tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:/posts Matthias Seiferts Posthaven 2019-01-13T20:31:36Z Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362988 2019-01-13T20:31:36Z 2019-01-13T20:31:36Z Marokkanisches Salzzitronenhähnchen ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362727 2019-01-12T22:12:37Z 2019-01-12T22:12:37Z Nachtmahl ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362700 2019-01-12T21:47:33Z 2019-01-12T21:47:33Z Transplantation: Organe lebendfrisch entnehmen, aber nur von Toten...

Chris from Poznań, Poland • CC BY 2.0


Das Leid von Organspendern und ihren Angehörigen wird vielfach verschwiegen. 

Mediziner schlagen wegen sinkender Spenderzahlen Alarm, und die Politik reagiert. Im Besonderen Gesundheitsminister Spahn. Der plant eine Großoffensive, um die Binnennachfrage nach frischen Organen endlich zu befriedigen, so dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht als Schmarotzer dasteht. Um dies zu erreichen, will er alle Bürgerinnen und Bürger zu potentiellen Spendern erklären, es sei denn, es wird Widerspruch eingelegt. Der Wunsch, Gutes zu tun und Organe nach seinem Tod anderen zur Verfügung zu stellen, genießt in der Bevölkerung hohes Ansehen. Trotz oder gerade wegen vielfältiger medialer Kampagnen sind die Informationen zu diesem Thema aber eher lückenhaft. Grundsätzliche ethische und auch sehr konkrete Fragen, die das Wohl des Sterbenden wie seiner Angehörigen betreffen, bleiben unbeantwortet. Wie einseitig über die Organspendenpraxis berichtet und wie viel Leid verschwiegen wird, fällt erst auf, wenn man genauer hinschaut. Doris Schultz

Organe zu spenden soll selbstverständlich werden

Es sei das Ziel, die Organspende zu einer „Selbstverständlichkeit“ zu machen, betont Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Der medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Axel Rahmel, ergänzt, dass in Deutschland eine „Kultur der Organspende“ zu fördern sei, bei der das Denken an eine mögliche Organspende am Lebensende zu einer Selbstverständlichkeit wird.

Erreicht werden soll dies einerseits durch die Beförderung einer Diskussion unter den Parlamentariern auf Grundlage von Spahns Entwurf, dem sogenannten „Gemeinschaftlichen Initiativplan Organspende“, des Weiteren durch einen Gesetzesentwurf, der eine bessere Vergütung für Kliniken vorsieht, die Spenderorgane entnehmen, und nicht zuletzt durch die Umwandlung der seit dem 1. November 2012 gültigen „Informierten Entscheidungspflicht“ in eine „erweiterte Widerspruchspflicht“, die dann jeden Bürger zu einem potentiellen Organspender erklärt, es sei denn, er oder seine Angehörigen widersprechen.

Nötig seien diese Maßnahmen, da die Spendenbereitschaft in Deutschland merkbar zurückgegangen sei. Spahn macht dies deutlich, indem er beklagt: „Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Spenderorgan gefunden wird“ (1).

Bin ich womöglich egoistisch?

Mir ist unwohl bei dem Gedanken, staatlicherseits, quasi in Vertretung des sogenannten allgemeinen Interesses, per se zu einem Organreservoir erklärt zu werden. Ich bin, wenn meine Organe einmal gefragt sein werden, doch sowieso tot, sagt man mir. Was sollte es mich kümmern, was da noch mit meinem Körper geschieht? Gibt es denn über diesen Körper hinaus gar kein Interesse an mir als Individuum, an meinem Weltbild, an den Motiven, die mich zweifeln lassen, an dem Unentscheidbaren, das in mir wallt, an meinen Ängsten?

Wieso würde ich so egoistisch sein wollen, meinen Körper eher unter der Erde vergehen zu lassen, als mit der Hergabe meiner Organe anderen Menschen das Leben zu retten? Gerne würde ich einfach antworten: „Weil meine Organe mir gehören, weil ich unsicher bin.“, aber ich trau mich nicht. Bin ich tatsächlich ein egoistischer Mensch?

Um mich genauer zu informieren, besuche ich die Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Die Fallbeispiele, die dort aufgeführt sind, bestätigen mir, dass Organspender tolle Menschen sind, die anderen Menschen das Leben retten.

Die FAQs vermitteln mir, die Organspende ist ein sicherer Vorgang, der nach strengen Leitlinien, mit großer Ärztekompetenz und in pietätvoller Haltung durchgeführt wird (2).

Nach wochenlanger Recherche, Sichtung von Texten und Dokumentationen und vielen geführten Gesprächen halte ich nun ein Heft des Vereins zur Kritischen Aufklärung zur Organspende (KAO) mit dem Titel „Organspende — die verschwiegene Seite“ in den Händen (3).

Der Titel weckt mein Interesse, weil in der Schrift Angehörige von Spendern zu Wort kommen sollen, die anscheinend von etwas wissen, das verschwiegen wird. Ich will wissen, was das ist. Entsetzt muss ich während des Lesens immer wieder feststellen, dass der Titel nicht zu viel versprochen hat. Wie oft denke ich betroffen: „Das habe ich so nicht gewusst!“

„Das habe ich so nicht gewusst!“ ist auch der Satz, den ich in allen folgenden Gesprächen über das Thema Organspende und Widerspruchslösung von meinen Gesprächspartnern am häufigsten gehört habe und an den sich dann direkt die Frage anschließt: „Warum wird uns das nicht gesagt?“

„Wenn wir die Gesellschaft über die Organspende aufklären, bekommen wir keine Organe mehr“, sagte der Transplantationsmediziner Professor Rudolf Pichlmayr 1987 (4).

Wie tot ist tot?

Tot heißt die Transplantationsmedizin betreffend hirntot.

„Der Hirntod wird definiert als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Dabei wird durch kontrollierte Beatmung die Herz- und Kreislauffunktion noch künstlich aufrechterhalten“ (5). Er kann beispielsweise als Folge einer Hirnblutung, einer schweren Hirnverletzung oder eines Hirntumors eintreten. Das Gehirn ist dann als übergeordnetes Steuerorgan der elementaren Lebensvorgänge unwiderruflich ausgefallen.

Bislang unterschied die Medizin zwei größere Stadien des Sterbeprozesses, den klinischen Tod und den biologischen Tod. Beim klinischen Tod stellt man das Fehlen von Atmung, einen Herz-Kreislauf-Stillstand, fehlenden Puls an der Halsschlagader, maximale Pupillenerweiterung, fehlende Pupillenreaktion, fehlende Reflexe, keinen Muskeltonus, Blässe bis Blaufärbung der Haut und Abnahme der Körpertemperatur fest.

Wer einen Toten sieht, erkennt also intuitiv, dass alle Anzeichen, die Leben signalisieren, wie Atmung, Wärme, Hautfärbung, Reaktion und Bewegung, nicht mehr wahrnehmbar sind.

Hirntote sehen aus, so beschreiben es deren Angehörige, wie schlafende Menschen und laufen in ihrer Erscheinung unserer Wahrnehmung von Toten zuwider. Sie können das Bild vom Tod nicht mit dem übereinbringen, was sie sinnlich wahrnehmen – eine Qual, wie sie berichten.

Der biologische Tod ist gekennzeichnet durch Totenflecken, Totenstarre und Selbstauflösung. Beim klinischen Tod gibt es innerhalb einer bestimmten Zeitspanne noch die Möglichkeit der Reanimation, der biologische Tod ist nicht mehr reversibel.

Erst 1968 wurde an der Universität Harvard als eine neuartige Definition des Todes der Hirntod formuliert. Das Gehirn ist in drei große Areale aufgeteilt: Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm. Ist die Gesamtfunktion dieser Bereiche unumkehrbar erloschen, ist die Person tot.

Laut der Bundeszentrale zur gesundheitlichen Aufklärung (BZgA) ist mit dem Hirntod das Gehirn als übergeordnetes Steuerorgan unwiderruflich ausgefallen, der Tod des Menschen nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt und eine Rückkehr ins Leben ausgeschlossen (6).

Dies ist, wie später im Text noch zu lesen sein wird, für etliche als hirntot Erklärte nicht zutreffend. Eine Rückkehr ist in viel mehr Fällen als angenommen möglich. Der Hirntod ist als Todesform in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt.

Als Spender eignen sich zum größten Teil nur Menschen, die eine Schädigung ihres Gehirns erlitten haben. 2017 wurde im Jahresbericht der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) als die Haupttodesursache von Spendern mit 53,2 Prozent eine Gehirnblutung genannt (7).

Weitere Schädigungen können Schlaganfälle, Schädelhirntraumata, Schwellungen, Hydrocephalie und Schädigungen durch Sauerstoffmangel sein.

Zweimal sterben

Viele Menschen stellen sich als den Zeitpunkt der Organentnahme ein Zeitfenster zwischen klinischem und biologischem Tod vor: Es ist nichts mehr zu machen, der Verstorbene hat kein Empfinden mehr, alle Lebenszeichen sind endgültig erloschen. In meiner Vorstellung begleite ich meinen sterbenden Angehörigen bis zu diesem Punkt – mit ihm sprechend, seine Hand haltend, ihn umsorgend. Für eine Organweitergabe eignet sich ein klinisch oder biologisch toter Mensch jedoch nicht mehr, da sich die Organe bereits in einem Zustand des beginnenden Zerfalls befinden.

Die Organentnahme und die Transplantation unterliegen einem extremen Zeitdruck und es beginnt ein Wettlauf gegen diesen Zerfall. Je mehr Zeit vergeht, desto geringer werden die Aussichten auf eine erfolgreiche Transplantation. Dieser Zeitdruck schließt dann aber in der Folge eine Sterbebegleitung eines hirntoten Spenders aus. Ich bin irritiert: Wir haben der Hospizbewegung und der Palliativmedizin viele Einsichten in die Wichtigkeit eines begleiteten und würdigen Sterbens zu verdanken – Segnungen, die aber einem Organspender niemals zu Teil werden können.

Den Angehörigen wird bei Eignung eines Patienten für eine Organentnahme der „Tod“ mitgeteilt. In den Hirntodprotokollen findet sich an dieser Stelle auch die Eintragung der offiziellen Sterbezeit. Die Einwilligung der Angehörigen muss schnell erfolgen. Unter Druck soll von ihnen eine Entscheidung getroffen werden, dabei sind sie selbst noch traumatisiert und meistens nicht in der Lage, die Situation voll zu begreifen.

Durch Maschinen in seinen ausgefallenen Lebensfunktionen unterstützt, wird der Patient dann weiter am Leben erhalten, obwohl schon für tot erklärt – Organspende bedeutet sogar schon vor dem Hirntod intensivmedizinische Maximaltherapie. Meistens wird der beatmete „Leichnam“ mit dem schlagenden Herzen zur Sicherheit narkotisiert, um Schmerzempfinden auszuschließen und plötzliche Bewegungen oder wider Erwarten einsetzende Spontanatmung unter der Entnahme zu vermeiden.

Der Hirntote „wird gepflegt, sein Herz schlägt, er ist warm und kann Fieber haben. Er bewegt sich spontan und reagiert auf Berührung. Beim Einschnitt des Chirurgen in den Körper des Organspenders steigt in vielen Fällen der Blutdruck rasant an. Deshalb bekommen Spender bei der Organentnahme immer muskelentspannende Mittel und starke Opiate. Oft sogar eine Vollnarkose.“ (8) Eine Vollnarkose oder Schmerzmittel unter einer Explantation sind in Deutschland nicht vorgeschrieben, werden aber meistens verabreicht.

Der größte Teil der OP besteht nun darin, die einzelnen Organe sorgsam freizulegen. Zunächst wird der Körper vom Kinn bis zum Schambein geöffnet, die Organe in einer mehrstündigen Operation präpariert, wobei darauf geachtet werden muss, dass es nicht zu Bewegungen oder gar zu einem Herzstillstand beim Spender kommt. Im Falle eines eintretenden Herzstillstands wird der Spender reanimationspflichtig. Gegen Ende der OP werden mit einer Infusion circa 15 Liter eiskalte Perfusionsflüssigkeit in den Körper eingebracht, um die Organe zu konservieren. Jetzt erst steht das Herz still, die Aorta wird abgeklemmt und es wird als erstes Organ explantiert. Ein Vorgang, der in diesem gekühlten Zustand nur ungefähr 3 Minuten dauert.

Der Spender ist jetzt zum zweiten und letzten Mal gestorben.

Der explantierte Leichnam soll nach dem Vorgang in ordentlichem, zugenähtem Zustand der Familie zur Verabschiedung übergeben werden. Angehörige berichten oftmals von verzerrten, leidvollen Gesichtsausdrücken ihrer Verstorbenen, als sie sie nach der Explantation zum Verabschieden sehen durften. Ein Bild, dass diese Menschen ihr Leben lang nicht mehr loslässt, und oft zum Anlass für Schuldgefühle, Zerrissenheit, familiäre Belastungen und Zweifel wird. Ein Toter, der wiederbelebt wird? Auch ich spüre große Zweifel in mir aufsteigen: „Ob alles, was machbar ist, auch wirklich gemacht werden muss?“

Der Hirntod als Freispruch für die Pioniere einer Medizin im Machbarkeitsrausch

Für eine Weitergabe eignen sich also nur Organe, die bis zum Zeitpunkt der Entnahme intakt, gut durchblutet und somit optimal versorgt worden sind. Setzt der klinische Tod ein, sind sie unbrauchbar – Gewebespenden, wie die Hornhaut der Augen, Herzklappen, Haut, Blutgefäße, Knochen, Sehnen, Bänder, Bindegewebe und die Eihaut der Fruchtblase, sind allerdings auch nach dem klinischen Tod noch möglich.

Das Dilemma besteht nun darin, intakte Organe von einem Spender gewinnen zu können, der genügend tot ist, um ihn als tot deklarieren zu können, aber eben doch nicht so tot, dass seine Organe für eine Weitergabe unbrauchbar werden.

Bei diesem Dilemma hilft die Formulierung eines besonderen Todeskriteriums, nämlich die des Hirntods, aus. 1967 gelang in Südafrika die erste Herztransplantation der Welt. Der Patient überlebte 18 Tage. Heute wird sehr gerne darauf hingewiesen, dass dieses Ereignis in keinem Zusammenhang mit der Einführung des Hirntods im Jahr 1968 steht und es sich um zwei voneinander völlig unabhängige Vorgänge handelt. In der Begründung zur Neudefinition des Todes von 1968 ist allerdings zu lesen, dass einerseits „irreversible komatöse Patienten anderweitig benötigte Intensivbetten belegen“ und andererseits, „dass so Auseinandersetzungen bei der Beschaffung von Organen zur Transplantation vermieden werden könnten“ (9).

„Um nicht in den Tötungsverdacht zu geraten, bestanden daher Transplantationsmediziner und drei Expertenanhörungen vor dem Gesundheitsausschuß des Deutschen Bundestages auf einer juridischen Gleichsetzung des Hirntodes mit dem Tod des Menschen. Andernfalls gelte ein Hirntoter noch als ein im Sterben begriffener Patient, also als ein lebender Mensch, und dann müssten sich Ärzte jeglicher Transplantation komplett verweigern. Dieser Forderung entsprach der Gesetzgeber, indem er im Transplantationsgesetz hirnsterbende Komapatienten als eindeutig verstorbene Menschen statuiert hat“ (10).

Der Hirntod ist kein prozessuales Merkmal, wie der klinische oder der biologische Tod, sondern seine Merkmale stellen zunächst ein neurologisches Krankheitsbild dar, das durch seine erfahrungsgemäß schlechte Heilungsprognose als unumkehrbar und zum Tode führend deklariert wird. Der Mensch mit dieser Schädigung wird vorwegnehmend als für „so gut wie tot“ befunden.

Man muss dabei aber im Kopf behalten, dass es sich hier tatsächlich nur um eine Prognose, keine Diagnose und letztendlich um eine Vermutung handelt, die nun aber mit Hilfe der Hirntodfeststellung zu einem Faktum erklärt wird. Tatsächlich erholen sich etliche Patienten, die anfänglich Merkmale eines Hirntods zeigten, unter einer angemessenen fachlichen Behandlung.

Andreas Zieger, Neurologe und Neurochirurg, berichtet aus seiner Praxis, dass neben einer adäquaten medizinischen Behandlung auch die Kommunikation zum Komapatienten – Berührung, Sprechen, Musik – eine wichtige Rolle für die Möglichkeit einer Erholung spielen (11). Doch die Zeit für Langzeitkontrollen, Kommunikation und Stimulation hat die Transplantationspraxis nicht. Jeder weitere beatmete Tag verringert die Qualität der potenziellen Transplantate.

Die Hirntod-Diagnose wurde in meinen Augen als ein Freispruch für die Pioniere einer Medizin im Machbarkeitsrausch geschaffen. Deren vielschichtige Implikationen konnten wir bereits im Laufe der letzten 50 Jahre in der Praxis erfahren. Es wird aber weiter an einer Konstruktion festgehalten, die erhebliche Schwachstellen und Anfälligkeiten aufweist und vielfaches Leid verursacht.

Zu viele Fehler

Es unterlaufen zu viele Fehler bei der Hirntodfeststellung. Laut der Ärztezeitung vom 30. März 2016 sind 16 von 52 Hirntodprotokollen fehlerhaft. Bei 5 der 16 Patienten, also einem Drittel, konnten noch Spontanatmung oder Hirnaktivität im EEG nachgewiesen werden (12).

Der Neurologe und Neurochirurg Andreas Zieger beschreibt noch einen weiteren problematischen Aspekt. Er sagt, weil ein Hirntoter nicht mehr in der Lage ist zu kommunizieren, degradiert man ihn zu einem „Herz-Lungen-Paket“, zu einem Ding (13). Die Medizin kennt viele Möglichkeiten mit Geräten in den Körper eines Menschen hinein zu schauen, doch es fehlt ihr weitgehend an Ideen, in der Beziehung zu einem Komatösen nach Leben zu forschen.

