Frankreich | Fundamental ungerecht

In diesem Land war die Rentenordnung schon während der IV. Republik (1944–1958) heftig umstritten. Gegen eine damals beabsichtigte Reform der Pensionsleistungen streikten allein 1953 heute kaum vorstellbare vier Millionen Menschen. In der 1958 ausgerufenen V. Republik gab es schließlich fünf Anläufe, das Rentensystem zu reformieren – 1995, 2003, 2007, 2010 und nun 2019, jeweils verbunden mit landesweiten, eine Gesellschaft erschütternden Streiks, die bisher viermal Erfolg hatten. Das heißt, viermal wurden die jeweiligen Regierungen zum Rückzug oder zumindest dazu gezwungen, ihre Vorhaben zu entschärfen.

Seit Emmanuel Macron Sozialreformen – zuweilen mit umstrittenen Methoden wie der verfassungsrechtlich zulässigen Umgehung des Parlaments – durchbringt, reden in Paris konservative Politiker das Ende der Gewerkschaften herbei. In diesen Kanon wollten nach dem überraschenden Erfolg für die Bewegung der „Gilets jaunes“ auch viele mediale Beobachter einstimmen. Sie verkündeten den Untergang der Gewerkschaftsverbände nicht zuletzt deshalb, weil die sich gegenüber den Gelbwesten desinteressiert zeigten, wie diese ihrerseits mit institutionell organisierter Politik nichts zu tun haben wollten. Ausschreitungen am Rand der Gelbwesten-Proteste dienten zudem dazu, die Bewegung pauschal als „antisemitisch“ und als Anhängsel von Marine Le Pens rechtsextremer Partei Rassemblement National (RN) zu etikettieren.

Angesichts des Generalstreiks vom 5. Dezember 2019 und der folgenden Streiktage erweisen sich beide Zuschreibungen als voreilig. Ostentativ und absolut unübersehbar demonstrieren seit einer Woche Gewerkschaften und Gilets jaunes gemeinsam gegen das Rentenreformprojekt aus dem Elysée. Nur so erklärt sich die massenhafte und flächendeckende Mobilisierung von rund einer Million Menschen und mehr – ein Vielfaches des Mitgliederstandes mancher Gewerkschaftsverbände. Und es streiken nicht nur Bus- und Metro-Fahrer, auch Lehrer, Anwälte, Ärzte, Angestellte in Verwaltungen sowie Feuerwehrleute.

Gebrochene Versprechen

Die Vehemenz der Aktionen erklärt sich aus der Präsentation des Reformprojekts. Macron hat offenbar geglaubt, er würde sich leichter durchsetzen und den Gewerkschaften eine Mobilisierung erschweren, wenn er die Details der Reform gar nicht erst bekanntgibt. Seit einem halben Jahr ununterbrochen wiederholt wurde stattdessen eine Zahl: 42 Rentenregelungen für fast so viele Berufsgruppen. Es sei an der Zeit, sie abzuschaffen und durch ein einheitliches Punktesystem für einbezahlte Rentenbeiträge zu ersetzen. Das hörte sich vernünftig an, war aber politisch hinterhältig und erwies sich bei genauerem Hinsehen als fundamental ungerecht. Frankreichs im internationalen Vergleich relativ hohes Rentenniveau wie auch das frühe Renteneintrittsalter für einzelne Berufssparten waren bislang in doppelter Hinsicht gerechtfertigt: mit der Belastung durch Schichtdienste und durch den oft geringen Lohn in einem Jahrzehnte verschlingenden Arbeitsleben, was nach der Pensionierung durch auskömmliche Bezüge kompensiert werden sollte. Würden nun jedoch die 42 Sonderregelungen durch ein Punktesystem ersetzt, wäre nebenher und stillschweigend auch das Kompensationsversprechen abgeräumt.

Unangemessen ist das scheinbar so einfache Punktesystem auch deshalb, weil es wie ein Rasenmäher funktioniert und ein Gerechtigkeitsprinzip missachtet, das verlangt – sachlich angemessen und logisch zwingend – Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Doch werden mit der Einführung eines vermeintlich egalitären Punktesystems nicht „Privilegien“ und „Pfründe“ beseitigt, wie es auch aus deutschen Medien seit Monaten unisono tönt, sondern Versprechen gebrochen, an denen sich Menschen mit ihrer Arbeit wie Lebensplanung orientiert haben. Die Folge sind Angst und Verunsicherung. Viele glauben, recht viel zu verlieren.

Daraus erklärt sich auch das Paradox in den Umfragen des Institut français d‘opinion publique (Ifop), wonach zwar 76 Prozent der Franzosen das Rentensystem für reformbedürftig halten, aber zugleich 70 Prozent gegen die jetzige Reform und für Streiks sind. Ebenso viele vertrauen im Übrigen Präsident Macron nicht mehr.

