzuentwickeln.

amazon verkaufe eben nicht nur sachen im internet, sondern erfindet sich ständig neu, und verbessert seine methoden ständig, um konsumenten besser und schneller zu bedienen. amazon ist auf technologie angewiesen und technologie ist eben kein ding an sich, sondern ein prozess, ein hin und her, dialoge zwischen menschen, die voneiander lernen, sich inspirieren und sich gegenseit (intellektuell) auf die schultern steigen. und genau das passiere eben in hauptsächlich in wenigen geographischen clustern, in den USA vor allem an den küsten, bzw. den grossen urbanen regionen dort, eben die westküsten von washinton und kalifornien oder an der ostküste um washington DC, boston und new york. in europa ist das nicht anders, auch hier findet technologische innovation in urbanen gegenden statt, weniger im ländlichen raum.

die talentierten menschen, die technologie vorantreiben, die in technologie-firmen arbeiten, studieren in städten und ziehen die grossräume von städten auch zum späteren leben und arbeiten vor.

und genau das ist das problem, der ländliche raum bleibt vom derzeitigen fortschrittstreiber ausgeschlossen, aber vor allem auch von den geld und steuer-strömen die sich fast ausschliesslich in die städtischen räume ergiessen.

Between 2010 and 2017, according to Brookings, nearly half of the America’s employment growth centered in just 20 large metro areas, now home to about a third of the U.S. population.

Relative to these booming hubs, America’s heartland is becoming older, less well-educated, and poorer.

The so-called “tribal” divide in American politics, which Trump has exploited, is better understood in these economic and cultural terms: On one side, mega-urban clusters centered on technologies of the future. On the other, great expanses of space inhabited by people left behind.

überspitzt formuliert: der ländliche raum verarmt, verblödet, überaltert. populisten wie trump wissen das mit ihren lügen, hohlen versprechen und vermeintlichem mitgefühl für die unterpriviligierten auszunutzen. die gutbezahlten jobs entstehen in den metropolen, aber auch hier entstehen durch einkommensungleichheit immer mehr prekäre einkommenssituationen.

auch in deutschland scheinen sich diese probleme zuzuspitzen. die unterschiede zwischen arm und reich steigen, die mittelschicht verschwindet und die gutbezahlten jobs entstehen in den städten. amazon hat sein hauptquartier in münchen schwabing, „am Berliner Standort entwickelt Amazon“, laut selsbtbeschreibung, „seit 2013 zukunftsweisende Technologien“, „In Dresden ist das Amazon Office ein Kompetenzzentrum für Linux Kern- und Hypervisor-Entwicklung“, die eher schlechtbezahlten jobs in logistikzentren siedelt amazon auch im ländlichen raum an (graben, bad hersfeld, rheinberg, werne, pforzheim, koblenz, brieselang oder winsen).

in deutschland wie in amerika tendieren die metropolen politisch nach links. seattle, kalifornien, new york, washington dc, alle nennt robert reich „true blue“, also demokratisch dominiert. die republikaner sind dafür in den ländlichen gegenden stärker. in deutschland sind die metropolen zwar nicht blau, aber dafür stark von rot und grüntönen dominiert. in den USA verzerrt sich durch die konzentration der prgressiven wähler in den metropolen auch das poliztische klima:

Another consequence is a more distorted democracy. California (now inhabited by 39.54 million) and New York (19.85 million) each get two senators, as do Wyoming (573,000) and North Dakota (672,591).

Even though Democratic Senate candidates in the midterm elections received 12 million more votes than Republican Senate candidates, Republicans still gained at least one more Senate seat.

ich vermute, dass das sich das in deutschland tendenziell ähnlich verhält, auch wenn die gleichheit der wahl in deutschland offenbar ein höheres gewicht hat, als in den USA.

das problem des „tribal divide“ dürfte sich aber in den kommenden jahren genauso verstärken, wie sich die trends der wachsenden einkommenungleichheit und der sich ausdünnenden mittelschicht auch langsam aber sicher bei uns breit machen.

robert rechs wikipedia-artikel zu lesen, lohnt sich übrigens auch:

In seinem Werk Supercapitalism stellte Reich fest, im vorherrschenden Wirtschaftssystem würden Personen als Verbraucher und Anleger zunehmend mehr Macht erhalten, als Arbeitnehmer und Bürger jedoch immer weniger. Ein Primat der Ökonomie über die Politik untergrabe die Demokratie. Reich stellte dem eine Forderung nach dem Primat der Politik entgegen.[3]

Reich begründet seine Auffassung mit dem Paradox des Superkapitalismus. Dieses besagt: Die Bürger in den Industrieländern und immer mehr Menschen in Schwellenländern profitieren als Verbraucher und Anleger von der Globalisierung und Liberalisierung der Märkte, als Bürger ihrer Staaten lehnen sie jedoch deren negative Folgen weitgehend ab. Als Konsumenten suchen sie nach den besten Preisen, als Bürger beklagen sie jedoch das Aussterben der kleinen Quartierläden und die schlechten Arbeitsbedingungen in den Supermärkten. Als Anleger erwarten sie hohe Renditen, als Bürger verurteilen sie jedoch die Manager, die aus Renditegründen Arbeitsstellen kürzen. Für Reich ist die Bilanz dieser Ambivalenz eindeutig: Die Anleger und Konsumenten sind die Gewinner der Globalisierung. Ihre Auswahlmöglichkeiten nehmen laufend zu. Die Bürger hingegen sind immer öfter die Verlierer: Die Löhne nehmen ab, die Arbeitsunsicherheit nimmt zu und ebenso die gesellschaftliche Ungleichheit.

Der Vorzug von Robert Reichs Superkapitalismus-Konzept liegt darin, dass es nicht zu unsachlicher System- oder Kapitalismuskritik verleitet, denn neoliberal sind in dieser Betrachtungsweise nicht Systeme, sondern Personen, die als Investoren und Konsumenten handeln.

das ist eigentlich ein schöner schlusssatz, auch wenn vieles von dem was reich sagt nachdenkenswert und diskussionswürdig ist: neoliberal sind nicht „die da oben“, sondern wir konsumenten.

Quelle: http://wirres.net/article/articleview/11105/1/6/