Es hat noch niemand bewiesen, dass das Menschsein im Gehirn sitzt, so dass mit dem Tod dieses Organs gleichzeitig auch das Menschliche ausgelöscht wäre. Der Chirurg Reinhard Steinmann will selbst nichts mit der Transplantationsmedizin zu tun haben. Er formuliert es so:

„Ich glaube, dass der Mensch in dem Moment, wenn er hirntot ist, irreversibel auf dem Weg zum Tode ist. Aber ich glaube nicht, dass er als Individuum im Moment des Hirntods schon tot ist“ (14).

Mit seiner ersten Aussage, die Steinmann in Jahre 1999 gemacht hat, liegt er offenbar nicht so ganz richtig.

Wioletta Plisinska wurde als Patientin für hirntot erklärt. Nur durch den Einsatz ihres Vaters und des engagierten Arztes Professor Talar wurde das Mädchen einer fachgerechten Behandlung zugeführt, durch die sie heute ein völlig unbeeinträchtigtes Leben führen kann (15). Ein weiter Fall einer lebendigen Hirntoten aus Polen: Ein Vater berichtet von dem Gespräch, das die Chefärztin mit ihm führte, um seine Einwilligung in die Organentnahme bei seiner verunglückten Tochter zu erhalten.

Sie erklärte ihm, da sei kein echtes Leben mehr in seinem Kind, das sei doch nur noch „pflanzliches Leben“, sozusagen „Gemüse“. Nachdem das komatöse Mädchen fünf Wochen lang von Professor Talar intensiv behandelt wurde, wachte es auf und führt nach einer Rehabilitationsphase heute ein völlig normales Leben (16).

Handelt es sich um spektakuläre Einzelfälle? Wenn man im Netz sucht, so findet man nicht wenige solcher „Einzelfälle“. Jeder einzelne Fall hat bei der Betrachtung der Grenzen, an die die Transplantationsmedizin stößt, Relevanz, denn jeder für tot erklärte Lebende ist einer zu viel!

Es soll sich laut Professor Cicero Coimbra, Lehrbeauftragter für Neurologie und Neurowissenschaften an der Landesuniversität Sao Paulo, um etwa ein Drittel der Menschen, die mit einem Schädel-Hirn-Trauma in eine Klinik eingeliefert werden, handeln, die unter einer dem Krankheitsbild entsprechenden, adäquaten Behandlung vollständig ihren Weg zurück ins Leben finden könnten.

Auf internationaler Ebene wird die Kritik immer stärker. Der ehemals das Hirntodkonzept befürwortende Neurologe Professor Alan Shewmon wurde aufgrund seiner Beobachtungen zu einem entschiedenen Gegner, wie auch etliche andere Wissenschaftler. Am 19. Februar 2009 fand ein Kongress in Rom statt unter dem Titel „Zeichen des Lebens – Ist der ‚Hirntod‘ noch Leben?“. „Man kam damals zu dem Schluss: Der Hirntod ist erstens nicht mit dem Tod gleichzusetzen, zweitens hat die Wissenschaft neue Erkenntnisse, setzt man die bei schwersten Schädelhirntraumen ein, kann man etwa 70 Prozent dieser Menschen retten und die meisten von ihnen in ein normales Leben zurückführen.

Der Vatikan veröffentlicht dieses Papier bis heute nicht. Stattdessen aber veröffentlichten diese Experten ihre Vorträge in einem Buch mit dem Titel ‚Finis Vitae‘“, so Renate Greinert, betroffene Mutter und Autorin des Buches „Konfliktfall Organspende – Unversehrt sterben! Der Kampf einer Mutter“, die 2009 den Kongress besucht hat (17).

Eine unmögliche Entscheidung wird erzwungen

Es hängt also entscheidend davon ab, ob der Arzt seinem Eid gemäß den vor ihm liegenden Patienten als einen zu Heilenden betrachtet oder eher den potentiellen Spender in ihm sieht. Der Weg, für den er sich entscheidet, erfordert jeweils eine ganz andere Behandlung.

Bei dem Weg der Heilung eines Gehirngeschädigten sind neben medikamentöser Behandlung unter anderem Zeit, sensible Beobachtung, temporäre Überbrückung ausgefallener Organe sowie die Abschirmung des Systems vor Belastungen nötig. Dies erklärt auch Jobst Meyer, Facharzt für Chirurgie, in einem Interview mit der Journalistin Silvia Matthies. Meyers Bruder wurde im Alter von 15 Jahren für hirntot erklärt und explantiert. Bei der Durchsicht der Krankenhausakten fielen Meyer Unstimmigkeiten und Behandlungsfehler auf (18).

Bei dem Vorgang, einen hirngeschädigten Menschen als Spender vorzubereiten, ist Zeit ein knappes Gut. Alle am Transplantationsprozess Beteiligten stehen unter einem ungeheuren Druck und müssen in einer solchen Situation korrekte Entscheidungen mit großer Tragweite treffen. Wenn Ärzte diese Art Belastung aus ihrem Arbeitsalltag auch grundsätzlich kennen, so entsteht sie dort in der Regel jedoch nicht im Konflikt mit ihrer Ethik und dem Auftrag, das Leben des Patienten, der vor ihnen liegt, zu retten. Stattdessen muss der Arzt eine Entscheidung treffen, welchem Leben der Vorrang zu geben ist: dem des Empfängers oder dem des potenziellen Spenders.

Hier kommt es unter Zeitdruck eindeutig zu einer Situation, in der eine Bewertung, über lebens- oder unlebenswertes Leben, erzwungen wird, die in die Nähe des Euthanasiedenkens führt. Etliche Krankenhäuser und Ärzte möchten diese Entscheidung deshalb auch nicht treffen müssen und stellen sich der Transplantationspraxis nicht zur Verfügung. Im Jahr 2009 gab es eine Befragung unter rund 500 niedergelassenen Ärzten.

Eines der Ergebnisse dieser Befragung war, dass nur jeder zweite Arzt einen Organspenderausweis besitzt. 95 Prozent aller Ärzte und Patienten gaben als Grund für die geringe Spendenbereitschaft mangelnde Aufklärung an, und die Angst, vorzeitig für tot erklärt zu werden (19). In der Offensive von Bundesgesundheitsminister Spahn ist vorgesehen, die kleinen und bisher nicht teilnehmenden Kliniken mit finanziellen Anreizen der Mitwirkung zugänglicher zu machen.

Der fatale Apnoe-Test

Um den Hirntod festzustellen, führt man verschiedene Untersuchungen durch. Getestet werden Hirnstamm-Reflexe, wie zum Beispiel die Pupillenreaktion und die Spontan-Atmung. Dadurch werden unterschiedliche Funktionen in verschiedenen Gehirnarealen geprüft. Eine dieser Untersuchungen ist der obligatorische Apnoe-Test. Bei diesem Verfahren wird der Patient bis zu 10 Minuten vom Beatmungsgerät getrennt, um die Spontanatmung zu überprüfen. Von einer fehlenden Spontanatmung wird dann auf eine Schädigung des die Atmung steuernden Hirnareals geschlossen.

Der Neurophysiologe Professor Cicero Coimbra stellt in einem Interview mit der Journalistin Silvia Matthies klar, dass eben dieser Apnoe-Test, der das wichtigste Kriterium für eine Hirntoddiagnostik ist, in einer nicht unerheblichen Anzahl der Fälle erst recht zum Tode der Patienten führte.

Die Patienten erleiden dabei Herzrhythmusstörungen, Herzjagen und weitere Symptome eines unter höchstem Stress stehenden und letztendlich kollabierenden Systems. In dem 2015 geführten Interview äußert er mehrfach deutlich, dass durch die Durchführung des Tests nicht wenige Patienten, die sich unter einer ordnungsgemäßen Behandlung vollständig, das heißt ohne Hirnschädigung, hätten erholen können, getötet würden.

Von diesem Test profitiert der Patient nicht, er stellt kein diagnostisches Mittel dar, um die Behandlung des Patienten zu bestimmen. Coimbra macht klar, dass dieser Test allein dem Zweck dient, dem Arzt den Hirntod des Patienten zu bestätigen. Für die Durchführung des Apnoe-Tests muss keine Einwilligung der Angehörigen eingeholt werden.

Coimbra erklärt dies und auch die Zusammenhänge zwischen Hirndruck, Hormonproduktion und dem Funktionieren des Atemzentrums. Unter einer zeit- und fachgerechten Behandlung ist ein Schädel-Hirn-Trauma in erster Linie eine Erkrankung, die zunächst als solche zu behandeln und deren Verlauf längerfristig zu beobachten ist. Es lohnt sich sehr, sich das Interview mit Professor Coimbra anzuschauen (20).

„Willst du, dass ich sterbe?“

Ich halte die kleine Broschüre in den Händen. Wie gering ihr Gewicht ist und wie schwer das wiegt, was darin berichtet wird.

Ich sehe zwei Fremde vor meinem inneren Auge, sie schauen sich ins Gesicht. Einer fragt den anderen: „Willst du, dass ich sterbe?“ Der eine ist Organspender und der andere ist Organempfänger. Dies ist die unmögliche Frage, die im Raum steht, wenn ein Leben von dem Sterben eines anderen abhängig gemacht wird. Spender und Empfänger, auch deren Angehörige werden sich tatsächlich niemals begegnen, und sind doch beide durch das Paradox intimster Anonymität miteinander verbunden.

Während in dem einen Krankenzimmer um ein Leben gebangt wird, wird in dem anderen bis ins Unerträgliche hinein auf die Möglichkeit gewartet, durch das Spenderorgan eines Verstorbenen überleben zu können. Keiner wünscht dem anderen den Tod, doch der Wunsch nach Leben wird hier unweigerlich mit dem Sterben eines anderen verwoben.

Die Transplantationspraxis wirft einen tiefen Spalt auf, der die Gesellschaft und den Einzelnen vor eine unlösbare Aufgabe stellt, vor die Entscheidung „du oder ich“. Sterben möchte niemand, Gutes tun wollen viele. Doch wie das Gute tun, wenn durch das so gewollte Gute großes und vielfältiges Leid entsteht?

In Zeiten vor Beginn der Transplantationspraxis bedeute ein untergehendes Organ den sicheren Tod – durch Verpflanzung ist das Problem scheinbar in den Griff bekommen worden, doch gleichzeitig stellt uns diese Technik vor Herausforderungen, die nur unter der Zerteilung des Begriffs vom Menschsein, von Leben und Individualität handhabbar gemacht werden können.

So sehr sich die Transplantationsmedizin um eine Rationalisierung der Vorgänge bemüht, so sehr die gesellschaftliche Verpflichtung seinen Körper in einem Akt der Nächstenliebe freizugeben betont wird – am Ende der Geschichte geht es immer um zwei Leben, die einander gegenübergestellt werden: das lebenswerte und das für unlebenswert erklärte.

Das verschwiegene Leid

Die Frage „Tot genug?“ ist eine Zumutung für alle am Prozess Beteiligten, für die Spender, die Empfänger, die Angehörigen, die Ärzte, die Pfleger. Die Antwort darauf wird immer mit Unsicherheiten behaftet bleiben. Das führt zu Zweifeln, Zerrissenheit und Fragmentierung von Gefühlen.

Ärzte

Selbst explantierende Ärzte können zu einem großen Teil nur unter Aufwendung absoluter Rationalisierung des Vorgangs und großer innerer Distanz das tun, was sie tun. Sie müssen den Menschen vor sich und den Menschen in sich vergessen können. Wer fragt nach den möglichen psychischen Auswirkungen, die bei Ärzten und Pflegern entstehen? Unter dem Titel „Das war ein katastrophaler Ausbau von Ersatzteilen“ berichtet eine Neurologin davon, wie sie zum ersten Mal an einer Organentnahme teilgenommen hat. Die Operation missrät vollkommen und die Ärztin träumt bis heute davon (21).

Erschwerend für eine gesellschaftlich offene Diskussion kommt hinzu, dass hinter der offiziellen Erzählung von selbstlosen Spendern und glücklichen Empfängern, neben etlichen Auslassungen in der Information, auch massiv viele weggedrückte Emotionen liegen. Angst, Gutes tun zu wollen und Sinn zu geben sind Grundmotive des Menschseins. Um die Spendenbereitschaft anzusprechen werden sie massiv getriggert, doch wenn es dann zu einer Explantation kommt, sollen und müssen sie wegrationalisiert werden, dann steht nur noch der gehirnlose, so betrachtet entseelte Körper im Fokus.

Die emotionalen Zumutungen, denen alle Beteiligten ausgesetzt sind, das empfundene Unbehagen, ins Gedächtnis eingebrannte Bilder, zerstörte Hoffnungen und die dabei entstandenen Verletzungen finden in der öffentlichen Diskussion gar keinen Raum, doch sie werden ein Leben lang für alle Betroffenen zum stetigen Begleiter und damit in ihrer Fülle zu einem bestehenden, doch verdrängten Teil des gesellschaftlichen Gedächtnisses.

Angehörige

Auch das Leid, dem die Angehörigen ausgesetzt sind, muss genauer angeschaut werden. Renate Greinert berichtet in einem Vortrag: „Völlig unaufgeklärt haben wir uns, ohne die Tragweite unserer Entscheidung übersehen zu können, von Medizinern in eine Situation hineinführen lassen, in der es nicht mehr um ein friedvolles und behütetes Sterben unserer Kinder ging, sondern um das Überleben Dritter“.

Und weiter: „Es liegt mir fern, wartende Organempfänger oder bereits Transplantierte kränken zu wollen, aber sie verstehen sicher, dass ich zum Beispiel als Mutter eines sterbenden Kindes dafür Sorge tragen will, dass mein Kind in Ruhe und Frieden sterben darf, seinem Tempo gemäß, liebevoll begleitet, ohne dass irgendjemand an seinen sterbenden Körper schon Ansprüche anmeldet“ (22).

Empfänger

Zu wenig Aufmerksamkeit erhält auch das Leid der Organempfänger. Diese Menschen führen ein Leben in Todesangst, in nervenzerreißendem Warten, in Angst vor der Abstoßung und fragiler Hoffnung. Sie werden ihr weiteres Leben als ewige Patienten verbringen müssen, deren Immunsystem dauerhaft unterdrückt werden muss. Die Einnahme vieler Medikamente, deren massive Nebenwirkungen, strenge Verhaltensregeln, die Ungewissheit, ob sich aus der Unterdrückung des Immunsystems nicht weitere schwere Erkrankungen, wie zum Beispiel Krebs, ergeben können, sind der Preis für ein auf unbestimmte Dauer verlängertes Leben.

Auf der Webseite des Klinikums der Universität München werden die Erfolgsaussichten einer Lungentransplantation recht nüchtern beschrieben:

„Lungentransplantierte haben gute Chancen, dieses neue Leben über einige Jahre zu genießen. Die Transplantationsmedizin hat im letzten Jahrzehnt enorme Fortschritte gemacht. Ziel der Forschung ist es vor allem, die Nebenwirkungen der Medikamente zu minimieren und die chronische Abstoßung (Bronchiolitis obliterans) zu reduzieren. Hier gibt es vielversprechende neue Ansätze, denn gerade letztere Erkrankung des transplantierten Organs führt über die Jahre gesehen häufig wieder zu einer langsamen Einschränkung der Lungenfunktion, die gegebenenfalls eine Re-Transplantation notwendig machen kann.“ (23)

Die Angst vor der Endlichkeit

Selbst unter Aufbietung schonungsloser Information – Übertreibungen sind gar nicht notwendig – bekomme ich in manchen meiner aufklärenden Gespräche zur Antwort: „Trotzdem!“.

„Trotzdem finde ich Organspende gut!“ – wer nach allen offengelegten Fakten eine Entscheidung für die Organspende trifft, hat dies wenigstens auf einer ehrlichen und vollständigen Grundlage getan. In der Stimme, die das „Trotzdem“ in den Raum pflanzt, höre ich Bestimmtheit. In den Augen nehme ich aber etwas anderes wahr – flackernde Angst.

Die Transplantationsmedizin hat uns in den vergangenen 50 Jahren an die Nähe eines Mythos gewöhnt, der mit der fortschreitenden Transplantationstechnik vor seiner totalen Erfüllung zu stehen scheint, an den Mythos medizinisch machbarer Kontrolle über das Leben und an den entrinnbaren Tod. Nach der Logik des: „Wer nicht gibt, kann nicht bekommen“ wird die eine Angst, nämlich die vor dem Verlust des individuellen und würdigen Sterbens, gegen die andere Angst, nämlich die vor der Endlichkeit des Lebens, in den Ring geschickt.

Das eigene Leid wird Vorrang vor dem Leid des anderen haben müssen – ein Denken und Wirken, das in seiner Unerträglichkeit auf die Seele nur pathogen wirken kann. Wir werden alle in der Angst vor dem Tod miteinander verknüpft zu einer um Überleben und Würde konkurrierenden Masse.

Dies wird ein nach außen unauffälliger Kampf sein, da ihn jeder in sich selbst, gegen sich selbst und auch gegen die gespürte und verinnerlichte Erwartung der Gesellschaft ausfechten muss. Wenn alle Fehler, Implikationen und Unüberschaubarkeiten im System schon nicht schrecken können, so kann es aber die eine, die größte Angst in uns: nämlich sich in der Ablehnung der Transplantationsmedizin der eigenen Möglichkeit eines allerletzten Auswegs vor dem Tode zu berauben.

Diese Angst wird den Sieg davon tragen.

Fazit

Zweifel und Fragen sind absolut berechtigt und können nicht mit einem offiziell verordneten Denkbann moralisierend belegt oder mit grenzüberschreitenden Erwartungen zum Schweigen gebracht werden.

Umfassendere Informationen tun dringend Not, um eine individuelle, bewusste und klare Entscheidung für sich selbst und wirklich nur für sich selbst treffen zu können. Die unlösbare Frage des „Du oder ich?“ hinter der Organspende bleibt aber weiter bestehen. Durch die Transplantationstechnik haben wir uns mehr Verantwortung in die Hände gespielt, als wir als Gesellschaft jemals moralisch, ethisch und psychisch erfassen und handhaben können.

Verloren sind die Erkenntnisse der Hospizbewegung und der Palliativbehandlung für Menschen, die in einem Akt der Selbstlosigkeit einen Teil ihres Körpers hergeben. Gesellschaftlich gesehen kommt die Einführung der Transplantationsmedizin der geöffneten Büchse der Pandora gleich.