Annie Ernaux ist dabei

Kein Zufall, dass augenblicklich immer wieder an den dreiwöchigen Ausstand der Eisenbahner gegen eine Rentenreform im November/Dezember 1995 erinnert wird. Damals war es der Soziologe und Philosoph Pierre Bourdieu, der gegen konformistische Intellektuelle auftrat, die den neoliberalen Juppé-Plan begrüßten und gegen „Privilegierte“ polemisierten. Dieser Plan sah nichts Geringeres vor, als den Sozialstaat zu demontieren, um den Staatshaushalt zu sanieren und die vom Maastricht-Vertrag gesetzte Drei-Prozent-Verschuldungshürde zu meistern. Bourdieu machte den Streikenden und den Gelehrten der „pensée unique“ (frei übersetzt: Normalitätsdenkerei) in Wirtschaft und Wissenschaft klar, dass die Proteste gegen den Juppé-Plan für die Regierenden zur „Krise“, für Linke und Gewerkschaften aber zu Garantien für eine lebenswerte Zukunft führten. Bourdieu sprach 1995 vor streikenden Eisenbahnern in der Pariser Gare de Lyon und ermunterte sie, „die Demokratie gegen die Technokratie“ zurückzuerobern, die der „Staatsadel“ im Zusammenspiel mit Banken, Wirtschaftsverbänden und willigen „Doxosophen“ (Meinungsmacher, die sich als Experten aufspielen) durchsetzen wollte. Von den prominenten Intellektuellen war Bourdieu seinerzeit fast der einzige, der sich mit den „kleinen Leuten“ solidarisierte und die Mühsal anerkannte, die sie das tägliche Überleben kostete.

Wie einst Bourdieu stehen heute 180 Intellektuelle und Künstler mit einem Aufruf den Streikenden zur Seite. Zu den Unterzeichnern zählen die Schriftstellerin Annie Ernaux und die Regisseurin Arianne Mnouchkine, der Philosoph Etienne Balibar und der Ökonom Thomas Piketty. Wie Bourdieu 1995 wenden sie sich gegen jedwede Denunziation der Streikenden.



https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/fundamental-ungerecht

Verstehen | Das Handke-Urteil

„Auf dem Treidelpfad begegneten wir einer langen Reihe von Kretins, an denen wir vorbei mußten. Der erste war ein großer junger Mann, nur gerade so absonderlich, daß man zweimal hinschaute, mehr nicht; der zweite schlurfte & sah zur Seite; & dann begriff man, daß jeder einzelne in dieser langen Reihe eine elende untaugliche schlurfende idiotische Kreatur war, ohne Stirn, oder ohne Kinn, & mit einem blöden Grinsen, oder einem wilden mißtrauisch starrenden Blick. Es war absolut entsetzlich. Sie sollten wirklich getötet werden.“

Madame Nielsen (* 6. Mai 1963 in Aalborg) ist Performerin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin. Im Januar 2020 erscheint ihr Roman Das Monster bei Kiepenheuer & Witsch

Im Winter 2016 verbrachte ich einen Monat in einem Schloss aus dem sechzehnten Jahrhundert im Schottischen Hochland, ohne Internet oder Telefon und die meiste Zeit auch ohne Heizung. Jeden eiskalten Abend lag ich in meinem Bett und las etwas aus dem Stapel an Büchern, die ich in der Schlossbibliothek gefunden hatte, darunter ein Band mit Virginia Woolfs Tagebüchern. Und am 19. Februar 2016 lese ich, was sie fast genau hundert Jahre früher, am 9. Januar 1915, über ihre Begegnung mit einer langen Reihe „Kretins“ – also jenen, die man in meiner Kindheit „Schwachsinnige“ nannte, und heutzutage „geistig Behinderte“ – geschrieben hatte, ihren Anblick: It was perfectly horrible, „Es war absolut entsetzlich“ oder „abscheulich“. Und: They should certainly be killed, „sie sollten wirklich getötet werden“.

Es war ein Schock. Wie ich in mein Tagebuch schrieb: „Es ist absolut entsetzlich.“ Virginia Woolf, die von aller Welt kanonisierte große englische Schriftstellerin und für viele auch Feministin. Mit diesem Zitat entlarvt sie sich eher als Nazistin, als Fürsprecherin von Erb- und Rassenhygiene und Vernichtung derer, die abweichen von der Normalität.

Hat sie das wirklich geschrieben? dachte ich, davon habe ich nie irgendwo etwas gelesen, bist du sicher, dass es keine „fake news“ sind? Ja. Es steht in den „autorisierten“ Tagebüchern. Sieh selbst!

Das änderte meine Wahrnehmung von Virginia Woolf und allem, was sie geschrieben, grundlegend. Wirklich? Ja und nein. Es zwang mich, über ALLES, was sie geschrieben hat, neu nachzudenken, auch Zum Leuchtturm und Miss Dalloway, meine Woolf-Bibeln. Aber es bedeutete nicht, dass ich aufgehört hätte, Virginia Woolf zu lesen. Im Gegenteil, ich las sie aufs Neue.

Noch wichtiger: Es unterstrich, dass jeder Schriftsteller in einer bestimmten Zeit schreibt, die ihre eigene Sprache mit je ganz besonderen und auch entsetzlichen Möglichkeiten und entsprechenden Begrenzungen hat, untrennbar verbunden mit einer spezifischen Denkart, Ideologie und dem Zeitgeist. Im Jahr 1915 waren Eugenik und Erblehre progressiv. 1915 war es nicht pervers, sondern eher zeittypisch, zu denken und schreiben, dass Menschen, die man heute geistig behindert nennt, getötet werden sollten. Aber macht das Woolf zu einem unschuldigen Kind ihrer Zeit? Nein! Auch 1915 hatte sie die Möglichkeit, ja, geradezu die Verpflichtung, gegen den Zeitgeist zu denken und zu schreiben, es gab 1915 doch viele, die sich zur Eugenik kritisch verhielten und eben nicht meinten, dass „Kretins“, „Schwachsinnige“ oder „geistig Behinderte“ umgebracht werden sollten oder entsetzlich anzusehen waren. Woolf hätte durchaus anders denken und schreiben können.

Aber nochmals: Ich habe nicht aufgehört, Virginia Woolf zu lesen, im Gegenteil, ich werde sie lesen till the day I die, aber mit anderer Aufmerksamkeit.

Kann man ihn immer noch lesen?