Muss alles, was machbar ist, um jeden Preis auch gemacht werden?

Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/98851/Gemeinschaftliche-Initiative-soll-Organspendebereitschaft-erhoehen
(2) https://www.organspende-info.de/infothek/faq-organspende
(3) https://initiative-kao.de/pdf-kao-infobroschuere/
(4) https://initiative-kao.de
(5) https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/Hirntodpdf.pdf
(6) https://www.organspende-info.de/organ-und-gewebespende/verlauf/hirntod
(7) https://www.dso.de/dso-news-home/galerie-jahresbericht-2017.html
(8) https://initiative-kao.de
(9) https://initiative-kao.de/lexikon/#lexikon-harvard-definition
(10) Ulrike Baureithel und Anna Bergmann in „Herzloser Tod – Dilemma der Organspende“
(11) Ulrike Baureithel und Anna Bergmann in „Herzloser Tod – Dilemma der Organspende“
(12) https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/article/908050/hirntod-diagnostik-formfehler-keine-seltenheit.html
(13) Ulrike Baureithel und Anna Bergmann in „Herzloser Tod – Dilemma der Organspende“
(14) Dito
(15) https://www.youtube.com/watch?v=C8geRhFdixs
(16) https://www.youtube.com/watch?v=gv32DUBPLpE
(17) https://gesundheitsberater.de/organspende-nie-wieder-organtransplantation-aus-der-sicht-einer-betroffenen/
(18) (19) https://www.focus.de/politik/deutschland/aerzte-nur-jeder-zweite-arzt-hat-organspendeausweis_aid_436556.html
(20) (21) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/organspende-das-war-ein-katastrophaler-ausbau-von-ersatzteilen-12536010.html
(22) https://gesundheitsberater.de/organspende-nie-wieder-organtransplantation-aus-der-sicht-einer-betroffenen/
(23) http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Transplantationszentrum/de/patienten/lungentransplantation/erfolgsaussichten/

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Quelle: https://hinter-den-schlagzeilen.de/mein-koerper-gehoert-mir

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362559 2019-01-12T10:27:10Z 2019-01-12T10:32:55Z Differenzierter Blick auf Neues vom Nachbarn

Gelbwesten: Macron und "Kommunikative Rationalität"

Frankreich als politisches Labor: Gewalt, Wegsehen, Verzerrung und Manipulation der Medien

Am morgigen Samstag kommt es zum Act IX der Proteste der Gilets Jaunes (Gelbwesten oder Gelbe Westen). "Alle Welt", tout le monde, längst nicht mehr nur Frankreich, wird darauf schauen, wie viele daran teilnehmen und von welcher Gewalt die Demonstrationen und Blockaden begleitet werden.

Das mag trivial erscheinen, ist es aber aufgrund der Diskussion, die sich in Frankreich vergangene Woche zugespitzt haben, ganz und gar nicht. Dass sich die italienische Regierung auf die Seite der Gelbwesten gestellt hat, gehört dazu und ist auch ein Zeichen dafür, dass Frankreich gerade mal wieder ein politisches Labor ist.

Wenn zum morgigen Protesttag deutlich mehr kommen als die 50.000, die man offiziell für das letzte Wochenende geschätzt hat, und die Proteste weitgehend ohne Ausschreitungen ablaufen, dann wäre viel gewonnen, war gestern Tenor der Kommentare, die mit den Protesten sympathisieren, aber abgeschreckt sind von den Bildern der Gewalt des achten Aktes am vergangenen Wochenende.

Es ist ein braver Wunsch, dahinter verbergen sich gewaltige Differenzen und große Verschiebungen in der politischen Landschaft. Macron zum Beispiel hätte es am liebsten, wenn sich die außerparlamentarische Opposition, zu der er maßgeblich Geburtshilfe geleistet hat, wieder zurückzieht, nachdem er geplante Steuererhöhungen gestrichen und ein paar Staatsgaben verteilt hat. Der "großer Dialog", der am 15. Januar beginnt, soll den Rest richten. Eine Lösung über die Vernunft der Argumente? "Kommunikative Rationalität", worüber der große Europa-Fan Macrons, der deutsche Philosoph Habermas, gearbeitet hat?

Die findet beim strebsamen Macron schnell ihre Grenzen. Augenblicklich trifft er sich lieber bei der Armee, in deren Kreisen er sich wohlfühlt und ein paar Theatersätze genügen. Das beschreibt übrigens nicht ein Populist oder ein extremer Rechter oder Linker, sondern der eher traditionell-konservative Kommentator Jean-Dominique Merchet. Macron hat den Großteil der üblichen Neujahrstreffen abgesagt, außer den Treffen mit den Vertretern der Streitkräfte.

Die Gewerkschaften und der Arbeitgeberverband bekamen Absagen. Sie machen gegenüber der großen Mitte-Zeitung Le Monde deutlich, dass sie es gar nicht gut finden, dass der Präsident sie am Rand stehen lässt. Mit seiner Politik, die kritische Situation nicht mit Gewerkschaften und Arbeitgebern zu besprechen, verschärfe er die Lage, so die Stoßrichtung der Kritik beider Seiten. Bei seinen Amtsvorgängern sei dies nicht so gewesen. Vom "großen Dialog" halten die Vertreter der Gewerkschaften und Arbeitgeber, die von Le Monde befragt wurden, erwartungsgemäß nicht viel, da sie damit ausgebootet werden.

Die Umgebung des Präsidenten versichert laut Le Monde, dass man diese Partner schon brauche und auch in die politische Arbeit integriere, aber in den Unternehmen, sprich: nicht wenn es um die großen Linien geht. Die Vertreter der bisher üblichen Anlaufstationen bei der Bewältigung von sozialen Krisen haben es mit einem neuen Typus zu tun.

Macron ist eigenartigerweise der Überzeugung, dass seine Person wichtig ist, dass die französischen Wähler ihn wegen seiner Vorzüge gewählt hätten und nicht die in der Stichwahl verbliebene Alternative namens "Bloß nicht Le Pen". Er glaubt an die Idee des direkten Dialogs, obwohl er bei konkreten Situationen bislang wenig Geschick (dafür aber sehr viel Arroganz) dafür zeigte. Die traditionell vermittelnden lehnt der Pappbilderbuch-Revolutionär Macron ab.

Macron ist an die Macht gekommen mit einer Bewegung, nicht mit einer etablierten Partei, dieses Gelände hat er verlassen. Nun hat er es mit einer neuen Bewegung zu tun, die breitere Gesellschaftsschichten hinter sich hat als La République en Marche. Da sich die Protestbewegung der Gelbwesten mit seinen traditionellen Beschwichtigungen nicht zufrieden gibt, greift seine Regierung nun mehr auf eine Kommunikation zurück, die den politischen Gegner in Zerrbildern porträtiert. Dabei kann sie sich auf Medienpartner verlassen, gerade in Frankreich.

Zerrbilder

Die großen Ansatzpunkte für Zerrbilder liefert die Gewalt bei den Protesten und der Einfluss oder die Beteiligung rechter Kräfte, womit in den Attacken der Regierung und mit ihr verbundener Medien eine ziemliche Bandbreite angesprochen wird: von extremen Rechten bis hin zu "Anhängern von Verschwörungstheorien", wobei jeder aufmerksame, geistesgegenwärtige Mediennutzer über das diffamatorische Potential der letzteren Etikette Bescheid wissen dürfte: Nicht jeder, der in Russland das Feindbild nicht wieder erkennt, das im Guardian, in der Zeit oder bei den Grünen penetrant aufgestellt wird, oder der die Dschihadisten in Syrien nicht als vernachlässigbare Teilmenge einer demokratisch gesinnte Opposition begriff, ist damit auch überzeugter Anhänger von Chemtrails.

Selbstverständlich - so funktionieren Intrigen (wie auch die gegen die NGOs im Mittelmeer) - gibt es Phänomene, die zum Zerrbild passen. Es gab hässliche Gewaltausschreitungen bei den bisherigen Protesten der Gelbwesten und es gibt extreme Rechte unter den Gelbwesten wie es bei Facebook-Postings unter dem Etikett Gilet Jaunes Komplottisten ihre Lüste stillen.

Aber, pars pro toto, man kann bei dem in Frankreich namhaften und nicht gerade als konzessionsbereit bekannte Experten für die rechtsextreme Szene, Jean-Yves Camus, wirklichkeitsorientiert und differenziert nachlesen, dass die Rolle der Rechten den Protest der Gelben Westen längst nicht erklärt oder definiert.

Verbunden wird dies von Jean-Yves Camus mit einem Appell an die Linke, sich mehr zu bemühen, die Interessen hinter den sozialen Konflikten genauer anzuschauen und ihre Debattenbeiträge auf den aktuellen Stand zu bringen, um ein Erstarken des komplottistischen Geländes in der Kommunikation über den Protest zu verhindern.

Indessen arbeiten Regierungsmitglieder genau einem solchen Abgleiten zu. Zum Beispiel Marlène Schiappa, Staatssekretärin für die Gleichstellung der Geschlechter, die auf Twitter Bescheid gibt, dass es unter ihrer Aufsicht nicht dazu kommen werde ("not on my watch"), dass die Forderung Nummer 1 der Gelben Westen, die online ermittelt wurde, nämlich das "Ende der Ehe für Alle", erfüllt werde.

Dazu muss man in Erinnerung rufen, dass die von Hunderttausenden besuchten Demonstrationen gegen die "Ehe für Alle" für die Neue Rechte in Frankreich ein wichtiges Mobilisierungsereignis war. Mit der Aussage, dass das Ende der Ehe für alle die wichtigste Forderung der "Gelbwesten online" sei, bedient das Kabinettsmitglied Schiappa ganz eindeutig ein Zerrbild, das die Gelbwesten ineins setzt mit rechten Mobilisierungen.

Nur stimmt die Aussage nicht, wie hier nachzulesen ist. Ein Journalist der Libération, Vincent Glad, demontiert sie, mithilfe von Hinweisen, die zeigen, wie die Abstimmung, worauf sich die Staatssekretärin stützt, manipuliert wurde - von eben den rechten Gegnern der Ehe für Alle.

Man kann der Regierungsvertreterin zugute halten, dass dergleichen Tricks für jemanden, der viel anderes zu tun hat, nicht unbedingt zu durchschauen sind. Aber: Es müsste ihr doch aufgefallen sein, dass das "Ende der Ehe für alle" bislang kein Thema der Proteste der Gelben Westen war. Und es gibt doch Mitarbeiter, die solche Behauptungen überprüfen könnten.

So demonstriert dieser Tweet genau die Haltung, die man dem politischen Gegner vorwirft: Egal wie absurd die Realität wahrgenommen wird, Hauptsache sie passt zu den eigenen Vorstellungen und Forderungen.

Thema der Proteste war - unübersehbar - anderes: Die Forderungen, die nicht nur innerhalb der Protestbewegung, sondern auch bei größeren Teilen der Bevölkerung Anklang finden, sind die Wiedereinführung der abgeschafften Vermögenssteuer sowie eine Einführung von Plebisziten. Das ist eine Wirklichkeit, die man in der Regierung nicht sehen will.

Eine ähnliche Blickfeldbegrenzung zeigt die Regierung auch bei der Frage der Gewalt und Medien unterstützen dies. Wobei hier angemerkt werden muss: Marlène Schiappa wurde bedroht, Parlamentarier wurden bedroht, und auf Polizisten wurde eingedroschen, wie der Fall des Boxers zeigt - dass man sich aufseiten der Regierung und der Staatsgewalt in aller Schärfe gegen diese Aktivitäten wendet, ist nachvollziehbar.

Allerdings wird damit auch ein großer Teil der Wirklichkeit ausgeblendet, von dem die Bewohner der Vorstädte und der sogenannten Problemzonen ein altes Lied singen können, die haarsträubende Gewalt der Polizei, wie sie auch hier öfter zur Sprache kam.

Der Protest der Gelbwesten mache jetzt eine Erfahrung, die man selbst 2005 und später kennengelernt habe, kommentieren Bewohner der Vorstädte die Ereignisse. Sie sympathisieren mit den Gelben Westen, sind aber noch zurückhaltend, was das Mitmachen angeht, wie nicht nur aus diesem Bericht hervorgeht.

Zu der Erfahrung gehört, dass die Polizeigewalt nicht zu einem Thema wurde, das Verhältnisse grundlegend änderte. Im Fall der häufig aus Einwandererfamilien stammenden Bewohner der Vorstädte oder Problemzonen war es leicht, die Aggressivität mit einer einseitigen Gewichtung darzustellen und dies als das richtige und gültige Bild der Wirklichkeit darzustellen, auch weil es viele Interessen gibt, dies so einfach zu sehen.

Bei den Protesten der Gelbwesten ist dies anders, weil sich hier eine breite Bevölkerung repräsentiert sieht, wie ja auch die gegenwärtige italienische Regierung große Sympathie bezeugt.

Allerdings stellen Medien, wie auch Le Monde in Leitartikeln, nach wie vor besonders die Gewalt der Gelbwesten in den Vordergrund. In manchen Medien, exemplarisch bei BMTV, liegt der Schwerpunkt genau darauf, die Gelbwesten als Ultra-Gewalt zu porträtieren, die gegen die Staatsmacht vorgeht, die die öffentliche Ordnung garantiert.

Diese Darstellung überschneidet sich in vielem mit der Sichtweise der Regierung. Der zufolge hat sie es nun weniger mit "vernünftigen" politischen Forderungen zu tun, auf die man ja übrigens schon eingegangen ist, sondern mit einer von Gewalt und abseitigen Forderungen bestimmten Bewegung, die im Hintergrund von radikalen Rechten gesteuert wird.

Dagegen sprechen nun Zeugenaussagen, wie sie auch von traditionellen Medien wie Le Monde überliefert werden, wonach die Staatsgewalt auch "Mamies und Papies" getroffen hat - übrigens ganz so, wie es der Boxer als Grund für seine Eskalation geschildert hat.

Bei den Gelbwesten für die Darstellung des Protestes, die sich wie bei BMTV vor allem auf die Gewalt aus den Reihen des Protestes konzentriert, im unguten, aber noch harmlosen Fall zum Ausschluss von Pressevertretern bei Versammlungen oder in üblen, verzerrenden Fällen zur Gewalt gegen Journalisten. Betroffen waren einige BMTV-Reporter.

Die Polizei gehe mit außergewöhnlicher Gewalt vor und verletze dabei das Gesetz und Pflichten, die ihr vorgeschrieben sind, wirft ihr der Journalist David Dufresne vor. Und er hält den Journalisten und Medien einen harten Spiegel vor. Sie würden "einseitig" arbeiten mit "einer Stimme", sie würden die Debatte so führen, dass sie das Verständnis dessen, was vorgehe, verhindern.

Dufresne hat sich einen Namen als Dokumentarist gemacht, der zum Beispiel die Kommunikationsarbeit des Front National vor Augen führte und dies, wie ersichtlich wird, ganz bestimmt nicht als Anhänger einer rechten Bewegung. (Thomas Pany)

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Gelbwesten-Macron-und-Kommunikative-Rationalitaet-4271904.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom 

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362474 2019-01-12T00:41:08Z 2019-01-12T00:41:08Z Innenstaatssekretär Mayer: Dumm oder böse?

Geriet in der Talkshow Maybritt Illner durch Nachfragen von Anke Domscheit-Berg schwer in die Defensive: Stephan Mayer, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Alle Rechte vorbehalten ZDF

Der CSU-Politiker Stephan Mayer ist parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium und redet sich in der Talk-Show Maybrit Illner um Kopf und Kragen. Von der Netzpolitikerin Anke Domscheit-Berg (parteilos, für die Linke) auf Staatstrojaner und die damit verbundene Nutzung von IT-Sicherheitslücken angesprochen, verneinte Mayer, dass der Staat sich „bewusst Sicherheitslücken zu Nutze mache“.

Staatstrojaner bauen technisch aber eben genau darauf auf, dass sie Sicherheitslücken in Soft- und Hardware nutzen. Dass Staatstrojaner dazu führen, dass Sicherheitslücken absichtlich offen gehalten werden, ist zudem eine valide und mit dem „WannaCry“-Fall gut belegte Kritik an dieser Überwachungsmaßnahme. Mayer versuchte in der Sendung die Probleme der Staatstrojaner wegzudiskutieren. Da sich die Überwachungsmaßnahme nur gegen wenige Personen richte, würden deswegen nicht Millionen anderer Personen gefährdet.

Das BKA hat explizit gesagt, dass es Sicherheitslücken ausnutzen will statt sie zu schließen. Das kann die öffentliche Sicherheit nicht nur verbessern, sondern sogar verschlechtern.

Entweder ist der für diesen Politikbereich verantwortliche Mayer komplett ahnungslos oder er führt die Öffentlichkeit bewusst mit Unwahrheiten in die Irre. Tatsache ist, dass die staatlich geförderte Offenhaltung von Sicherheitslücken dazu führt, dass die Rechner von Millionen von Menschen unsicher sind – auch der Computer von Herrn Mayer.


Wir haben die entscheidenden Aussagen aus dem Mitschnitt der Sendung transkribiert.

Domscheit-Berg: Der BND kriegt über einen Zeitraum von fünf Jahren über vier Millionen Euro, um Sicherheitslücken auf dem schwarzen Markt aufzukaufen. Das ist eine bodenlose Frechheit, das unterminiert unser aller Sicherheit, das geht gar nicht, und da können Sie nicht sagen, man muss sich selber sichere Passwörter machen, ein bisschen mehr aufpassen, alles richtig, aber die Verantwortung liegt bei Ihnen, die müssen Sie bitteschön auch übernehmen.

Mayer: Die nehmen wir auch wahr. Ich zeige auch nicht mit dem Finger auf die Bürger…

Domscheit-Berg: Herr Seehofer fängt schon wieder an von Hackback zu reden, selbst bei diesem Fall.

Mayer: Wir haben eine zweigeteilte Verantwortung. Der Staat hat eine klare Verantwortung, das habe ich deutlich zum Ausdruck gebracht, aber ich sage auch ganz offen dazu, es gibt auch eine Eigenverantwortung der Bürger. Und ich möchte einem wirklich deutlich, Frau Kollegin, entgegentreten, dass der Staat in Deutschland, dass die Bundesregierung, die Sicherheitsbehörden ertüchtigt, sich bewusst Sicherheitslücken zu Nutze zu machen…

Domscheit-Berg: Dafür gibt es Budget, Haushaltsmittel.

Mayer: Das ist nicht unsere Strategie. Es werden hier nicht irgendwelche Backdoors bewusst genutzt, um die Bürger auszuspähen.

Illner: Aber die Frage ist ja berechtigt. Es geht darum Staatstrojaner zu halten, damit man eben tatsächlich in diesem Markt sozusagen, dann auch Schlachten gewinnt.

Mayer: Jetzt müssen wir die Dinge schon konkret auseinander halten. Also Frau Kollegin Domscheit-Berg hat jetzt sich bewusste Sicherheitslücken angesprochen, die angekauft werden,…

Illner: …die als Lücke bestehen bleiben und nicht geschlossen werden…

Mayer: …um den den Nachrichtendiensten es zu ermöglichen, Inhalte auszuspähen. Es geht beim Staatstrojaner, beim sogenannten Staatstrojaner um etwas ganz anderes. Es geht um Einzelfälle, um ganz spezifische Einzelfälle, wenn jemand verdächtig ist, einen Terroranschlag zu unternehmen oder wenn jemand verdächtig ist, sich eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht zu haben, dann bin ich sehr wohl der Auffassung, dass zur Überführung des Täters oder zum Schutz vor einem geplanten Anschlag es auch möglich sein muss, dass wir unsere Sicherheitsbehörden in die Lage versetzen, auch möglicherweise mittels eines so genannten Staatstrojaners auch in die IT der betreffenden Person mit einzugreifen…

Domscheit-Berg: Das geht nicht ohne Sicherheitslücke, die Millionen anderer Menschen gleichzeitig gefährdet…

Mayer: Nee, eben nicht. Nicht Millionen, nein Frau Domscheit-Berg, nicht Millionen anderer Menschen gefährdet, sondern die ganz in diesem spezifischen Fall es ermöglicht, in den PC, in das Notebook dieser Person einzudringen…

Domscheit-Berg: …mit einer Sicherheitslücke, die alle anderen Hacker, die diese Sicherheitslücke kennen, auch nutzen können.

Mayer: …und ich sag nochmal zur Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt…

Domscheit-Berg: Also, also, ich weiß gar nicht, wie man das so rosa beschreiben kann. Das ist einfach nicht richtig.

Mayer: Ich beschreibe das nicht rosa, ich beschreibe wie die Notwendigkeiten sind.

Domscheit-Berg: Sie beschreiben die Tatsache falsch.

Mayer: Das tue ich definitiv nicht, sondern ich mache deutlich, dass es der deutsche Staat, dass die deutschen Sicherheitsbehörden, keineswegs millionenfach Nutzer gefährden, sondern hier haben selbst, und das ist auch das Know-How unserer Sicherheitsbehörden, eine Technik entwickelt, die es im Einzelfall ermöglicht, auf einen ganz spezifischen PC, auf ein ganz spezifisches Notebook einer Person, oder weniger Personen zuzugreifen, damit wird nicht die Heerschar und werden nicht Millionen von Nutzern gefährdet. Und noch um nochmal eines klar zu sagen, was die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt von IT-Fachkräften anbelangt…


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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362461 2019-01-12T00:21:05Z 2019-01-12T00:21:05Z Ein Bericht von Tucholsky aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts? „Setzt euch mal bitte stabil hin. Für die Meldung hier werdet ihr das brauchen.

Es geht um die schleichende Normalisierung rechter Gewalt als "bloß ein armes Würstchen aus dem Internet" (um mal völlig unpassend die Ausrede zu übernehmen, die die Polizei mir gegenüber damals brachte). Der ganze Artikel ist ein einziges Money Quote. Ich muss da mal großflächig zitieren.

Der erste Fall ist jemand, der auf einer Mai-Demonstration "mit dem Auto Jagd auf Menschen gemacht und sie mit Steinen beworfen" haben soll.

Carsten M. und seine Freundin trugen dabei schwarze T-Shirts mit der Aufschrift "Aryans - Support your race".
Also hat die Polizei eine Hausdurchsuchung gemacht, die so ablief:
Pistolen, Messer, Armbrüste, sogenannte Polenböller, Schwarzpulver, mehrere Behälter mit Stahlkugeln [...] "In nahezu jedem Raum", so notierten es die Polizisten, "befanden sich Nazi-Devotionalien." Mal eine SS-Flagge, nur seitenverkehrt aufgehängt, mal Aufkleber der "Division Braune Wölfe", einem gewaltbereiteten Zusammenschluss bundesweit aktiver Neonazis. Und auch ein laminiertes Schild wurde gefunden mit dem Aufruf: "Volksgenosse, trittst Du ein, soll Dein Gruß 'Heil Hitler' sein."
Gut, denkt ihr euch jetzt vielleicht, einen klareren Fall von rechtsradikaler Gewalt kann man sich kaum als Gedankenexperiment konstruieren. Der wird für Jahre im Knast verschwunden sein. Nun, nicht ganz.
Die zuständige Staatsanwältin in Halle hält den Fall für "typisches Alltagsgeschäft" und hat den Fall, der nun am Landgericht verhandelt wird, darum auch nur am Amtsgericht angeklagt. Sie begründete das in einer Stellungnahme so: "Die von den Angeklagten gezeigte Aggressivität geht nicht über das hinaus, was bedauerlicher Weise im Umfeld sogenannter politischer Veranstaltungen inzwischen üblich ist."
Öhm... wut? Geht noch weiter! Die Waffenfunde und Nazi-Devotionalien seien ja bloß in der Wohnung gewesen, und es gäbe keine Anhaltspunkte dafür, dass er die öffentlich zeigen wollte.
"Die Ausgestaltung der eigenen vier Wände ist, sofern keine Außenwirkung eintritt, in der Bundesrepublik Deutschland jedem überlassen"
Und diese Art von Fällen gibt es bei der Staatsanwaltschaft im Osten offenbar häufiger. Ein Kampfsportler bedroht Journalisten mit "Die Wahrheit, oder eure Köpfe auf den Tisch". Die Staatsanwältin findet:
"Es wird damit nicht eindeutig ein zukünftiges Verbrechen angedroht, sondern eher sprichwörtlich zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung aufgefordert"
Oh ach SO ist das!

Aber der geilste Fall kommt ganz am Ende des Artikels. Szenario: Mann dringt in Wohnung eines Liberianers ein, angeblich weil er zu laut "Kanakenmusik" gespielt hat.

Sie kamen mit Schlagstock und Schlagring und schlugen die Frau bewusstlos, verletzten den Mann und sogar den fünf Jahre alten Enkel der Deutschen, der in der Wohnung war.
Das ist ja schon krass, aber es wird noch besser. Die Polizei besucht den Mann also, und er zeigt ihnen am Eingang erst einen Reichsbürgerausweis, dann seinen NPD-Mitgliedsausweis.
Dennoch sah das Gericht keine Anhaltspunkte dafür, dass die Tat vielleicht einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte. Es zog sich ganz formalistisch aus der Affäre: Weil die Polizei nicht das Datum auf den Ausweisen notiert hatte, könne man nicht feststellen, ob die beiden Ausweise vielleicht schon abgelaufen gewesen seien. Die beiden Männer kamen mit Bewährungsstrafen davon.
Und das war das Gericht, nicht die Staatsanwaltschaft diesmal.“

Nein. Nicht Tucholsky. Nicht damals. Heute. 


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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362409 2019-01-11T21:45:21Z 2019-01-11T21:45:23Z Die Verselbstständigung des „Warnens“ und „Verabscheuens“: Medien als Reflexmaschinen von Vorurteilen

Gesetzeskunst

Wir haben nun endlich das „Gute-Kita-Gesetz“. Die zuständige Ministerin wurde sehr gelobt für den schönen Namen, den sie dem Gesetz gegeben hat. Tatsächlich heißt das Gesetz zwar gar nicht so, sondern „Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung“ vom 19. Dezember 2018 (BGBl 2018 I S. 2696). Und ob das Gesetz gut ist oder für gute Kitas sorgen wird, ist umstritten und muss sich erst noch zeigen. Aber die Performance wurde allgemein als gelungen angesehen. Deshalb haben die Ministerin und ein Ministerkollege auch gleich noch die Initiative „Starke-Familien-Gesetz“ nachgeschoben. Denn eine große deutsche Arbeiter- und Autopartei hat beschlossen, dass ab sofort die skandalöse Kinderarmut zu „bekämpfen“ sei. Nicht in Bangladesh, sondern in Deutschland, wo diese Partei in den vergangenen zwei Jahrzehnten 16 Jahre mitregiert hat.

Nun fragt das eine oder andere Kind sich vielleicht, wem es seine zu bekämpfende Armut zu verdanken hat. Aber das ist eine undankbare Frage im Moment der Freude, da im Starke-Familie-Gesetz unter anderem vorgeschlagen werden soll, den Kinderzuschlag um 13 Euro und das Kindergeld um 10 Euro zu erhöhen. Das wird also für die schwachen Familien ein ganz starker Schluck aus der Pulle der Volkswirtschaft, die im Jahr 2018 ein Bruttoinlandsprodukt von ca. 3.400 Milliarden Euro erwirtschaftet hat, also 40.000 € pro Bundesbürger oder 300.000 € pro Kind bis 14 Jahre.

Das sprachliche Konzept ist jedenfalls auch in der Presse gut aufgenommen worden: Was für eine Bürgernähe! Wie wunderbar einfach erklären die Titel die schwierige Materie! Das Verständnis der Menschen für das Recht leidet ja, wie wir aus zahllosen Recherchen wissen, sehr unter den Namen der Gesetze, die regelmäßig dreigeteilt: In einen umständlichen, oft euphemistischen Langnamen zur Umschreibung des politisch Gewollten („Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung der Blattlaus“), einen mehr oder weniger skurrilen Kurztitel zur Inspiration der lustigen Glossen zur Juristensprache („Blattlausbekämpfungsverbesserungsgesetz“) und eine Abkürzung desselben („BlaBekVerbG“). Diese Abkürzung wiederum gibt es in zwei Varianten: mit eingestreuten Vokalen, die das Ganze dann als Wort sprechbar machen („BaföG“, „OWiG“), und ohne („PflVersG“). Je nach Humorlage werden aber auch eigentlich unsprechbare Abkürzungen als Wörter gesprochen („BimSchG“ = Bundesimmissionsschutzgesetz), um den verwirrten Geisteszustand der Ministerialbeamten zu entlarven; umgekehrt werden sprechbare buchstabiert („BÄO“ = Bundesärzteordnung).

Die Kraft der neuen Tendenz aus dem BMFSFJ sollte nicht unterschätzt werden. Man darf träumen vom „Pünktliche-Bahn-Gesetz“, „Gute-Besserung-Gesetz“, Schnelle-Truppe-Gesetz“, „Schönes-Alter-Gesetz“ und anderen Wohltaten. Die Wählerzahlen werden durch die Decke gehen.

An dieser Stelle muss noch ein bemerkenswerter Gesetzesvorschlag der Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF), Maria Noichl, erwähnt werden. Der Süddeutschen Zeitung sagte sie am 15. Dezember: „Kommunale Kliniken, die öffentliche Gelder bekommen, sollen Abtreibungen verpflichtend anbieten. Zwar können das Ärzte aus Gewissengründen verweigern, aber die Gynäkologen müssen dazu bei ihrer Einstellung befragt werden. Wenn sie das verweigern, müssen sich die Klinken fragen, ob das der richtige Arzt ist.“ Dieses Konzept hätte gewiss auch der Genossin Margot H. aus Wandlitz gut gefallen. Die zuständige Ministerin müsste also nur einen passenden Namen finden. Er ergibt sich unschwer aus dem Grundanliegen der AsF: „Das Kind hat ein Recht darauf, dass die eigene Mutter zu ihm Ja sagt!“ Das ist schön gesagt und konsequent gedacht: Abtreibung als Kinderschutzmaßnahme. Man könnte die Abtreibungspflicht aller Krankenhäuser also demnächst im „Geliebte-Kinder-Gesetz“ regeln.

 

Klima der Angst

Die Fraktionsvorsitzenden einer im Bundestag vertretenen Partei haben in Deutschland ein „Klima der Angst“ wahrgenommen. Dieses Klima sehen sie bestätigt durch einen „feigen Mordanschlag“ auf einen Bundestagsabgeordneten aus Bremen. Die „abscheuliche Gewalttat“ und „feige Bluttat“, von welcher sie sprachen, stellt sich nach Besichtigung der Videoaufzeichnung vom Tathergang nun wohl etwas anders dar als in den ersten Schilderungen des Opfers: „Kantholz“, Tritte gegen den Kopf, Raub; Lebensrettung durch Passanten, die die Mörder in die Flucht schlugen. Da von all dem auf der Aufzeichnung nichts zu sehen war, wurde die Schilderung zur Frucht einer (angeblichen) Sekunden-Bewusstlosigkeit umgewidmet. Der Umstand, dass auf dem Video offenbar (nur) zu sehen ist, dass von drei Personen mit „Mützen oder Kapuzen“ eine das Tatopfer von hinten zu Boden stößt und daraufhin alles drei weglaufen, ändert vorerst nichts daran, dass die Tat der „drei vermummten Täter“ (Tagesschau) bis hinauf zum Bundespräsidenten schon einmal als Menetekel eskalierender politischer Gewalt gegeißelt wird.

Nun ist es gewiss eine strafbare vorsätzliche Körperverletzung, jemand anderem in den Rücken zu springen und ihn zu Boden zu stoßen. Ob es eine „gefährliche“ Körperverletzung (im Sinn von § 224 Abs. 1 Nr. 4 oder Nr. 5 StGB) war, wird sich im Lauf der Ermittlungen herausstellen. Die Behauptung, die Tat sei „offenkundig“ politisch motiviert, „Resultat der Hetze von Politikern und Medien gegen uns“ (Weidel/Gauland am 8. Januar) und „offenbar von Linksterroristen“ begangen worden (Meuthen/Gauland), ist Spekulation und wird nicht schon dadurch zur Wahrheit, dass sie von Politikern und Medien unkritisch und übereilt aufgegriffen wird. Besonders abwegig äußerte sich auch die Bundesvorsitzende der Grünen, Baerbock: „Wer Hass streut, der erntet Hass“. Würde dieser Satz, der dem Opfer einer Gewalttat ein hämisches “selbst schuld!“ nachruft, von AfD-Politikern über einen von Rechtsradikalen verletzten Grünen-Abgeordneten gesagt, dürfte man sich gewiss auf eine wochenlange Entrüstungswoge gefasst machen.

Aber auch sonst herrscht Untergangsstimmung: Die SZ wusste am 9. Januar, dass der Geschädigte „brutal zusammengeschlagen“ wurde und es „die Täter wohl nicht interessierte, ob er überlebt“. Matthias Dobrinski kommentierte, es sei offen, ob „die Täter“ (tatsächlich weiß man noch nicht einmal, ob es sich um eine spontane Exzesstat nur einer Person handelte) eine politische Motivation hatten. Einen Satz später freilich enthüllte der Autor, die Tat zeige, dass sowohl Faschisten wie Autonome die Menschenwürde ihrer Gegner geringschätzten, und: „Es wurde in das Gewaltmonopol des Staates eingegriffen, Hass wurde mit Hass vergolten.“ Auf das „Gewaltmonopol“ kommt man sonst bei Körperverletzungsdelikten in Hinterhöfen nicht unbedingt. Und die Dobrinski-Baerbocksche „Hass“-Analyse entlarvt die Worte über die Unaufgeklärtheit als logikfreie Ausfallversicherung. Die ZEIT meldete noch am 10. Januar auf Seite eins: „Politische Übergriffe in Deutschland nehmen zu“ – eine ebenso kühne wie unbelegte Behauptung. Stimmen, die sich gegen die allgemeinen „Abscheu“-Klagen und das voreilige Kommentieren eines bislang weithin unklaren Geschehens wandten, waren selten (z.B. Berthold Kohler in der FAZ vom 9. Januar).

 

Reflexe

Man hat des öfteren den Eindruck, als sei es den Reflexmaschinen der „Meinung“ nachgerade gleichgültig, was wahr und was unwahr ist: Es geht um „gefühlte“ Wahrheit, und wenn diese sich später als nicht faktenbasiert erweisen sollte, ist es auch egal, da das bedeutungsvolle „Warnen“, „Verabscheuen“ und Beschuldigen sich dann längst verselbständigt hat.

Die Verarbeitungslage zur Tat in Bremen passt zu den vorausgegangenen Aufregungen um Taten in Amberg und Bottrop. Was die Letztere betrifft, zeigte sich der Innenminister von NRW, Reul, in rekordverdächtig kurzer Zeit vollständig informiert über Gründe, Motive und Absichten des Täters, der gezielt Passanten angefahren und (gefährlich) verletzt hatte (in diesem Fall sicher Gefährliche Körperverletzung gem. § 224 Abs. 1 Nr. 2 und Nr. 5; vielleicht auch versuchter Mord). Dann wurde bekannt gegeben, dass der Beschuldigte an einer Psychose (Schizophrenie) leide. Seither ist das Maß des von den Pressestellen verbreiteten „Abscheus“ deutlich zurückgegangen. Vielleicht sind jetzt alle sicher, dass es sich um Taten eines „Verrückten“ handelte, die man den von den Rechten geschürten Hass-Intentionen nicht unmittelbar zurechnen und deshalb nicht ohne weiteres ausschlachten kann.