Und jetzt Peter Handke? Hat er den Nobelpreis verdient? Ein „Faschist“, der sich mit dem Kriegsverbrecher Radovan Karadžić getroffen (und „Werke“ mit ihm getauscht!) und eine Rede bei Milošević’ Begräbnis gehalten hat? Oder wichtiger: Kann man Handke, trotz allem, was er getan und gesagt und geschrieben hat, immer noch lesen? Und was hat er eigentlich geschrieben?

Wie ein Bekannter, der nicht wie ich ziemlich viel zu viel von Handke gelesen hat, schrieb, als die Debatte tobte: „Gibt es eigentlich irgendein eindeutiges Zitat, bei dem man unzweifelhaft sagen kann: „Ha!, da haben wir’s, der Mann ist Faschist, Völkermordleugner, Kriegsverbrecher etc.? Denn bis jetzt habe ich in all den empörten Kommentaren kein einziges solches Zitat gesehen.“

Mal sehen! Handkes Schriften über Serbien und Ex-Jugoslawien bestehen aus alles in allem acht Büchern, im Zeitraum von zwei Jahrzehnten geschrieben, von 1991 bis 2011, und da Handkes Verlag Suhrkamp sie 2018 mit beispielhafter Voraussicht in einem Band der sogenannten Peter Handke Bibliothek gesammelt hat, liegt es nahe, sie alle und wie in einer Bewegung zu lesen, eine Entwicklungsgeschichte von Peter Handkes Verhältnis zu Serbien und Ex-Jugoslawien.

Bereits auf der ersten Seite des ersten der acht Bücher, Abschied des Träumers vom Neunten Land. Eine Wirklichkeit, die vergangen ist: Erinnerung an Slowenien, reicht Handke uns einen entscheidenden Schlüssel für die ganze „Geschichte“: Damit Handke den Grund für etwas – einen Krieg, eine Intervention, die Bildung neuer Staaten usw. – verstehen kann, muss er ihn erst sehen: „Das Hauptwort ,Grund‘ kann, für mich jedenfalls, nur bestehen zusammen mit dem Zeitwort ,sehen‘.“ Und etwas weiter unten auf der Seite: „Das Land Slowenien [ ... ] betrachte ich als eine der wenigen Sachen, welche bei mir zusammengehören mit dem Beiwort ,mein‘; Sache nicht meines Besitzes, sondern meines Lebens.“

Peter Handke wuchs in Österreich nahe der slowenischen Grenze auf, die Dorfgemeinde war „österreichisch-slowenisch“, beide Sprachen und ihre Sprachrohre waren lebendig ineinander gesponnen und verheiratet, und da Handke 1942 geboren wurde, war Slowenien bis 1991 sein ganzes bewusstes Leben lang ein Teil von Jugoslawien gewesen. Mit Fug und Recht, das erlebte Handke von früher Jugend an auf Reisen nach Jugoslawien: Wie in seinem eigenen Dorf waren auch in Jugoslawien verschiedene Völker, Sprachen und Religionen ineinandergelebt, und zwar bis ganz in die einzelnen Familien, nicht bloß friedlich, sondern glücklich und vorbildlich: „Damals war es auch, dass Jugoslawien mir das wirklichste Land in Europa bedeutete.“

Darum kann Handke nicht den Grund für den plötzlichen Nationalismus in den einzelnen Teilstaaten Ende der Achtziger, die daraus resultierenden Bürgerkriege und die slowenische Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991 begreifen. Er muss den Grund sehen, also reist er ’90 und ’91 mehre Male in sein Slowenien und begegnet alten Freunden, die plötzlich statt miteinander zu reden nationalistische Monologe runterleiern, er sieht die Spaltung von Milieus und Familien und hört von brutalen Erschießungen, und er sieht keinen Grund für ein selbstständiges Slowenien.

Im Lauf der folgenden vier Jahre wüten Bürgerkriege in dem, was nun endgültig Ex-Jugoslawien zu sein scheint, und die internationale Gemeinschaft (lies „der Westen“) nimmt die Region in den Blick, wird aber bald mit hineingesogen und selbst Kriegspartei. Im Lauf der vier Jahre entsteht – nicht zuletzt in den internationalen Medien – der Konsens, die Serben seien „die Aggressoren“.

Für Handke war Serbien „das mir von allen Ländern Jugoslawiens [ … ] am wenigsten bekannte“. Darum, aber „vor allem der Kriege wegen“ verspürte er zunehmend den Drang, „in das Land der allgemein so genannten ,Aggressoren‘“ zu reisen, denn, nicht zuletzt: „beinah alle Bilder und Berichte der letzten vier Jahre kamen ja von der einen Seite der Fronten oder Grenzen, und wenn sie zwischendurch auch einmal von der anderen kamen, erschienen sie mir [ ... ] als Verspiegelungen in unseren Sehzellen selber, und jedenfalls nicht als Augenzeugenschaft. Es drängte mich hinter den Spiegel; es drängte mich zur Reise in das mit jedem Artikel, jedem Kommentar, jeder Analyse unbekanntere [ ... ] Land Serbien.“