Die Abscheu-Abteilung der AfD hielt sich bei den Bluttaten von Bottrop vornehm zurück. Selbst als die Polizei bestätigte, der Beschuldigte habe in seiner Vernehmung fremdenfeindliche Motive angegeben, sahen sich Meuthen, Weidel und Gauland nicht veranlasst, mit zitternder Hand Aufrufe an die eigene, mitunter bekanntlich etwas ungestüme Parteijugend zu verfassen, sich von der xenophoben Gewalt keinesfalls inspirieren, beflügeln oder bestätigen zu lassen. Aus den tieferen Gefühlsschichten der Bewegung der Besorgten hört man ja sonst nach jeder Gewalttat gegen Fremde, daran könne man einmal mehr sehen, dass der berechtigte Zorn der Bürger sich leider in illegalen Taten entlade, von denen sich die Vogelschiss-Partei selbstverständlich distanziere. Das kennen wir schon: Die Schuld des Opfers an seinem Opfersein gründet sich auf sein Da-Sein. Der ehemalige Fallschirmspringer Möllemann hat das einst am Juden Friedmann exemplifiziert.

Um so verzweifelter erklangen die Schreie der Empörung über die Bluttaten von Amberg. Vier als „Flüchtlinge“ registrierte Jugendliche hatten, stark alkoholisiert, bei zwei Gelegenheiten mutwillig Passanten angegriffen und verletzt. Warum sie dies taten, ist (mir) nicht bekannt. Erstaunlicherweise wurde diese Frage von der Presse bislang noch nicht vollständig aufgeklärt, was aber selbstverständlich niemanden an der Forderung hinderte, Ursachen, Motive und Folgen auf das Entschiedenste zu verabscheuen und zu bekämpfen. In diesem Fall ist das schon deshalb leicht, weil sich die eigentliche Schuld der Täter offenbar aus ihrem schlichten Hier-Sein ergibt: Dass Ausländer Straftaten begehen, die auch für Inländer ähnlichen Zuschnitts typisch sind, reduziert die kriminologische Analyse zuverlässig und abschließend auf die scharfsinnige Feststellung, die Tat hätte nicht geschehen können, wenn der Täter nicht dagewesen wäre.

Herr Bundesminister des Innern, unlängst erst erwacht aus einem Traum, in welchem er als gefühlte Spitze eines gewaltigen Heeres losmarschierte und als abgehängte Nachhut endete, hätte eigentlich gewarnt sein können, verkündete aber vor jeglicher justizieller Aufklärung des Geschehens, nun müsse das „Asylrecht verschärft“ werden. Was diese Worte bedeuten, ist jedem Deutschen seit 40 Jahren bekannt: keinesfalls, dass es irgendeinem Asylbewerber besser, leichter oder schöner gemacht werden soll. Sondern dass der irgendwie illegitimen, irgendwie missbrauchten, auf jeden Fall zerstörerischen und vor allem „überhand nehmenden“ Inanspruchnahme des Asyl-Rechts (oder dem Immigrations-Wunsch der Barbaren vor der Mauer eine „schärfere“, also bessere Grenze zu setzen sei: undurchlässiger.

In Deutschland werden in jedem Jahr vielleicht fünfzigtausend Jugendliche (14 bis 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis 20 Jahre) wegen Körperverletzungsdelikten strafrechtlich – sanktioniert, mal mehr, mal weniger. Die Entscheidungen der Justiz sind mal mehr, mal weniger richtig, gerecht, nützlich und hilfreich – wie die anderen Entscheidungen öffentlicher und privater Institutionen auch. Wer in seinem eigenen Leben als Jugendlicher einmal wegen Sachbeschädigung, Diebstahl, Körperverletzung oder Besitz von Betäubungsmitteln verfolgt wurde, oder wessen Kind, Freund, Nachbar oder Neffe dies passierte, wird gewisse Zweifel daran haben, dass ein möglichst gnadenloses Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden das allerbeste Mittel sei, um desorientierte, desintegrierte, enttäuschte Jugendliche auf den Pfad der Empathie und in die Sicherheit einer Ausbildungsstelle als Mechatroniker oder Lehrer zu leiten. Andererseits aber vielleicht auch die Hoffnung oder Erinnerung daran, dass ein Zugriff im Namen des Staates eine heilsame Funktion haben kann.

Seit 70 Jahren wurde in Deutschland, wenn es kommodierte, behauptet, mit der Jugend sei es früher besser gewesen, werde jetzt aber immer schlimmer und müsse unweigerlich in ein Chaos münden, das grundlegende Werte und Gewissheiten des Gemeinwesens zerstöre. In allen Fällen sollten, soweit ich mich erinnere, dem verderblichen Einfluss einer fehlgeleiteten Jugend ein eiserner Riegel und eine harte Hand Einhalt gebieten. Als Dekaden des Untergangs von Kultur, Sicherheit und Heimat sind mir in Erinnerung: die 50er Jahre, als Lederjacken und Afroamerikanismus die abendländische Kultur bedrohten; die 60er Jahre, als die Jugend im Rausch der Beat-Musik (Viervierteltakt mit Beat auf dem zweiten Schlag) den in zwei Weltkriegen errungenen Werten entsagte; die 70er Jahre, als sie sich dem Weltfrieden und dem Ikea-Regal zuwandte; die 80er Jahre, als fast die Neuerfindung des Kapitalismus durch Wahnideen wie Atomausstieg und biologische Landwirtschaft verhindert worden wäre. Ganz zu schweigen von den Verwirrungen der 90er und Nuller Jahre: Internet, Verantwortungslosigkeit, Gewalt! Die Jugend wieder auf dem Weg ins Unglück!

 

Vergleiche mit Vergleichen

Dagegen könnte man einwenden: Seit 70 Jahren hat es in Deutschland keine Population unter 25 Lebensjahren gegeben, die so wertkonservativ, folgsam, karriere-orientiert, gesetzestreu und furchterfüllt war wie die gegenwärtige. Sie fürchtet sich, wie die Analytiker ein ums andere Mal feststellen, kaum noch vor dem großen Bruder, sondern meist nur vor einem Funkloch oder dem Verpassen eines Update. Amberg ist, kriminologisch gesehen, eine ungemein sichere Stadt. Vier stark alkoholisierte jugendliche Personen haben dort trotzdem aus unbekannten Motiven am 30. Dezember 2018 unbeteiligte Menschen angegriffen und verletzt.  Das Geschehen bestand aus zwei zeitlich und situativ getrennten Vorkommnissen. Die Beschuldigten wurden identifiziert und festgenommen: Keine Invasion, kein Aufstand, keine Terrorzelle.

Was, so fragt man sich, könnte es veranlassen, die Tat von Bottrop und die Taten von Amberg in einen Zusammenhang zu bringen, der es auf die Titelseiten der nationalen Tagespresse und in die Nachrichtensendungen schafft? Anders gefragt: Gibt es irgendeinen naheliegenden Hinweis darauf, dass die „vier Täter zwischen 17 und 19“ aus Amberg (man hört: BAK bei 2,6 Promille) aus rassistischen, fremdenfeindlichen, anti-jüdisch-christlichen Motiven gehandelt haben könnten? Oder handelte es sich unter Umständen um „sinn“-freie Taten, wie sie in jeder Woche von sinn-freien Jugendlichen aus Bayern und Schleswig-Holstein zu hunderten begangen werden?

Es ist klar: Die einzige dem Leser, Hörer, Zuschauer dargebotene Verbindung besteht in der Ausländer-Eigenschaft von Tatbeteiligten: In Bottrop die Opfer, in Amberg die Täter. Der Reflex, der an dieser willkürlich zusammengeschalteten Parallelität anknüpft, ist von geradezu atemberaubender Einfalt. Der Innenminister des Freistaats Bayern teilte zum Amberger Sensationsfall mit: „Aktuell (sei) die Abschiebung noch in keinem der Fälle rechtlich möglich. Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um das zu ändern.” Das war’s. Ein „Dankbare-Gäste-Gesetz“ muss her.

Letzter Akt: Ein Bundestags-Abgeordneter der Partei AfD hat kürzlich, als ein schon früher strafrechtlich „auffällig“ gewordener Ausländer vorübergehend wieder einreisen durfte, angemerkt, im Interesse einer wirksamen Abschreckung müsse auch über eine Änderung des Art. 102 Grundgesetz nachgedacht werden. Diese Vorschrift lautet seit 1949: „Die Todesstrafe ist abgeschafft“. Als man dem Herrn Abgeordneten  Verfassungsfeindlichkeit vorhielt, erläuterte er: Er habe ja gar nicht die Einführung der Todesstrafe angeregt. Denn dazu müsse man ja auch Art. 1 Abs. 1 GG („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) ändern, und das habe er nicht gefordert. Der Herr ist von Beruf Staatsanwalt. Seine Forderung ist von schwer zu überbietender Dummheit, seine Erläuterung von nur schwer zu unterbietender rabulistischen Feigheit. Die AfD-Führung ließ mitteilen, es handle sich um eine Privatmeinung, mit der sie nichts zu tun  habe.

 

Zustände

Die medialen Reflux-Zustände sind besorgniserregend. Alles andere jedenfalls nicht dort, wo es hinfantasiert wird. „Immer weniger Vertrauen in den Rechtsstaat“, melden hämisch Webseiten, die 95 Prozent ihrer Zahlungs- und Überzeugungskraft darauf verwenden, genau dieses Ergebnis zu erzielen. We need Border Security! Deutschland ist unter den zehn reichsten Ländern des Planeten. Der deutsche Rentner muss vom deutschen Rentner gepflegt werden, sagt der Innenminister. Kinder statt Inder! Wer weiß: Vielleicht kommt ja schon bald der Entwurf des „Tolle-Integration-Gesetz“, vorgestellt von Alice + Franziska. Blattvergoldet.

Quelle: https://meedia.de/2019/01/11/die-verselbststaendigung-des-warnens-und-verabscheuens-medien-als-reflexmaschinen-von-vorurteilen/

(via Mr. Reader)

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1362384 2019-01-11T20:55:11Z 2019-01-11T20:56:57Z Abendessen
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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1361594 2019-01-09T10:47:29Z 2019-01-09T10:47:29Z IT-Blogger Fefe zum Datenleak-Skandal: „Aus meiner Sicht ist die Politik nicht Opfer, sondern Täter“

In Deinem Blog hast Du geschrieben, dass Du es gar nicht interessant findest, wo die via Twitter veröffentlichten Daten herkommen und was der oder die Täter damit bewirken wollen. Warum nicht?
Felix von Leitner:
Weil das eine Suggestivfrage ist. Sie tut so, als sei das mysteriös. Sie suggeriert, sichere Datenhaltung sei grundsätzlich ein gelöstes Problem und jetzt hätte es einen Fehler gegeben. Wenn wir den gefunden haben, ist wieder alles gut. Das Gegenteil ist der Fall. Jede Ebene des Problems ist entweder ungelöst oder wird aktiv in die falsche Richtung optimiert. Wir haben das falsche Ziel vorgegeben, wir erheben sinnlos Daten, wir speichern sie unsicher in der Cloud, und unsere Software ist auch unsicher. Aber auch das greift noch zu kurz. Es sind nicht Fehler in der Umsetzung, es sind Fehler in der Zielsetzung!

Die Politik verkündet seit Jahren Slogans wie „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts“ — trotz Datenschutz und Privatsphäre und obwohl das Bundesverfassungsgericht ihnen aus Mangel ans Respekt vor der Intimsphäre der Menschen ein Gesetz nach dem anderen zerreißen musste. Welches Signal setzt denn das? „Sammelt weniger Daten“? Wohl kaum! Wenn die Daten nicht gesammelt worden wären, hätten sie nicht wegkommen können. In der Privatwirtschaft gibt es auch einen Trend zu mehr Datensammeln (Stichwort „Big Data“), obwohl in der Praxis niemand weiß, was man mit den Daten anstellen soll. Das will man aber vor der Konkurrenz nicht zugeben, und so sammeln alle fleißig und speichern alles weg, aber keiner tut damit sinnvolle Dinge. „Künstliche Intelligenz“ soll jetzt helfen. Der Innenminister ist natürlich auch sofort aufgesprungen und macht Feldversuche mit Gesichtserkennung.

Diese Verlogenheit ärgert mich. Du kannst nicht die Opferrolle für dich einfordern, wenn du selbst Täter bist. Hört auf, Daten über mich zu sammeln; dann habe ich auch Mitleid, wenn jemand eure Daten sammelt.

Gibt es auch so etwas wie einen “alltäglichen Datenmissbrauch” durch Firmen, Institutionen oder die Politik?
Die Politik versucht nicht mal, die Meldedaten ihrer Bürger abzusichern, sondern verkauft sie weiter. Wer in einem Hotel übernachtet, muss seine persönlichen Daten hinterlassen, inklusive Geburtsdatum. Die dem ausgesetzten Bürger haben verstanden, dass die Politik nicht am Sichern ihrer Privatsphäre interessiert ist sondern an möglichst umfassender Massendatenerhebung. Das merkte man gut bei der Mautsystem-Debatte, wo niemand glauben wollte, dass es nicht um die Daten aller Autos geht.

Versuch mal, dich anonym von A nach B zu bewegen! Fliegen ohne Namensnennung geht nicht. Beim Autofahren gibt es anlassloses Kennzeichen-Scannen. Bei der Bahn kauft man die Tickets online mit Account und Kreditkarte und ist auch nicht mehr anonym.  Selbst der öffentliche Nahverkehr wechselt stetig zu Apps und damit zur Deanonymisierung. Und man müsste auch das Mobiltelefon zuhause lassen, denn das hinterlässt auch Datenspuren, auf die u.a. die Polizei gerne zugreift. Die Botschaft an die Bürger ist klar: Es geht hier nicht darum, euch eure Privatsphäre zu lassen. Ihr werdet vermessen und in Datenbanken abgelegt, wo ihr auch hingeht und was ihr auch tut. Überall gibt es Datenbanken, und die Bürger haben so gut wie keinen Einblick darin, wer was über sie gespeichert hat.

In der Cloud gespeicherte Daten kommen jetzt mit solcher Regelmäßigkeit weg, dass man Multi-Millionen-Datensätze verlieren muss, um überhaupt in der Presse Erwähnung zu finden. Die DSGVO hat Meldepflichten eingeführt — aber das wird nicht der Presse oder den Kunden gemeldet sondern dem BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik; Anm.d.Red.), und das tut das dann in eine Datenbank und schweigt. So viel schwarzen Humor hätte man sonst eher bei Monty Python erwartet. Die Politik hat sich jahrelang der Beratung von Datenschützern aktiv widersetzt und erfolgreich in die Richtung optimiert, in der Daten halt verlorengehen. Und jetzt sind sie selbst betroffen. Insofern: Ja, die Frage, wo die Daten hergekommen sein könnten, stellt sich meiner Ansicht nach nicht. Wenn man nicht will, dass Menschen Opfer von Schusswaffen werden, dann muss man dafür sorgen, dass Schusswaffen nicht überall einfach verfügbar sind. Mit Daten ist das genau so.

Warum wird dieser Fall öffentlich so hoch aufgehängt, während “alltäglicher Datenmissbrauch” etwa durch Werbe-Anrufe oder Spam-Mails kaum noch jemanden aufzuregen scheint?
Meine Mutmaßung: Weil Politiker betroffen waren. Die haben einfach eine andere Perspektive auf viele Probleme, weil sie anders betroffen sind als Bürger. Der typische Politiker ist ständig unterwegs und hat eine Bürohilfe. Die Spamanrufe zuhause kriegt der Ehepartner ab, und die Spam-Mails filtern die Büroangestellten heraus. Das sieht der gar nicht. Und natürlich hat man auf staatliche Datenbanken eine andere Perspektive, wenn man sich selbst als den Chef sieht. Aus der Perspektive sieht das nicht aus wie „der Staat sammelt Daten über mich“ sondern wie „meine Angestellten führen eine Datenbank über Gefährder“. Als Abgeordneter muss man sich auch wenig Sorgen machen, eine spontane Hausdurchsuchung erdulden zu müssen, wie es in letzter Zeit leider unter normalen Bürgern ein Trend zu werden scheint.

Mal ganz plakativ gesprochen: Abgeordnete haben ein sicheres Gehalt, Krankenversicherung und Rente. Das sind für die gelöste Probleme. Entsprechend geringer fällt die Energie aus, die in die Lösung dieser Probleme für andere gesteckt werden wird. Das ist ein ganz natürlicher, menschlicher Mechanismus, man muss (und sollte!) da gar keine böse Absicht unterstellen. Ungelöste Probleme, die einen selber betreffen, haben immer höhere Priorität.

Es ist die Rede davon, die Veröffentlichung sei ein “Anschlag auf die Demokratie” – was ist davon zu halten?
Das zeigt deren Weltbild. Niemand betrachtet sich selbst als Täter. Aus Sicht der Abgeordneten sind sie die Guten, die für die Demokratie arbeiten, und wichtige und notwendige Datenbanken über die Bevölkerung führen, damit man im Notfall was tun kann. Wenn sie ihre IT-Leute fragen, ob man die Sicherheit der Daten garantieren kann, werden die das mit dem Brustton der Überzeugung bejahen — das ist schließlich deren Selbstbild. Aber am Ende kommt so eine Formulierung heraus, die eine erschütternde Abwesenheit von Mitgefühl für die Millionen von Bürgern erkennen lässt, die von ähnlichem Mobbing oder Doxing (das Zusammentragen und Veröffentlichen von persönlichen Daten aus dem Internet; Anm.d.Red.) betroffen sind, und denen niemand hilft. Die Formulierung hat mich echt geärgert. Das war ein „der Kaiser hat keine Kleider“-Moment, fand ich.

Inwieweit steht die Politik hier in der Verantwortung? Was wurde versäumt, was wären richtige und wichtige Reaktionen?
Die Politik hat aus meiner Sicht das Problem vollständig selbst herbeigeführt, und zwar über Jahrzehnte. Erst hat die Politik unsere IT-Industrie gegen die Wand gefahren. In Deutschland wird so gut wie keine Hardware mehr hergestellt, alles kommt aus China. Manche Hersteller setzen die Teile noch in Deutschland zusammen, aber das sind dann häufig Fördermodelle mit Langzeitarbeitslosen und 1-Euro-Jobs. Auch bei Software ist Deutschland stark ins Hintertreffen geraten. Als dann die skrupellose Industrie kam, und der Politik erzählte, man könnte ja Geld damit verdienen, indem man Daten über wildfremde Menschen erheben, auswerten und die Erkenntnisse verkaufen, da hat die Politik sofort nach dem Strohhalm gegriffen – um nicht das Ausmaß ihres Versagens vorher thematisieren zu müssen. Das sah für die Politik so aus, als löse sich das Problem jetzt von selbst. Win-Win!

Und so haben wir einen atemberaubenden Wachstum an Datenhalden mit Daten über irgendwelche Leute, die nicht nur nie zugestimmt haben, sondern dazu erpresst werden mussten („wenn du nicht zustimmst, darfst du unseren Service nicht nutzen“) oder wo die „Zustimmung“ hinter seitenlangem Kleingedruckten versteckt wurde. Zu jedem Zeitpunkt hätte die Politik gegensteuern können. Hat sie aber nicht. Im Gegenteil! Die Politik hat fleißig mitgemacht, und immer neue Datenbanken und Behörden mit Datenbanken geschaffen.

Aber nicht nur das muss man ihnen vorwerfen. Sie haben sich aktiv über entsprechende Beratung durch Datenschützer und NGOs hinweggesetzt, die genau vor diesen Szenarien gewarnt haben, die wir jetzt alle der Reihe nach sehen. Daher ärgert mich das Narrativ gerade, das die Politiker als Opfer darstellt. Aus meiner Sicht ist die Politik nicht Opfer, sondern Täter, und zwar mit Vorsatz. Und das war auch kein einzelner Fehltritt sondern die Kulmination einer langen Tradition aus sinnloser Datenerhebung und bewusstem Ignorieren der eigenen Hybris und Unfähigkeit, die Daten dann
auch sicher zu lagern.

Trügt der Eindruck, dass die Datenschutzgrundverordnung nicht dazu beiträgt, Datenmissbrauch zu verhindern oder wenigstens einzudämmen?
Ja, der Eindruck trügt. Der Chaos Computer Club hat vor vielen Jahren die Forderung aufgestellt, dass Bürger jährlich einen „Datenbrief“ kriegen sollen. Alle Firmen und Behörden, die Daten über mich haben, müssen mir jährlich einen Brief schreiben, wo sie mir sagen, was sie über mich gespeichert haben, wozu sie das erhoben haben, und wie lange sie das noch zu speichern gedenken, und dann sollte ich eine Möglichkeit haben, sie zum Löschen aufzufordern.

Das haben wir nie bekommen, aber die DSGVO hat immerhin einen einmaligen Datenbrief herbeigeführt. Die Bürger haben jetzt erstmalig gesehen, wer alles Daten über sie gespeichert hat oder zu speichern gedenkt. Das Ausmaß war für viele Bürger so augenöffnend, dass sie direkt zur Resignation übergegangen sind. Man stelle sich mal vor, wir hätten die DSGVO früher bekommen, rechtzeitig. Als man noch etwas hätte tun können! Das ist schon ein Riesenerfolg. Aber es ist halt am Ende auch wieder nur ein fauler Kompromiss. Wenn die Politik ein Gesetz macht, das sinnlos Daten über mich erhebt, dann habe ich nach wie vor keine realistische Handhabe. Ich kann höchstens bei der nächsten Wahl anders wählen oder jahrelang Klagen führen.

Wie gehen die Medien Deiner Wahrnehmung nach mit dem Fall um?
Die Medien wirkten auf mich etwas hin- und hergerissen. Auf der einen Seite haben viele Reporter (besonders aus dem Politik-Segment ihrer Zeitungen) Doxing und Mobbing aus dem Internet schon mal am eigenen Leib miterlebt. Die haben auch gesehen, dass die Politik ihnen nicht geholfen hat, und nicht mal an der Eindämmung des Problems gearbeitet hat. Die waren prädisponiert, der Politik das mal zu gönnen, dass sie betroffen sind. Die meisten Medien haben aber das Narrativ der Politik direkt übernommen. Ich vermute: Aus Gewohnheit. Jahrelang heißt es jetzt immer, wir werden von den Russen oder den Chinesen gehackt. Jetzt heißt es halt, wir wurden von einem 20-Jährigen gehackt, der noch bei seinen Eltern wohnt. Da verwendet man einfach die alten Textbausteine weiter und ändert in der Mitte ein paar Wörter. Ich hätte mir da viel mehr Kritik an der Politik gewünscht. Aber vielleicht sieht man das nicht so deutlich, wenn man den ganzen Tag so nah an denen dran ist. Dann färbt deren Weltbild ab.

Im Podcast von Gabor Steingart hat Bild-Chef Julian Reichelt noch am Dienstagmorgen die Theorie verbreitet, dass staatliche Akteure hinter dem Leak stecken würden. Wie beurteilst Du die Aussagen Reichelts?
Das sind haltlose Verschwörungstheorien. Das sagt, wie häufig bei sowas, mehr über ihn aus als über die Leute, die er damit belasten wollte. Die Daten im Internet sind im Moment wie eine saftige Wiese. Wer sich Zeit zum Grasen nimmt, wird Daten finden. Die wahrscheinlichste Variante war die ganze Zeit, dass das einer oder mehrere Einzeltäter sind. So funktioniert heutzutage Freiwilligenarbeit. Jemand hat eine Idee, arbeitet los, findet im Internet vielleicht Sympathisanten, die mithelfen, oder er macht es halt alleine fertig. Ob das jetzt einer in Vollzeit war, oder zwei in Teilzeit und drei Kumpels aus Messageboards, die unterstützt haben, das spielt aus meiner Sicht keine Rolle. Ich frage mich auch, woher der Reichelt sein Insider-Wissen darüber haben will, wie man Daten hackt. Gibt es da etwas, das er uns mitteilen möchte? Wenn die Bild Daten sucht, geht sie dann zu einer befreundeten staatlichen Stelle? Ich würde das nicht weiter ernst nehmen.

Die Fragen an Felix von Leitner wurden via Mail gestellt.

Quelle: https://meedia.de/2019/01/08/it-blogger-fefe-zum-datenleak-skandal-aus-meiner-sicht-ist-die-politik-nicht-opfer-sondern-taeter/

(via Mr. Reader)

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1360791 2019-01-06T20:56:50Z 2019-01-06T20:56:51Z Angekommen ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1360303 2019-01-05T08:39:56Z 2019-01-05T08:39:57Z Es gab gerade eine konzertierte Veröffentlichung privater Daten

„Es gab gerade eine konzertierte Veröffentlichung privater Daten von Politikern und Künstlern, die der rechten Szene ein Dorn im Auge sind.

Nun kann man sich da endlos in Analysen ergehen, wo diese Daten jetzt hergekommen sein könnten, was für kriminelle Energie diese Leute gehabt haben müssen, was sie damit bewirken wollten, etc. Finde ich alles nicht interessant.

Zwei Dinge dazu. Erstens. Seit Jahrzehnten betreibt die Politik eine konzertierte Aktion nach der anderen, um den unwilligen Bürgern ihre Daten zu entreißen und in Datenbanken zu tun, wo dann überproportional politisch rechts verortete Polizisten und "Sicherheitsbeamte" drauf Zugriff haben. Wo ist hier noch gleich die Überraschung? Dass es erst jetzt in dieser Form passiert oder wie?

Nicht nur die Rechten sind hier Täter. Wikipedia z.B. listet bei diversen ihrer Meinung nach Prominenten das Geburtsdatum. Wo haben sie die her? Aus öffentlichen Datenbanken wie Gewerbeanmeldungen u.ä. Wohl dem, der dort gezielt falsche Daten hinterlegt hat. Mich hat niemand gefragt, ob ich einen Wikipedia-Artikel unter meinem Namen haben will, und ob das OK ist, da ein Foto oder mein Geburtsdatum zu veröffentlichen. Und was passiert da, trotz DSGVO und allem? Nichts.

Zweitens: Die Asymmetrie der Reaktion finde ich schockierend. Ich hatte mal auf Twitter einen Mordaufruf. Ich habe also Anzeige erstattet. Ein paar Wochen später rief dann die Polizei bei mir zuhause an und sagte, das Verfahren würde eingestellt. Das ist doch bloß ein Verrückter aus dem Internet. Bestimmt ein ganz armes Würstchen. Mag ja alles sein, aber es ist auch ein Täter. Keine Reaktion.

Bei mir Mordaufruf, keine Reaktion. Markus Schulz ruft jemand auf der "privaten Telefonnummer" an, und sofort republikweiter Riesenskandal und der Staatsschutz schaltet sich ein. Der Typ, der da anrief, war nicht mal unfreundlich oder bedrohlich.

Ich will mich da jetzt nicht als Betroffener aufspielen, nur mal die Dissonanz illustrieren. Die Presse erzählt bisher vor allem von Youtubern als Opfer, und ich bin mir auch sicher, dass die es viel schlimmer haben. Nur bei mir weiß ich es halt, bei denen ist es nur Hörensagen für mich :-)

Was mich übrigens auch richtig doll ärgert ist wenn Hotels meine persönlichen Daten haben wollen. Wieso hat diesen Datenhahn noch niemand zugemacht? Nein, liebe Lokalpolitiker, ihr müsst nicht meine Anschrift und mein Geburtsdatum wissen, nur weil ich in eurem Bundesland in einem Hotel übernachte.

Solange die Situation so ist, wundert mich überhaupt nicht, dass es solche Veröffentlichungen gibt. Ich gönne den Politikern das sogar ein bisschen. Die Künstler auf der Liste tun mir leid, die sind da unverschuldet zwischen die Fronten geraten.

Was mich auch richtig ärgert: Dass das beherzte Einschreiten des Staatsschutzes jetzt verhindern wird, dass die Politik erkennt, wie dringend sie mal handeln müssten, wie wichtig das ist, hier mal flächendeckend Datensparsamkeit zu fahren. Die reden immer davon, dass Daten das Öl des 21. Jahrhunderts sind, und merken gar nicht, dass sie auf einem Ölteppich schwimmen, der systematisch alles Leben vergiftet.

Update: Passt gerade wie Arsch auf Eimer:

Marriott reveals 5 million unencrypted passport numbers were leaked in 2018 data breach“
Quelle: http://blog.fefe.de/?ts=a2d17219

(via Mr. Reader)
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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1359853 2019-01-03T18:30:42Z 2019-01-03T18:30:42Z Zentralrat der Deutschen distanziert sich von Terroranschlag von Bottrop

Berlin (dpo) - Es ist inzwischen ein trauriges Ritual geworden: Wieder einmal hat sich der Zentralrat der Deutschen, der größte Interessenverband der Deutschen in Deutschland, heute mit deutlichen Worten von einem Terroranschlag mit mehreren Schwerverletzten distanziert. Ein Deutscher (50) hatte an Silvester mit seinem Auto in Bottrop und Essen gezielt versucht, Ausländer zu überfahren.

"Wir verurteilen diesen Anschlag aufs Schärfste!", so ein Sprecher des Verbandes. "Das hat nichts mit der wahren Botschaft des Deutschsein zu tun. Echte Deutsche würden ein derart scheußliches Verbrechen niemals ausüben." Zudem dankte er der Polizei und allen Rettungskräften für ihren Einsatz und Beistand. 

Bei aller Trauer um die Opfer warnte der Sprecher jedoch auch davor, jetzt nicht von der Tat eines psychisch kranken Einzelnen auf die Allgemeinheit zu schließen. "Die allermeisten Deutschen sind anständige Bürger, die sich an Recht und Gesetz halten und einfach nur in Frieden leben wollen." 

Verschiedene Politiker kritisierten die Stellungnahme als nicht ausreichend. Sie fordern, dass Deutsche bundesweit in großer Zahl auf die Straße gehen, um sich glaubwürdig vom deutschen Terror zu distanzieren. 

ssi, dan; Foto: Shutterstock; Hinweis: Erschien schon mal so ähnlich

Quelle: http://www.der-postillon.com/2019/01/zentralrat-der-deutschen.html

Jvia Mr. Reader)

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1359775 2019-01-03T14:13:39Z 2019-01-03T14:13:39Z Himmel ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1359142 2019-01-01T12:15:20Z 2019-01-01T12:17:26Z Die ehemaligen Zukünftigen des ehemaligen Nachrichtenmagazins

Claas Relotius: "Spiegel"-Chefs lassen ihre Verträge ruhen

Der "Spiegel" zieht personelle Konsequenzen aus dem Fall Relotius: Die neuen Verträge von Ullrich Fichtner und Matthias Geyer werden zunächst ausgesetzt.

Als Folge aus dem Fall der gefälschten Reportagen von Spiegel-Redakteur Claas Relotius werden Chefredakteur Ullrich Fichtner und Ressortleiter und designierter Blattmacher Matthias Geyer ihre Verträge ruhen lassen. Das schrieb der designierte Chefredakteur Steffen Klusmann an diesem Freitagabend seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einer E-Mail, die ZEIT ONLINE in Auszügen vorliegt. 

"Der Fall Relotius hat bei einigen die Frage aufgeworfen, ob Ullrich Fichtner als Chefredakteur und Matthias Geyer als Blattmacher nach einem solchen Desaster eigentlich noch tragbar sind", schreibt Klusmann. "Der eine hat Claas Relotius für den SPIEGEL entdeckt, der andere hat ihn fest angestellt und bis zuletzt geführt. So mancher hat mir geraten, das Gesellschaftsressort bei der Gelegenheit gleich ganz aufzulösen."

Dazu würde er gerne ein paar Sätze loswerden, schreibt Klusmann. Das Gesellschaftsressort gehöre für ihn zum Spiegel und schmücke ihn, man könne jedoch über andere Formate nachdenken. "Niemand zwingt uns, dort ausschließlich 5- bis 7-seitige Reportagen zu drucken."

Fall Relotius "zu groß und zu gefährlich"

Fichtner und Geyer hätten ihm beide angeboten, ihre Posten zur Verfügung zu stellen, falls er das für nötig erachte. "Ich finde allerdings, Verantwortung sollte man dann übernehmen, wenn man sich etwas vorzuwerfen hat", schreibt Klusmann. Fichtner habe die Bedenken von Juan Moreno ernst genommen "und er hat in seinem Stück zu dem Fall die Hosen runtergelassen. Auch wenn es unterschiedliche Meinungen über das angemessene Format des Textes gibt – es war ein erster und entscheidender Beitrag zur Aufklärung".

Klusmann wolle den Fall Relotius jedoch nicht leichtfertig abtun, "dafür ist er zu groß und zu gefährlich". Und er sei noch lange nicht ausgestanden. "Ich habe daher mit Matthias und Ullrich verabredet, dass wir ihre neuen Verträge erstmal aussetzen und ruhen lassen, bis die Kommission den Fall abschließend untersucht hat. Solange würde ich zwei erfahrene Kollegen bitten, als Blattmacher beim Heft auszuhelfen, damit nichts anbrennt."

Der 33-jährige Claas Relotius hatte zugegeben, als Spiegel-Redakteur jahrelang Reportagen in Teilen oder im Ganzen erfunden zu haben. Der Fall hat eine Debatte über das Genre der Reportage ausgelöst.

Claas Relotius hat in der Zeit von 2010 bis 2012 auch vier Texte für ZEIT ONLINE, einen Artikel für ZEIT WISSEN sowie eine Rezension in unserem Blog Tonträger geschrieben. Die Redaktionen überprüfen derzeit diese Beiträge. Unseren bisherigen Wissensstand dazu finden Sie in unserem Transparenz-Blog Glashaus.

Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-12/claas-relotius-spiegel-chefredakteure-lassen-vertraege-ruhen

(via Mr. Reader)

Siehe auch hier.

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1358637 2018-12-30T19:35:00Z 2018-12-30T19:35:00Z Konzert ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1357707 2018-12-30T19:34:31Z 2018-12-30T19:34:31Z Journalismus-Skandal
Journalismus-Skandal

Geheime Tagebücher eines Starreporters geleakt

Viel ist in den letzten Tagen geschrieben worden über den Fall Relotius und den Verfall des Journalismus, auch hier auf unserer Plattform. Wenn Reportagen zu kitschigen Rührstücken verkommen, wird aber oft eines vergessen: der Mensch im Hintergrund. Wer sind diese Journalisten, die sich mühsam rührselige Geschichten ausdenken, um uns zu erfreuen? Wie ergeht es ihnen, was treibt sie um? Wir lechzen nach einer empathischen, authentischen Innensicht, mit der die menschliche Dimension hinter der Zuckerguss-Fassade zum Vorschein kommt.

Unseren Reportern ist es gelungen, an die geheimen Tagebücher einer sogenannten Edelfeder zu gelangen, die erstaunliche Einsichten zutage fördert. Der Whistleblower, der diese Dokumente geleakt hat, möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, wir nennen ihn daher "C.R.". Das R steht für "reliable".

15.03.2007

Liebes Tagebuch,

Mama sagt, jetzt, wo ich bald 30 werde, soll ich weniger Schundromane lesen und endlich etwas aus meinem Leben machen. Werde ich halt auch Romanautor. Ideen hab ich ja genug.

20.06.2008
Liebes Tagebuch,

der Suhrkamp-Verlag hat meinen Romanentwurf mit dem Kommentar "kitschtriefende, bollywoodeske Schmonzette, von welcher man Brechdurchfall bekommt" abgelehnt. Egal, mache ich daraus eben eine Reportage über einen erzkatholischen Waffennarren aus Bochum mit Erektionsstörungen und Mutterkomplex, welcher davon träumt, einmal in seinem Leben das noch schlagende Herz eines Büffels essen zu können. Vielleicht nimmt sie ja wer.

03.12.2008

Liebes Tagebuch,

meine Reportage über den Waffennarren ist als "Paradebeispiel für die kongeniale Verquickung sprachlicher Präzision, empathischer Feinfühligkeit und knallharter Recherchearbeit" zur Reportage des Jahre gekürt worden. Alle großen Zeitungen reißen sich um mich. Nimm das, Suhrkamp!

13.01.2009
Liebes Tagebuch,

habe heute das Wochenend-Sudoku der New York Times gelöst. Werde mich fortan als deren freier Mitarbeiter ausweisen. Macht sich immer gut im Lebenslauf.

26.05.2009
Liebes Tagebuch,

habe heute eine E-Mail an die Rechercheabteilung beim Spiegel geschickt. Kurze Zeit später kam eine automatische Antwort mit dem Text "Wir befinden uns im Weihnachtsurlaub. Ihre Anfrage werden wir nach dem 7. Januar 1996 bearbeiten" zurück. Irgendwie seltsam, oder?