Was er dann auch tut. Mit zwei serbischen Freunden reist er im Herbst 1995 nach Belgrad, von wo aus sie zwei kleine Expeditionsfahrten aufs Land machen. Auf dieser Grundlage entsteht das zweite Buch, der Augenzeugenbericht mit dem Untertitel Gerechtigkeit für Serbien. Und hier ist der Ort, um auf einen weiteren entscheidenden (und in der Debatte verblüffend selten erwähnten) Schlüssel für die Geschichte von Handke und Serbien aufmerksam zu machen: Bevor Peter Handke Schriftsteller wurde, hatte er an der Universität Graz vier Jahre lang Jura studiert und interessierte sich seit seiner frühen Kindheit für Kriminalromane, Gerichtsprozesse und Fragen von Schuld und Unschuld, Urteil und Strafe usw. Der Titel Gerechtigkeit für Serbien ist also nicht als parteiische Stellungnahme zu verstehen, sondern als juristischer und rechtlicher Imperativ: Ehe ein „Aggressor“ benannt und eine der Kriegsparteien verurteilt wird, sind alle Parteien gleichberechtigt anzuhören. Und da die internationalen Medien in Handkes Augen einseitig der einen Partei – den Bosniern, Slowenen, Mazedoniern, Kroaten ... – zugehört und über sie berichtet haben, aber im Großen und Ganzen nicht der anderen Partei, den Serben, will Handke das nun auf eigene Faust tun.

Zunächst einmal stellt Handke sich also nicht auf die Seite der Serben in den Kriegen gegen die restlichen ex-jugoslawischen Länder, sondern auf die Seite der Gerechtigkeit gegen die internationale Öffentlichkeit und vor allem die Medien: Das Anfangskapitel ist eine lange Anklageschrift gegen die internationalen Medien (stellenweise recht schrill, es ist deutlich, dass das Buch ursprünglich in Form zweier langer Artikel in der Süddeutschen Zeitung erschien und sich somit der Medienöffentlichkeit einschreibt, die er kritisiert).

Aber dann folgen die Augenzeugenberichte, und hier treten Handkes besondere und besonders preiswürdigen Qualitäten als Augenzeuge und als Schriftsteller exemplarisch zutage. Auch als Augenzeuge ist seine Poetik eine Abrechnung mit dem herrschenden Journalismus: Er will sich nicht nur im Zentrum, den Großstädten, bewegen und aus ihnen berichten „sondern, vor allem, in den kleinen Städten und den Dörfern, und womöglich zeitweise auch fern von jeder Ansiedlung.“ Nicht bloß den Menschen will er zuhören, auch dem Land selbst, der Landschaft und der Witterung, den Tieren, Pflanzen und noch dem kleinsten, geringsten Ding, ja, genau dem, und im Gegensatz zu den Journalisten nicht das Wichtige, Wesentliche und zur Sache Gehörende, sondern „Nebensachen“, ja, das Nebensächliche, all das Unauffällige und „Verbindende, das Umfassende“.

Es herrscht Handlungsarmut

Es geschieht nicht viel in seiner Erzählung, er befindet sich in einer vom Krieg verwüsteten Landschaft, aber nicht an der Front, und doch ist die Front überall, noch im kleinsten, geringsten Ding. Sie verbringen ein paar Tage in Belgrad, Handke geht durch die Stadt, schaut sich um. An einem Tag steigen sie ins Auto und besuchen die Eltern des einen Serben auf ihrem Hof südöstlich von Belgrad, an einem anderen Tag fahren sie zu einem Kloster im südlichen Bergland. Und endlich begeben sie sich auf eine längere Reise durch die Berge in das Dorf Bajina Bašta, das jetzt plötzlich an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina liegt, sie besuchen Exfrau und Tochter des anderen Serben und werden mehrere Tage im „Hotel Drina“ eingeschneit. Nur ein Mal macht sich Handke allein auf, an einem Morgen, den Grenzfluss Drina entlang, und sieht auf die andere Seite hinüber in das jetzt andere Land, wo alles verlassen scheint, Bombengelände, Ruinen, weder Tiere noch Menschen.

Was sieht er sonst noch? Kleinigkeiten, das Allergeringste. Das verbindet und umfasst. Er hockt sich ans Ufer des Flusses, und „Flussaufwärts, vielleicht kaum dreißig Kilometer weg, sollte das Gebiet der Enklave von Srebrenica beginnen. Eine Kindersandale dümpelte zu meinen Füßen. „Du willst doch nicht auch noch das Massaker von Srebrenica in Frage stellen?“, fragt seine Frau bei der Rückkehr nach Paris. „Nein“, sagte ich. „Aber ich möchte dazu fragen, wie ein solches Massaker denn zu erklären ist, begangen, so heißt es, unter den Augen der Weltöffentlichkeit [ ... ] und noch dazu, wie es heißt, als ein organisiertes, systematisches, lang vorgeplantes Hinrichten.“ „Warum solch ein Tausendfachschlachten? Was war der Beweggrund? Wozu? Und warum?“, fragt er die internationale Medienöffentlichkeit, „statt einer Ursachen-Ausforschung [ ... ] wieder nichts als der nackte, geile marktbestimmte Fakten- und Scheinfakten-Verkauf?“ Auch in der Frage des wohl berüchtigtsten Ereignisses der Kriege in Ex-Jugoslawien plädiert Handke also für Gerechtigkeit und Klarlegung von Ursachen und Beweggründen, und erst danach: ein Urteil. Darum schreibt er das, was in den letzten Wochen am häufigsten als Beweis für seine Faktenverleugnung und Geschichtsrelativierung angeführt wurde: ,der mutmaßliche Genozid von Srebrenica‘. Mutmaßlich?!, dachte ich auch mit Schaudern, als ich es zum ersten Mal las, die ganze Welt weiß doch ... Nein, antwortet Handke damals im Jahr 1996: „des mutmaßlichen (im Augenblick, Mitte Juli 1996, immer noch das richtige und rechtliche Beiwort) Genozids von S.“

Und das ist wohl das bisweilen Unerträgliche an Handkes Verhältnis zur Gegenwart und zur Geschichte: Selbst in Augenblicken, wo die Tatsachen zum Himmel zu schreien und eine unmittelbare Reaktion zu erfordern scheinen, besteht Handke auf Langsamkeit, Nachforschung, Zivilisation. Eine unmenschliche Forderung, es gibt keinen objektiven Blick, jeder Mensch ist von vornherein ein lebendiger Teil der Geschichte und ihr eingeschrieben. Auch Handke. Was er nur zu gut weiß. Er besteht selbst darauf, dass sein Schreiben nicht objektiv ist. „Ich“, schreibt, insistiert er. Und dieses „Ich“ ist zum Irrtum verurteilt. Wie jedes anderes Ich, auch dieses. Urteile selbst.

In einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat der Germanist Jürgen Brokoff bereits 2010 sein unmittelbar sehr überzeugendes Urteil geliefert, indem er anhand von kleinen, mit chirurgischer Präzision ausgeschnittenen Zitaten aus Handkes Serbien-Schriften zu beweisen scheint: „der eigentliche Sündenfall dieses Autors ereignet sich nicht auf dem Feld des Politischen, sondern auf dem Feld des Literarischen. Die textstrategisch äußerst geschickten Anleihen bei der Sprache des serbischen Nationalismus, seine antimuslimischen und antialbanischen Insinuationen auf der symbolischen Ebene und seine Verhöhnung der muslimischen Opfer des Bosnien-Krieges machen dies deutlich.“ Ist das die Wahrheit, das gerechte Urteil? Mehr darüber später.

Jedes Ding zitterte vor Intensität

Als Handke von seiner ersten Serbienreise nach Paris zurückkehrt, sind die Medien voller Bilder und Fakten über den Krieg, doch die Menschen um ihn herum in den Straßen scheinen vollkommen unbeeindruckt, und das, obwohl ihre Kriegsflugzeuge und die der übrigen NATO-Bürger rund um die Uhr von dem Militärflugplatz vor der Stadt abheben und über ihre Köpfe fliegen. Es herrscht business as usual, eine in Handkes Augen perverse Oberflächlichkeit, hier gibt es kein Dasein, das Leben ist nicht im, steht nicht auf dem Spiel, und er sehnt sich zurück zu der „Wirklichkeit“ in Serbien. Und hier spüre ich eine Parallele zu meinem eigenen Leben als Augenzeuge und Schriftsteller: Als ich 2004 von einer einmonatigen Reise durch den vom Krieg verwüsteten Irak nach Dänemark zurückkehrte, kam mir das Leben dort auch daseinslos, unwirklich vor. Wie Handke war auch ich nie zuvor in meinem Leben in einer Kriegszone gewesen, auch ich erlebte ein bisher nie gekanntes Dasein, jeder Augenblick und jedes kleine Ding zitterten geradezu vor Intensität und Wirklichkeit. Wie ich 2004 erlebt Handke 1996 eine Art Kriegskorrespondenten-Syndrom, einen narkotischen Sog zurück in den Ausnahmezustand und die „Wirklichkeit“.

Wenige Monate später, im Frühling 1996, bricht Handke zu seiner zweiten Serbienreise auf. Und hier ist es schon gleichsam geschehen. Anstelle des verlorenen Landes Slowenien sind Serbien und „das serbische Volk“ jetzt – in dem dritten Buch Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise – ein Teil seines Lebens und seiner Biographie geworden.

Diese zweite Reise ist auch eine Grenzüberschreitung: von Serbien über die Drina nach Bosnien und damit hinein in das Gebiet, wo die zahllosen Bürgerkriegshandlungen der Jahre und Monate zuvor ethnische Abgründe aufgetan hatten. Der erste Halt ist Višegrad, die Stadt, in der sich Die Brücke über die Drina ereignet hat, Ivo Andrics berühmter Roman, und damit die ganze multiethnische Vorgeschichte Jugoslawiens und der Kriege, die Stadt, die noch vor wenigen Jahren zu zwei Dritteln von bosnischen Muslimen bevölkert war, aber jetzt beinahe verlassen daliegt, abgesehen von vereinzelten heimgekehrten Serben und serbischen Flüchtlingen aus den nun fast rein muslimischen Teilen von Bosnien.

Auch dieses Mal kommt Handke nicht, um wie ein Journalist Fragen zu stellen, sondern bloß um als Zeuge denen zuzuhören, die jetzt da sind – und also keine überlebenden muslimischen Opfer der serbischen ethnischen Säuberung von Muslimen, die drei Jahre zuvor stattgefunden hatte, sondern im Gegenteil das mutmaßliche Tätervolk – und im Jetzt vielleicht die Vorgeschichte zu erahnen und damit das Warum und Wie konnte es geschehen, nach dem er am Ende des vorhergehenden Buches fragt.

Und was sieht er? Eine Geisterstadt, verlassene Straßen, nirgends ein Laut. Erst am Sonntag sickern die Menschen schweigend aus den Häusern und versammeln sich zur Messe in der Kirche und setzen sich hinterher je auf das Familiengrab ihrer im Krieg gestorbenen Söhne, Männer und Väter. Und Handke und seine zwei serbischen Mitreisenden setzen sich zu ihnen. Und hören zu. Und plötzlich wenden sich die Ortsbewohner wie mit einer Stimme gegen Handke. Nicht im Zorn auf die Muslime, aber auch nicht als reuevolle Mitschuldige an den ethnischen Säuberungen, im Gegenteil, als Ignorierte und von der internationalen Gemeinschaft Verleugnete und Verniemandete. In ihrem Zornesausbruch hört Handke vor allem Trauer, eine Trauer, die nicht bloß sie selbst umfasst, sondern die ganze Stadt und das Land und alle, die einmal waren, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft und ihrer Religion.