11.07.2010
Liebes Tagebuch,

bin den ganzen Tag vor dem Fernseher auf der Couch gelegen und hatte wieder schlimme Blähungen von den Tomaten im Ketchup. Werde dieses Erlebnis zu einer rührseligen Geschichte über illegale Tomatenpflücker auf Sardinien ausbauen. Vielleicht zahlen sie mir auch eine Recherchereise. Der Urlaub wird mir guttun.

17.02.2012
Liebes Tagebuch,

habe heute mit einer Hausfrau über ihr bestes Gulaschrezept gesprochen. Fände es aber besser, wenn sie der Boss eines mexikanischer Drogenkartells mit einem Faible für sinnlose Gewalt und Andrea Bocelli wäre. Naja, zwei mal drei ergibt ja auch vier.

19.08.2012

Liebes Tagebuch,

ich soll irgend so ein Kaff in Ohio besuchen, um herauszufinden, warum sich die Amerikaner jetzt gegen Obama wenden. Naja, warum wohl, ein demokratisches Wahlsystem und eine Bevölkerung mit dem IQ eines Rosettenmeerschweinchens sind nun mal selten eine gute Kombination. In den Köpfen von Beallsville sieht es sicher genau so flach und bewölkt aus wie auf den Kornfeldern. Sowas will doch keiner lesen, das bekomme ich mit Streetview und einem Telefonbuch garantiert viel besser hin! Die Menschen werden es mir danken!

26.11.2013
Liebes Tagebuch,

habe gestern mit Tom Kummer telefoniert. Er nennt sich jetzt Tabea Khoraly und schreibt als Palastinsiderin über die geheime Dreiecksbeziehung zwischen Boris Becker, Helene Fischer und Prinz Hakon von Norwegen. Dass ich nicht selbst draufgekommen bin! Werde gleich mit Michael Schumacher ein Interview über diese Affäre führen.

13.03.2014

Liebes Tagebuch,

bin heute in der Badewanne eingeschlafen. Werde daraus eine Geschichte über rituelles Waterboarding in lettischen Kindertagesstätten in den 1970ern stricken. Wahrscheinlich war es ja auch so. Den verdammten Russen ist schließlich alles zuzutrauen!

23.09.2014

Liebes Tagebuch,

meine Freundin hat sich endlich ihre Nase machen lassen. Beim Besuch in der Klinik habe ich eine asiatisch aussehende Frau gesehen, welche gerade frisch aus dem OP gekommen war. Habe sie heimlich fotografiert. Werde sie Kim Song Fun nennen, die illegitime Halbschwester des nordkoreanischen Führers, die vom Geheimdienst entführt und gefoltert wurde und nur mithilfe eines transsexuellen Opernsängers ihren sadistischen Peiniger entrinnen konnte. Er hat einfach so lange Puccinis "Nessun dorma" gesungen, bis auch der letzte Wärter eingeschlafen war. Ein bewegendes Lehrstück über den langen Arm des Regimes und die alles überwindende Kraft der italienischen Oper. Und irgendwie scheinen meine Geschichten besser anzukommen, wenn Gesang darin vorkommt.

26.06.2015

Liebes Tagebuch,

Ich hatte ja letztes Jahr aus einem Passfoto von der jungen Angela Merkel eine Reportage um eine in den 1960er Jahren in der Ukraine geborene Punkrockerin gestrickt. In der Story füllt die gute Frau zwar immer noch Konzerthallen in Aserbaidschan, trauert aber insgeheim doch jeden Abend um Stalin. Habe heute für die "literarische Wucht des schonungslosen Dokumentarstils" den Georg-Büchner-Preis bekommen.

Wie laut muss ein Hilferuf eigentlich sein?

10.03.2016

Liebes Tagebuch,

bin in Damaskus. Also im Hotel Damaskus auf Hawaii. Meine Redaktion wollte mich doch ernsthaft nach Syrien schicken. Wusstest du, dass dort Krieg ist??? Ich schreibe nun eine achtteilige Serie aus Damaskus. "Assads Kartenhaus" wird sie heißen. Als erstes rechne ich mit dem Oberkellner ab, das Frühstücksei heute Morgen war viel zu hart. Er wird als der Kastrator von Homs in die Journalismusgeschichte eingehen. Kann den Applaus der nächsten Laudatio schon hören. Aber erst noch kurz an den Strand. Das Leben ist schön.

17.08.2016
Liebes Tagebuch,
habe mich neulich verklickt und einen Artikel abgegeben, in welchem über der Bildunterschrift "Abdullah Al Islam, Schlächter von Idlib" ein Bild eines niedlichen Häsleins eingefügt war. Den Peter-Scholl-Latour-Preis gab‘s aber zum Glück trotzdem.

22.10.2016
Liebes Tagebuch,

Heute ist gar nichts, aber auch gar nichts von Relevanz passiert. Werde daher eine rührselige Geschichte über eine Gruppe von Kindersoldaten aus dem Kongo schreiben, welche von der Flucht nach Deutschland und einem gut bezahlten Job an der Kasse einer LIDL-Filiale in Bad Kreuznach träumen. Kinder ziehen sowieso immer, Migration gerade auch.

12.01.2017
Liebes Tagebuch,

habe dem Spiegel heute eine rührselige Reportage über zwei jemenitische Kindersoldaten in den Händen des abscheulichen und menschenverachtenden Isländischen Staates geschickt. Sie haben sie gleich abgedruckt. Bin stolz auf mich.

04.03.2017

Liebes Tagebuch,

die Story über den terroristischen Isländischen Staat ist so gut angekommen, dass ich gleich eine Folgereportage schreiben soll. Das trifft sich gut, ich habe sowieso schon seit einiger Zeit so ein Ziehen in der rechten Schulter. Ein paar Bäder in den heißen Quellen werden mir guttun. Ganz nebenbei werde ich aufdecken, dass es diesen angeblichen Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen gar nicht gibt, und der Flugverkehr in Wahrheit von Mikroschallwellenexperimenten der wahnsinnigen Elektrosound-Terroristin Björk lahmgelegt wurde. Damit rechnet niemand. Die Kollegen werden vor Neid platzen.

09.08.2017

Liebes Tagebuch,
hast du gewusst, dass Björk wirklich wahnsinnig ist? Ich auch nicht! Wer hätte das denn ahnen können! Sie verfolgt mich jetzt seit zwei Wochen auf Schritt und Tritt. Gestern sprang sie im LIDL hinter einem Regal hervor, breitete ihre Arme aus und imitierte das knisternde Geräusch von Elektrizität. Natürlich sind keine Blitze aus ihren Händen geschossen, und es hat auch nicht gedonnert. Ich habe sie mit meinem Einkaufswagen in die Müslistraße geschoben und bin einfach weitergegangen.

Werde daraus eine rührselige Geschichte über von Chemtrails ausgelöste extreme Wetterphänomene stricken, welche einen Kleinbauern in Minnesota um den seit Generationen im Familienbesitz befindlichen Hof bringen.

03.12.2018
Liebes Tagebuch,

habe leider erst im letzten Moment bemerkt, dass Elon Musks Palast auf dem Mars noch gar nicht fertig ist. Egal, verkaufe ich dem Spiegel eben eine rührselige Reportage über einen einsamen Wehrmachtssoldaten, der seit 1943 ganz alleine im geheimen Kommandobunker auf der dunklen Seite des Mondes ausharrt und auf die Ankunft der Reichsflugscheibe mit dem Führer an Bord wartet. Henri Nannen wäre stolz auf mich.

23.12.2018

Liebes Tagebuch,

Tom Kummer hatte recht, es geht doch nichts über ein gutes Pseudonym. Habe mich als mein eigener Kollege ausgegeben und mich selbst öffentlichkeitswirksam in die Pfanne gehauen. Meine Journalistenkarriere liegt jetzt definitiv hinter mir. Wollte schon länger aus dem Hamsterrad raus. Werde mich jetzt auf meinem Landgut zur Ruhe setzen und nur noch Ghostwriting betreiben und eventuell ein paar Landkrimis schreiben. Mein erster Auftrag steht schon fest. Ich soll die Autobiographie eines arabischen Prinzen verfassen. Ich habe schon die Bilder im Kopf: sein Vater, die Ölfelder, die Rennpferde, die Reitpeitsche, eine gebrochene Kinderseele. Sein humanistisches Engagement gegen alle äußeren und inneren Widerstände. Die geifernde Hetze der ausländischen Presse. Und dann Fatima, die wieder das Licht in seine erloschenen Augen bringt. Zweitverwertung als Netflix-Serie nicht ausgeschlossen. Ich freu mich.

(Selma Mahlknecht, Simon Raffeiner)

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Journalismus-Skandal-4259069.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom

(via Mr. Reader)

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1357696 2018-12-27T21:01:50Z 2018-12-27T21:01:50Z Muss die Ukraine-Berichterstattung neu geschrieben werden? #SpiegelGate

Wie der Journalist Claas Relotius aus der Ukraine "berichtete"

Die von ihm gefeierte Polizeireform ist gescheitert, Menschenrechtsgruppen werfen Kiew antidemokratische Praktiken und das Betreiben von Geheimgefängnissen vor

In einer herzzerreißenden Geschichte hat der preisgekrönte Reporter Claas Relotius, der über Jahre für den Spiegel und andere bekannte Medien Reportagen schrieb, über die Polizeireform in der Ukraine berichtet. In der Reportage erzählt Relotius, wie er in Kiew zwei junge Mitarbeiter der neuen ukrainischen Polizei begleitet. Der Artikel legt nahe, dass sich in der Ukraine nun alles zum Besseren wendet, weil patriotische junge Leute mit der Korruption nun Schluss machen wollen. Das passte ins vorherrschende Narrativ und kam wahrscheinlich deswegen gut und ungeprüft an.

Die im Juni 2016 im Schweizer Internet-Portal "Reportagen" veröffentlichte Geschichte ist immer noch online. Die Redaktion von "Reportagen" teilte mit, man werden den Text - wie auch die vier andere Geschichten, die Relotius für "Reportagen" schrieb - "nachträglich noch einmal einem umfangreichen Faktencheck unterziehen und darüber informieren".

Andacht vor dem Denkmal für die Gestorbenen

Der Reporter aus Hamburg beschreibt, wie Dimitri (26) und Valerya (27) ihren Dienst bei der Polizei mit einer Andacht vor einem Denkmal für die auf dem Maidan getöteten Demonstranten beginnen. Dabei bekreuzigen sie sich und "skandieren den Kampfruf der Revolution: 'Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!'"

Dimitri wollte eigentlich Architekt und Valerya Anwältin werden. Aber sie schmissen das Studium, weil sie das geforderte Schmiergeld für das Uni-Examen in Höhe von 800 Euro nicht zahlen konnten, erzählt der Star-Reporter. Woher er seine Informationen über die beiden Ukrainer hat - aus einem persönlichen Gespräch oder aus einer Internet-Recherche und etwas Phantasie -, verrät er nicht.

Als dann im Dezember 2013 der Maidan-Protest im Zentrum von Kiew begann, waren nach der Schilderung des Reporters Dimitri und Valerya mit dabei. "Sie bauten Barrikaden aus Eisenstangen und Holz, warfen Steine auf die Uniformierten und harrten nächtelang in beissender Kälte."

Nach dem Sieg des Maidan gehörten - so die Schilderung des Reporters - Dimitri und Valerya zu den 2000 jungen Polizisten, welche die ehemalige Innenministerin von Georgien, Ekaterina Zguladze, für die neue ukrainische Polizei in elfwöchigen Kursen ausbilden ließ. Die Georgierin Zguladze wurde von Präsident Poroschenkoim Dezember 2014 zur neuen Vize-Innenministerin der Ukraine ernannt, zuvor hatte sie bereits die ukrainische Staatsbürgerschaft erhalten. Im Mai 2016 trat sie zurück, gab ihre Staatsbürgerschaft auf und ging wieder nach Georgien.

Als Dmitri und Valerya dann zu Dienstbeginn ihre Andacht an dem Denkmal für die getöteten Demonstranten halten, erinnern sie - so der Reporter - "die Schreie ihrer Freunde und den Geruch der Leichen, nichts haben sie vergessen". Geruch der Leichen? Das scheint mir ausgedacht, wurden doch die Toten innerhalb von Stunden weggebracht.

"Von Armeepanzern überrollt"

Doch es gibt noch mehr solcher Ungereimtheiten. Relotius erwähnt eine "zerstörte Mauer, vor der Dutzende zu Boden sanken, von Scharfschützen ermordet, von Armeepanzern überrollt". Auf dem Maidan waren aber gar keine Armee-Panzer im Einsatz. Es gab nur gepanzerte Mannschaftstransportwagen, die von den Demonstranten aber in Brand gesetzt wurden.

Und dass die Scharfschützen im Auftrag von Präsident Viktor Janukowitsch schossen, ist umstritten. Mit keinem Wort erwähnt der Journalist, dass schon 2014 ARD- und BBC-Reporter die These von den Scharfschützen des Präsidenten Janukowitsch anzweifelten und es bis heute den Verdacht gibt, dass die Anführer des Maidan selbst Scharfschützen einsetzten, damit ein Staatsstreich moralisch begründet erschien.

Präsident Janukowitsch und seine "goldenen Badewannen"

Den gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, der seine Unterschrift unter den EU-Assoziationsvertrag verweigerte, beschreibt Relotius als einen Mann, der in seinem nördlich von Kiew gelegenen Palast Meschigorje "wie ein Pharao" lebte, umgeben von "Treppengeländern und Badewannen aus purem Gold". Faktentreue sieht anders aus. In dem Palast fand man zwar ein Brot aus Gold aber weder Badewannen noch Toiletten aus diesem Edelmetall (Fotos aus dem Palast).

Der Text des Geschichten-Erzählers aus Hamburg klingt, als sei er von Präsident Petro Poroschenko persönlich in Auftrag gegeben worden. Die Erzählung handelt von einer Ukraine, die sich mit Hilfe junger Idealisten, wie Dimitri und Valerya und einer in den USA ausgebildeten ehemaligen georgischen Innenministerin von der Korruption reinigt und ganz klar auf dem Weg zur Demokratie ist. "Was nach einem naiven Experiment, nach der Idee einer Anfängerin (der Innenministerin aus Georgien, U.H.) klang, funktionierte. Die Korruptionsrate sank, das Vertrauen der Bürger wuchs, ein kaputter Staat erholte sich wie ein Patient von einer langen schweren Krankheit."

Die Sätze sind stilsicher formuliert, doch es fehlen Belege. Der Star-Reporter verzichtet auf Zahlen zur Entwicklung der Korruption nach dem Maidan und Zitate ukrainischer Amtsträger, welche ein Sinken der Korruption belegen könnten.

Polizeireform diente auch politischer Säuberung

Was der Reporter völlig verschwieg, war, dass die Polizeireform in der Ukraine nicht nur die Korruption ausmerzen sollte. Es ging auch um eine politische Säuberung der "Militsia", wie die ukrainische Polizei bis zum Juli 2015 hieß.

Wie der ukrainische Innenminister Sergej Tschebotar Ende Juni 2014 erklärte, wurden 17.000 Polizisten entlassen. Das gemäßigt kritische ukrainische Internet-Portal Obozrevatel berichtete am 7. Januar 2015, dass 500 Mitarbeiter der Hauptverwaltung des Innenministeriums im ostukrainischen Gebiet Charkow entlassen wurden, weil sie sich weigerten, an der "antiterroristischen Operation" gegen die Separatisten in Donezk und Lugansk teilzunehmen. Ähnliche Berichte gibt es aus anderen Städten.

Nur jeder fünfte Ukrainer vertraut der Polizei

Was ist nun aus der von dem Star-Journalisten in höchsten Tönen, ohne Abstand und Reflexion beschriebenen Polizeireform geworden? Anfang November 2018 titelte das gemäßigt kritische Kiewer Internetportal Obrazovatel: "Die Polizeireform in der Ukraine ist gescheitert". Obwohl das Budget des Innenministeriums von 1,7 Milliarden Euro im Jahre 2017 auf zwei Milliarden Euro im Jahre 2018 stieg, vertraut der Polizei - nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Rosumkowa im Dezember 2017 - nur jeder fünfte Ukrainer.

Die Korruption habe sich durch die Polizeireform nicht verringert. Das Hauptursache sei - so das Portal "Obrazovatel" - das niedrige Einkommen der Polizeibeamten. Das Anfangsgehalt im ukrainischen Polizeidienst beträgt monatlich 253 Euro.

"Tag der Polizei" - Schrecken für vier Kiewerinnen

Unter der Willkür von Polizeibeamten leiden immer noch Bürger. Den 20. Dezember 2018 werden vier Frauen aus Kiew nie vergessen. Sie wurden in der U-Bahn von Kiew von Polizisten mit auf die Wache genommen und gezwungen sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Die Polizisten feierten den "Tag der Polizei" und waren angetrunken, berichtete ein Anwalt der betroffenen Frauen.

Als die Opfer Zudringlichkeiten abwiesen, wurden sie mit Gummiknüppeln geschlagen. Die beiden Schwangeren unter den Opfern fürchten nun Frühgeburten. Der betrunkene Leiter der Kriminalpolizei habe eine Schwangere mit dem Gummiknüppel auf den Bauch und die Beine geschlagen. Dabei soll er gesagt haben, er werde "in der U-Bahn für Ordnung sorgen".

Polizisten machen nicht nur wegen Willkür von sich reden. Immer wieder kommt es in der Ukraine auch zu bestialischen Morden, die nicht aufgeklärt werden, weil offenbar kriminelle Netzwerke zwischen Polizisten und Staatsanwälten dies verhindern.

Am 4. November 2018 verstarb die anti-russische Aktivistin Jekaterina Gandsjuk, nachdem vermutlich zwei Nationalisten, die in der Ost-Ukraine gekämpft hatten, Schwefelsäure über sie ausgekippt hatten.