Die Brücke über die Drina in Višegrad

Foto: Imago/Zuma Press

Von Višegrad fahren sie schließlich bis tief ins Tal zu dem schwarzen Loch des Krieges und der Geschichte: Srebrenica. Und hier kommt es zu einem „Problem des Weitererzählens“. Sie sind nur wenige Stunden dort, und Handkes Augenzeugenbericht ist kein Bericht sondern eine „Arabeske“ aus „Kleinstbildern“, von denen er später, als er sich in Paris ans Schreiben macht, zweifelt, ob er sie überhaupt wirklich gesehen hat. Eine Stadt, die keine Stadt mehr ist, ohne Zukunft, aber „auch nicht einmal der leiseste Anhauch gleichwelcher Gegenwart.“ Die vereinzelten Gestalten sind lebende Tote, Gespenster, ein Mann, der „auf der einstigen Hauptstraße, der jetzigen Trümmerpiste, an uns vorbeizog, mit zurückgelegtem Kopf und weitgeöffneten Augen, wie geblendet.“

Und der Augenzeuge selbst? Mit jeder neuen Reise, jeder Seite, jedem Satz wird Handke mehr und mehr Teil der Geschichte und isoliert sich mehr und mehr mit den Serben gegen die Weltöffentlichkeit. In Gerechtigkeit für Serbien stand die Anklageschrift gegen die Medien isoliert als Vor- und Nachwort zu dem eigentlichen Augenzeugenbericht, doch hier im dritten Buch ist die Anklageschrift völlig in den Augenzeugenbericht hineinverwoben. Und die Anklageausbrüche werden (folglich?) immer paranoider und schlingern bisweilen zum Schaudern nah an der Grenze des Plausiblen und Rechtlichen. Es kommt allmählich zu einer Essentialisierung, die Serben sind mitunter keine Bevölkerung aus weit verschiedenen Menschenleben in lebenslangem Wandel, sondern „das serbische Volk“, und mit seiner Forderung nach genauem Hinhören und Ursachenforschung scheint er mehrmals nahe dran, in Frage zu stellen – wenn auch nicht, ob die Ereignisse, über die international Konsens herrscht, stattgefunden haben, jedenfalls doch – ob sie wirklich so stattgefunden haben, wie es heißt. Aber das tut er nicht. „Wie solch ein Klarstellen der Vorgeschichte nichts mit Aufrechnung zu schaffen hat, so selbstredend auch gar nichts mit einer Relativierung oder Abschwächung. Für die Rache gilt kein Milderungsgrund.“

Im März 1999 beginnt die NATO ihren 78 Tage langen Bombenkrieg gegen den serbischen Rest von Jugoslawien, und aus Solidarität mit seinem neuen Volk reist Handke im April nach Serbien, um die Bomben mit den Augen und Ohren der Serben fallen zu sehen und zu hören, und um der Geschichte eine andere Sprache zu geben, als das Fakten- und Bildbombardement der Medien: „Eine andere Sprache; oder auch nur ein anderer Tonfall, für J.[ugoslawien], für alle Länder!“

Paranoide Kritik

Auch in dem vierten Buch, Unter Tränen fragend, geschieht nicht viel; was er beschreibt, sind wieder die kleinsten Dinge und Stimmungen. Keine Kriegseuphorie, eher Apathie und kollektives Nach-Leben. (Und nicht zuletzt: die mangelnde Proportion zu der postmodernen Überlegenheit der NATO-Mächte, mit Präzisionsbombenwürfen, die auf einen Schlag das Innere eines zwanzigstöckigen Gebäudes vernichten, aber die Hülle stehen lassen, sodass das Gebäude von außen, von unten aus dem Blickwinkel der Serben und von Handke, immer noch unversehrt wirkt. „Das Bild dieser Kriegsreise [ ... ] : in einem einzelnen Baum neben der zertrümmerten TV-Anstalt die von der Bombe ins Freie geschleuderten Film- und Ton-Kassettenbänder, da wie absichtliche Girlanden von der untersten Ästen bis in die grünende Krone verflochten, und so glitzernd, schwingend, silberhell blinkend in dieser Morgensonne.“)

Handkes Serbien-Schriften sind inzwischen berüchtigt, entsprechend paranoid seine Kritik der Medien und der internationalen Gemeinschaft, die manchmal als Klammer-Blasen herausplatzt, mit denen er den Anklagen der Welt gegen sich selbst zuvorkommt: „(Achtung, Kriegspoesie!)“, „(Achtung, antiamerikanisch!)“, „(Achtung, Mitschuld des ausländischen Proserben, dass das serbische Volk weiterhin in seiner schuldhaften Unwissenheit und Verblendung verharrt!)“

Doch außerhalb der Klammern, im weitaus größten Teil des Buchs, ist die Stimmung eine ganz andere, gegenwartsverlassene: „Sonne, Blau. Leerer See, ohne Boote. Im Wald noch Buschwindröschen. Auf den fernen Straßen ab und zu ein Bus [ ... ] oder ein Traktor. Genauso vereinzelt Radfahrer wie müßig unterwegs, am See entlang. Eine Frau mit Kinderwagen. Ein Kind allein. Kein Laut. Keine Stimme. Von einer riesigen Wasserratte sich wellender See. Vorstellung einer Menschheit am Ende? Am Ziel?“

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag

Foto: John Thys/AFP/Getty Images

Um die Jahrtausendwende wandelt sich die Szene: Statt nach Serbien reist Handke mehrmals zum UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Wieder kommt er als Zeuge, er stellt anscheinend niemandem eine Frage, er betrachtet, hört, beschreibt, wundert sich. Aber, und jetzt gleichsam auf Lebenszeit, vom Schicksal gezeichnet: ein Als-ob-Serbe. Noch der kleinsten Dinge wegen, aber auch wegen der Prozesse gegen Nicht-Serben, welche die vorurteilenden Medien aus Handkes Sicht bewusst übersehen. Er beschreibt einen Zeugen in einem Prozess gegen einen bosnischen Lagerwärter und mutmaßlichen Mittäter an der muslimischen Säuberung von Serben im Čelebići-Lager, nicht dessen Zeugenaussage gegen den Wächter, sondern das Nebensächliche: der ältere, arme, zerschlissene Waldarbeiter erzählt plötzlich davon, wie er und die restlichen Serben zusammen- und auf einen viele Tage langen Marsch durch die Wälder getrieben wurden, in denen er sein ganzes Leben lang gearbeitet hatte, wie ihm aber während des Marsches der Wald wildfremd wurde, er hatte keine Ahnung mehr, wo er war, „,und da wollte ich nur noch sterben‘.“ Der Mann wohnt zufälligerweise in Handkes Hotel, Handke betrachtet ihn beim Frühstück, sieht, wie der alte Serbe sich jedes Mal, wenn er zum Büffet geht, raus in den Flur verirrt und nicht an seinen Platz zurückfindet. In dem Buch mit dem sprechenden Titel Rund um das Große Tribunal beschreibt er ganz gewiss auch das das kleinste Detail des Gerichtsgebäudes, aber auch das umliegende Viertel, das Allernebensächlichste: leere Reihenhauswohnzimmer, durch die großen Fenster betrachtet, die Krokusse am Straßenrand nehmen mehr Raum ein als der Prozess.

Was im Feuilletonverfahren gegen Handke oft übersehen wird: Er ist kein Journalist, aber auch nicht bloß ein Schriftsteller: er kommt nach Den Haag als Jurist, der seit seiner Jugend „ein begeisterter Gerichts- und Gefängnisbesucher“ ist. „Ich wollte die jeweiligen Angeklagten sehen [ ... ] Ich wollte das Gesicht der Angeklagten sehen und betrachten, möglichst nah.“ Er wohnt dem Prozess gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten Milošević bei wie ein passionierter Jurist. Aber auch wie ein sachlicher Jurist: Der Jurist Handke meint unter anderem, dass die Rechtsgrundlage, je weiter sich die Anklage die Vorgesetztenleiter hoch von den Tätern entfernt, schwächer und schwächer wird, und verschwindend gering ist, wenn sie wie im Prozess gegen Milošević ganz oben anlangt bei einem, der möglicherweise keine Kenntnis von dem konkreten Verbrechen hatte, aber als Staatschef prinzipiell die oberste Verantwortung trägt.

Was nicht geschehen darf

Doch in Die Tablas von Daimiel geschieht, was nicht geschehen darf, weder dem Juristen noch dem Schriftsteller, aber beinahe wie eine schicksalsbestimmte letzte Konsequenz der Bewegung scheint, die sich beim Lesen der gesammelten Serbien-Schriften zeigt: Handke wird jetzt selbst auf die Bühne gerufen, als Serbienexperte und Zeuge für den angeklagten Milošević. Wird die Schrift jetzt eine Verteidigungsschrift? Nein, im Gegenteil, das sechste Buch zeugt von dem jeweils unüberwindbaren Abgrund zwischen journalistischer, bürokratischer, Milošević- und besonderer Handke-Sprache. Handke wird gebeten, vorab ein schriftliches „Expertenzeugnis“ einzureichen, wohlgemerkt „in the correct form“. Doch das kann Handke am allerwenigsten. Seine Sprache ist genau das völlig Andere.

Stattdessen beschließt er, den Angeklagten im Gefängnis zu besuchen. Wie Handke schreibt ist das ganze Buch ein Versuch, durch das Schreiben selbst zu verstehen, warum er letzten Endes von einer Zeugenaussage Abstand nimmt. Und man könnte erwarten, die Begegnung mit Milošević von Angesicht zu Angesicht wäre die Hauptszene der ganzen Serbiengeschichte. Stattdessen ist sie ihr Nullpunkt: Milošević redet drei Stunden lang energisch und ununterbrochen. Handke verliert die Konzentration und sieht aus dem Fenster auf das kleinste, belangloseste Ding.

Usw. Die Geschichte hat bekanntlich kein Ende: 2008 erklärt der Kosovo seine Unabhängigkeit und wird dann natürlich auch ethnisch aufgeteilt, die Serben, das ehemalige „Herrenvolk“, werden gewaltsam vertrieben oder ziehen von allein weg, und nur ein letzter Rest bleibt. Einen solchen letzten Rest, das Dorf Velika Hoča, besucht Handke natürlich um die Menschen zu betrachten, ihnen zuzuhören und davon in Die Kuckucke von Velika Hoča. Eine Nachschrift. Zeugnis abzulegen. Usw.

Glückwünsche an Peter Handke in Velika Hoca (Kosovo)

Foto: Armend Nimani/AFP/Getty Images

Und nun, Madame, at the end of the book: Ihr Urteil über die Serbien-Schriften, diesen Schandfleck im Werk des großen Nobelpreisträgers? Sind sie die endgültige Disqualifizierung des Nobelpreisträgers, Schriftstellers und Menschen Peter Handke?

Im Gegenteil, sie sind das Hauptwerk. In ihnen steht das Leben und das Verhältnis des einzelnen Menschen – Deines und meines und das des Schriftstellers – zur Geschichte auf dem Spiel. In seiner Komplexität, das die Schriften bis ins kleinste Detail schildern. Wir sehen in ihnen die Welt und die Geschichte unserer Zeit aufs Neue, in einer anderen Sprache, und jede für sich ist ein Skandal. Die Schriften beweisen die Notwendigkeit einer anderen Sprache als der des Zeitgeistes und der Medien. Und zugleich zeigen sie die Begrenzung dieser anderen Sprache auf: was sie nicht erfasst, und die menschliche Begrenzung, das Allzumenschliche, das an den Grenzen dieser anderen Sprache sichtbar wird: der Schriftsteller und das Problemkind selbst.

Die Serbienbücher sind weit besser und wichtiger als Handkes groooße Romane – wie der von den dänischen Rezensenten in den höchsten Himmel gelobte Der große Fall – mit all ihrer „Poesie“, „Phantasieren“ und „Märchen“, Romane, in denen alle Personen am meisten dem Schriftsteller selbst ähneln. Handke ist viel besser darin, das und die wirklich Seiende(n) zu beschreiben als zu phantasieren. Die Sprache der Serbien-Schriften ist ostentativ nicht-journalistisch, doch sie ist auch nicht, wie die Anklage oft lautet, „poetisch“ oder „Geschichte poetisierend“, es ist schlicht und einfach eine andere Sprache, die die Welt und unsere Geschichte auf ganz andere Weise erfasst und wiedergibt. Im Gegensatz zu den Medien, die nur jetzt sind, ist Handke auch hier und nimmt sich an den geglücktesten Tagen und Stellen Zeit, nicht etwas nachzusehen oder etwas vorzuhaben, sondern nur zu sein und die Umgebung einwirken zu lassen, zu betrachten und nicht zu durchschauen, sondern bloß hineinzusehen in die Menschen und ihr Verhältnis untereinander, ihre persönlichen und kollektiven Erinnerungen, ihre Vergangenheit und ihre mangelnde Zukunft. Sich zu wundern. Und dieses Wundern wiederzugeben. Zu erzählen.

Aber nur Paranoia ist das nicht

Handke ist nicht nur paranoid, wenn er jetzt auf seine alten, preiswürdigen Tage Interviews verweigert – über die Serbien-„Sache“, und überhaupt. ,Von keinem Menschen höre ich, dass er irgendetwas von mir gelesen hat!‘ zischt er, und hat recht: Es reicht nicht – wie in diesem Essay –, bloß zu zitieren, man muss sich durch die ganze Bewegung lesen um zu verstehen, wie komplex die Schriften und auch die Geschichte von Handkes Rolle in der großen Geschichte Ex-Jugoslawiens sind, und wie heterogen und komplex und verdammt noch mal voll Blasen und schwarzer Löcher die Schriften wie auch die Geschichte. Sie sind keine geschliffene literarische Belletristik sondern im Gegenteil schmutzig. Wie die Welt, die Menschen, usw.

Und der obengenannte und bis JETZT cliffhängende Herr Brokoff hat natürlich auf seine eigene einschränkende Art recht: Es ist möglich, aus der Bewegung der Serbien-Schriften Zitate herauszusezieren und sie als Beweise in einer Urteilsverkündung gegen den Schriftsteller zu wenden. Es ist bloß nicht gerecht, und es ist zu einfach. In dieser Welt und gegenüber diesem Gesamtwerk ist es fake, aber effektiv, zu vereinfachen, das sagt uns der Zeitgeist mit seinen Archetypen Twitter & Trump, aber es führt nicht zu dem tieferen Verständnis der Welt, der Sprache, der Menschen und der Geschichte, das die Voraussetzung wäre, um die Welt, die Sprache, die Menschen und die Geschichte zu verändern und der Welt eine neue Ordnung zu geben.

Sollen wir also wirklich, ja, können wir es überhaupt verantworten, Peter Handke zu lesen – und Virginia Woolf, Celine, Hamsun, Ernst Jünger und den wegen Körperverletzung (Schusswaffengebrauch!) verurteilten jungen dänischen Dichter Yahya Hassan? JA! Die künstlerische Meinungsfreiheit ist nicht zuletzt unsere mögliche Freiheit: die Freiheit, selbst Verantwortung zu ergreifen und die Welt zu sehen, lesen, hören, verstehen und zu beurteilen!



https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-handke-urteil

Fefes Rant: Und vor lauter Aufregung hat er noch nicht mal was zu den 0,2% gesagt...

Sandro Halank, Wikimedia Commons • CC BY-SA 3.0

Wenn jemand noch Beweise brauchte, dass von Olaf Scholz nur pochierte Ochsenscheiße als Vorschlag kommt: Bitte sehr.

Personen, die Aktien großer Unternehmen kauften, sollen demnach künftig eine Steuer von 0,2 Prozent des Geschäftwertes an den Fiskus entrichten. Diese gelte aber nur für Aktien von Unternehmen, die mehr als eine Milliarde Euro wert sind.
Wie ... Aktien? Und auch nur von Milliardenkonzernen?!

Was ist denn mit Optionsscheinen? Hochfrequenzhandel? CDS und anderen Zocker"wert"papieren?

Da wird es euch nicht überraschen, dass das auch noch nicht mit den anderen EU-Ländern abgesprochen ist, die da mitmachen müssten. Das ist Olaf Scholz-Politik. Kommt viel zu spät, löst keines der Versprechen ein, und ist dann auch noch so ausgelegt, dass es nicht durchkommt bzw. in der Praxis keinerlei Auswirkungen haben wird.

Wer wählt eigentlich diese SPD immer? Haben die noch nicht genug kaputtgemacht?!



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