Am 1. Januar 2018 wurde die Rechtsanwältin Irina Nosdrowskaja tot in einem Fluss gefunden. Ihre Halsschlagader war durchtrennt. Die Anwältin hatte versucht, den Tod ihrer Schwester aufzuklären. Diese war von einem angetrunkenen Verwandten eines Richters mit dem Auto angefahren und getötet worden (Empörung über verfaultes Justizsystem)

Human Rights Watch kritisiert "antidemokratische Praktiken"

In einem Länderbericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, der am 18. Januar 2018 veröffentlicht wurde, werden gegen die Regierung in Kiew schwere Vorwürfe erhoben. "Die Regierung wendet offen antidemokratische Praktiken an und initiiert neue Gesetze, welche die wichtigsten Freiheiten in der Ukraine bedrohen", erklärte Tanya Cooper, Ukraine-Beauftragte von Human Rights Watch.

Im Juli 2018 erreichten Human Rights Watch und Amnesty International immerhin die Freilassung von 13 Häftlingen aus einem Geheimgefängnis in der Ostukraine. Trotz zahlreicher und überzeugender Dokumente über das Verschwinden von Oppositionellen und die Existenz von Geheimgefängnissen, weigere sich der ukrainische Geheimdienst SBU, derartige Praktiken einzugestehen. Niemand sei für Folter und das Verschwinden von Oppositionellen zur Rechenschaft gezogen worden, kritisiert Human Rights Watch.

Vertretern des UN-Komitees zur Verhinderung von Folter wurde der Zugang zu einem Geheimgefängnis im ostukrainischen Charkow erst gestattet, nachdem es geräumt und Spuren verwischt worden waren.

Ob Claas Relotius einen Blick in die Berichte der Menschenrechtsorganisationen geworfen hat, die im Internet in englischer Sprache einsehbar sind, muss man bezweifeln. Seine Reportage war nichts weiter als PR für die ukrainische Regierung. Die nächsten Tage werden zeigen, ob die großen deutschen Medien sich zu der Ukraine-Reportage des Star-Journalisten aus Hamburg äußern oder ob sie das Thema lieber ruhen lassen werden, da sie sonst auch ihre eigenen Ukraine-Berichte kritisch überprüfen müssten. (Ulrich Heyden)

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Wie-der-Journalist-Claas-Relotius-aus-der-Ukraine-berichtete-4259186.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom

(via Mr. Reader)

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356975 2018-12-25T21:00:35Z 2018-12-26T22:48:18Z Die Fledermaus, Rheinoper Duisburg 25.12.2018 [Update]
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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356845 2018-12-25T10:14:57Z 2018-12-25T10:17:49Z Hallo Mark, viel Spaß mit Deinen Erinnerungen auf Facebook 2018

Anthony Quintano from Honolulu, HI, United States • CC BY 2.0


Hallo Mark, das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und wird besinnlicher. Es ist an der Zeit, sich etwas langsamer zu bewegen und Dinge zu überarbeiten. Move slow and fix things. Zudem bietet das Ende des Jahres eine schöne Gelegenheit zurückzuschauen. Auf das, was Du, Mark, mit Deiner Facebook Inc. so alles erreicht hast.

Schließlich hattest Du Großes vor: Am 4. Januar hast Du auf Facebook gepostet, dass Du 2018 wichtige Dinge überarbeiten willst. Ihr würdet zu viele Fehler begehen und eure Tools können missbraucht werden. Du, Mark, hast es zu Deiner persönlichen Herausforderung erklärt, dass Facebook am Ende des Jahres besser dasteht. 275.982 Menschen gefiel das.

Viel Spaß mit Deinen Erinnerungen auf Facebook 2018:

Lieber Mark, das war Dein persönlicher Jahresrückblick 2018. Versuch es doch 2019 noch einmal mit denselben Vorsätzen wie dieses Jahr. Es kann nur besser werden.

Quelle: https://www.heise.de/meldung/Hallo-Mark-viel-Spass-mit-Deinen-Erinnerungen-auf-Facebook-2018-4254681.html?wt_mc=rss.ho.beitrag.atom

(via Mr. Reader)
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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356719 2018-12-24T19:22:19Z 2018-12-24T19:24:03Z Stand 19.22 Uhr ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356692 2018-12-24T16:52:04Z 2018-12-24T16:52:04Z Stand 17.45 Uhr ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356614 2018-12-24T12:38:31Z 2018-12-24T12:39:36Z Stand 13.34 Uhr ]]> Matthias Seifert tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356416 2018-12-23T20:02:53Z 2018-12-23T20:35:40Z „Wir ziehen unsere Lehren“ titelte Herr „künftiger Chefredakteur“ eines ehemaligen Nachrichtenmagazins

Zwei Anmerkungen:

Erstens sind Prognosen über Künftiges schwierig, insbesondere wenn sie mit der Zukunft zu tun haben. Sie haben aber schonmal einen schönen Titel.

Zweitens könnten Sie Leine ziehen, aber nicht Lehren. Sie könnten natürlich die Konsequenzen ziehen. Das vermeiden Sie In ihrer  Überschrift. Später schreiben sie „Das wird Konsequenzen haben.“. Wie wahr — sogar ohne dran zu ziehen. 

Quelle

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356410 2018-12-23T19:05:18Z 2018-12-23T19:05:18Z Heute (3 Bilder)

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1356120 2018-12-22T20:30:39Z 2018-12-22T20:30:39Z Kannze dir nich ausdenken.



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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1355788 2018-12-21T17:22:18Z 2018-12-24T16:30:11Z #SpiegelGate: Ein bedauernswerter Einzelfall? Ansonsten alles gut? [Update 22.12.2018, 23.12.2018, 24.12.2018]

  1. Der aufgeflogene Fall ist harmlos verglichen mit der Tatsache, dass sich der Spiegel als Instanz der Aufklärung und der kritischen Begleitung des politischen Geschehens in Deutschland verabschiedet hat. Das ist um vieles schlimmer als die Fälschungen des Redakteurs Relotius.
    • Wo war die kritische Begleitung der Agenda 2010?
    • Wo die kritische Begleitung der NATO-Osterweiterung?
    • Wo die kritische Kommentierung der völkerrechtswidrigen Bombardierung Restjugoslawiens?
    • Wo die kritische Begleitung der Ausweitung der Leiharbeit? Wo die kritische Begleitung der Matadore dieser Fehlentwicklung, zum Beispiel Wolfgang Clement und Bodo Hombach?
  2. Der Spiegel hat Kampagnen zur Prägung der öffentlichen Meinung und infolgedessen auch der politischen Entscheidungen betrieben und mitbetrieben. – Das ist um vieles schlimmer, weil in der Wirkung gravierender als die Fälschungen des Starredakteurs Relotius.

    Es gibt viele Belege für die Beteiligung des Spiegel an manipulativen Kampagnen, ein paar Beispiele:

Hier weiterlesen

—-


Update 22.12.2018

Ausführliche Darstellung des Spiegels mit einem aufschlussreichen Interview mit dem Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo

Siehe auch hier und hier.


Update 23.12.2018

Ein Vorfall, drei Journalisten „berichten


Update 24.12.2018

Das systemische Problem 


(via Mr. Reader)

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1355773 2018-12-21T16:41:31Z 2018-12-21T16:41:31Z „Das letzte Pfund, mit dem die einst sozialdemokratische SPD noch wuchern kann, ist das Flaschenpfand.“

Gerd Seidel (User:Rob Irgendwer) • CC BY-SA 3.0

Tagesdosis 21.12.2018 – Ex-SPD-Ministerin – Verfrühter Aprilscherz oder Zynismus pur?

Ein Kommentar von Rainer Rupp.

Von Wahl zu Wahl stürzt die alte Tante SPD immer tiefer ab. Jüngst Umfragen sehen sie inzwischen bei 15 Prozent. Nicht nur an den Wahlurnen macht sich der Schwund bemerkbar, sondern auch bei den Mitgliederzahlen. Neben den politischen Folgen hat diese Entwicklung für die Partei schwerwiegende finanzielle Konsequenzen. Die Einnahmen aus den Wählerstimmen sind dramatisch eingebrochen. Nicht viel besser sieht es bei den schwindenden Mitgliedsbeiträgen aus. Medienberichten zufolge sieht sich die SPD inzwischen mit dem Problem konfrontiert, ihren aufgeblähten Parteiapparat mit immer weniger Mitteln finanziell liquide zu halten. Droht der Partei nun nach dem politischen, auch  nun ein finanzieller Absturz . Der Bankrott droht.

Wer sich wundert, wie die Traditionspartei SPD soweit herunterkommen konnte, der braucht sich nur ihre zunehmend verkommene Führungsmannschaft in den Jahrzehnten seit Willy Brandt anzuschauen. Das begann mit dem Falken Helmut Schmidt, der die Stationierung der hochgefährlichen, nuklearen US-Mittelstrecken Raketen vom Typ Pershing 2 in Deutschland betrieben hatte, über Gerhard Schröder, der wegen seiner erfolgreichen Sozialabbau-Hartz IV-Agenda noch heute von CDU und FDP über den grünen Klee gelobt wird, bis hin zur aktuellen SPD-Führungsmannschaft, angefangen mit dem politischen Leichtgewicht, dafür aber stets hipp geschniegelten Außenminister Heiko Maas, über Finanzminister Olaf Scholz, den Liebesdiener des Großkapitals, bis hin zur schaumschlagenden Vorsitzenden Andrea Nahles.

Sie alle sind einfach total geil darauf, an den Futtertrögen der so genannten „Regierungsverantwortung“ und in Tandem mit dem Kapital gegen die Interessen der kleinen Leute (früher mal Arbeiterklasse) in Deutschland zu regieren. Sich in der Opposition für die Belange der Arbeiter und kleinen Angestellten einzusetzen ist, laut dem ehemaligen SPD-Bonzen Müntefering „Scheiße“ (im Februar 2004). Wes Geistes Kind diese „SPD Eliten“ tatsächlich sind, zeigte jüngst ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die frühere SPD-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries. Der Titel lautete „Nach 20 Jahren im Bundestag: Brigitte Zypries fängt ganz neu an.“(1)

Der FAZ-Autor Falk Heunemann berichtet über viele Absätze überwiegend sachlich und teils mit bewunderndem Unterton über die vielen Verdienste von Frau Zypries: „Sie hatte in Peking den chinesischen Premierminister getroffen, in Paris mit französischen Ministern über die Zukunft von Opel diskutiert und mit dem Bundeskabinett die Digitale Agenda für Deutschland beschlossen. Sie war die erste Bundeswirtschaftsministerin, davor Bundesjustizministerin, verhandelte als Staatssekretärin die Gehälter für die öffentlich Angestellten und koordinierte jahrelange die Luft- und Raumfahrtpolitik der Bundesrepublik. 38 Jahre im öffentlichen Dienst, 20 Jahre Mitglied der Bundesregierung, zwölf Jahre Bundestagsabgeordnete für die SPD, immer direkt gewählt über die Erststimme.“

Toll! Welche Karriere! Und auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag ist Frau Zypries weiterhin sehr umtriebig. Unter anderem plant sie nun die Gründung eines Unternehmens. „Finanzielle Sorgen“ müsse sich Zypries „nicht machen“, heißt es weiter in dem FAZ-Artikel, „nachdem sie als Bundesministerin rund 18.000 Euro monatlich als Gehalt erhielt, Übergangsgeld kassierte und für die Zukunft mit einer Pension von etwa 10.000 Euro rechnen kann. … Heute, sagt sie, könne sie es sich leisten, Unternehmerin zu werden.“

Allerdings hat Frau Zypries auch ein soziales Herz. Der FAZ-Artikel erzählt weiter: „Ihre Gedanken kreisten immer noch viel um das Thema finanzielle Sicherheit. Allerdings weniger um die eigene, sondern um die von Durchschnittsverdienern, vor allem Frauen, heißt es“. Als Bundesjustizministerin habe sie unter anderem das Unterhaltsrecht für Geschiedene reformiert. „Scheidung ist mit das größte Armutsrisiko“, habe sie damals schon erkannt. Und kaum eine Frau sorge vor. Doch auch viele Männer würden sich viel zu wenig darum kümmern.

Und jetzt kommt der Teil, wo ich misstrauisch wurde und nochmals das Datum des FAZ-Artikels überprüfte. Es geht dabei darum, mit welch grandioser Geschäftsidee für ein Start-up Frau Zypries die zunehmende Altersarmut in unserem Land überwinden will. Da der Artikel aber bereits am 25.10.2018 im Wirtschaftsteil der FAZ erscheinen war, war der 1. April noch weit weg. Dennoch bin ich sicher, dass es dem Leser oder Hörer der nun folgenden Zeilen nicht anders geht als mir. Weiter im O-Ton der FAZ:

„Die Idee zu ihrem Start-up sei ihr dann auf dem ministerialen Flur gekommen, erzählt Zypries. Mit Mitarbeitern habe sie darüber geredet, wie man ohne große Mühen regelmäßig etwas Geld zur Seite legen könne. Und da sei das Gespräch auf die Pfand Bons (für Flaschen und Dosen) und die Treuepunkte in Supermärkten gekommen. „Dafür gibt es zu viele unnütze Prämien“. Sie hätte gern Altersvorsorge statt Teflonpfannen.“

„Ihr schwebt eine App vor, mit der man etwa die Strichcodes der Pfand Bons direkt einliest und dann der Betrag auf ein Vorsorgekonto übertragen wird. …. Wenn diese Kleinbeträge dann angespart würden, sei das weniger mühsam, als wenn man extra einen Fonds-Sparplan oder ein Riester-Produkt studieren und auswählen muss. „Es geht um einen niederschwelligen Einstieg in die Altersvorsorge“, sagt Zypries.“

„Was mit dem gesparten Geld passieren soll, daran tüftelt sie noch. Sie plant dazu eine Zielgruppenbefragung. Ein Tagesgeldkonto wäre sicher und einfach. Reizvoll fände sie aber auch günstige Indexfonds. Die bringen mehr Rendite und könnten den Deutschen vermitteln, dass Aktien per se nichts Schlimmes sind. Deshalb führe sie bereits Gespräche mit Direktbanken, wie sie erzählt.“

Zur Erinnerung: Frau Zypries war fast drei Jahre Mitglied im Kabinett von Bundeskanzler Schröder tätig und hat während dieser Zeit kräftig mitgeholfen, die gesetzliche Rentenversicherung zugunsten privater Banken und Finanzdienstleister zu demontieren. Zur vielgelobten Agenda 2010 gehörte nicht nur eine empfindliche Rentenkürzung über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, sondern auch die Schaffung eines der „der besten Niedriglohnsektoren, die es in Europa gibt“ (Kanzler Schröder 2005 auf dem World Economic Forum in Davos).(2)

Pocht jetzt plötzlich ein soziales Herz in der Brust von Frau Zypries? Es scheint, als ob sie den von ihr mitangerichteten Schaden wieder gut machen möchte. Aber das will sie unverkennbar auf sozialdemokratische Weise. Denn das Grundübel will sie nicht bekämpfen, nämlich die auch von der SPD durchgesetzte, neoliberale Verarmungspolitik der Bundesregierungen der letzten 14 Jahre. Sie setzt sich auch nicht für höhere Löhne und eine Abschaffung von Hartz IV ein. Nein, mit ihrem Hirn-Furz einer Smart Phone -App, um mit dem Erlös eingescannter Flaschenpfand Bons Aktien für ein Vorsorgekonto zu kaufen, verhöhnt sie alle Menschen, die in prekären materiellen Verhältnissen leben.

Der Politikwissenschaftler Frank Graf hat die Initiative von Frau Zypries in dem vierzehntägig erscheinenden Heft „Ossietzky“ treffend zusammengefasst –  „ Ein philanthropisches Meisterstück (3): Zum einen hätten die Durchschnittsverdiener bereits in jungen Jahren einen Anreiz, sich in der für ihr Rentenalter unabdingbaren Zivilisationstechnik des Flaschensammelns zu üben, zum anderen kann die angesparte Summe auf die im Rentenalter zu erwartende Grundsicherung angerechnet werden und so die Sozialkassen entlasten. – Das letzte Pfund, mit dem die einst sozialdemokratische SPD noch wuchern kann, ist das Flaschenpfand.“

Quelle: https://kenfm.de/tagesdosis-21-12-2018-ex-spd-ministerin-verfruehter-aprilscherz-oder-zynismus-pur/

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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1355560 2018-12-20T22:32:18Z 2018-12-20T22:32:18Z Der Spiegel und sein Edel-Faker: Zwei Bewohner einer US-Kleinstadt zeigen, wie dreist Relotius Reportagen fälschte

“Wir hatten eine Menge Krisensitzungen, einige Pressegespräche, wir haben aufmerksam die sozialen Netzwerke verfolgt, über Strategien gesprochen. Der Tag ging spät zu Ende”, schreiben Steffen Klusmann, künftiger Spiegel-Chefredakteur und dessen Stellvertreter Dirk Kurbjuweit im Morning Briefing von Donnerstag. Den beiden sei bewusst, “dass der Fall Relotius den Kampf gegen Fake News noch schwerer macht, für alle: für die anderen Medien”, erläutern sie. Anders als der lange Offenlegungstext des künftigen Co-Chefredakteurs und Print-Verantwortlichen Ullrich Fichtner, der von einigen Beobachtern wegen seiner reportagigen und fast dramatischen Elemente kritisiert wurde, schlägt das Duo heute nach Bekanntwerden einen nüchternen, sachlicheren Ton an. Mit Blick auf ihren Ex-Kollegen schreiben sie nun:

Claas Relotius hatte offenbar das Gefühl, unseren Erwartungen nicht gerecht werden zu können mit guten und sehr guten Geschichten. Sie mussten exzellent sein. Wir haben ihm diesen Eindruck nie vermittelt, waren aber natürlich stolz über die enorme Resonanz auf seine Geschichten und über die vielen Preise, die er gewonnen hat. Ihm machte das Druck, seine Erfolge zu wiederholen, den nächsten Preis zu gewinnen. Er glaubte offenbar, dies nur über Fälschungen zu schaffen.

Es gehe dem Medienhaus nun darum, um die Glaubwürdigkeit zu kämpfen und sich der Enttäuschung der Leser zu stellen. Gleichwohl betonten Klusmann und Kurbjuweit, sehe man Relotius nicht als “einen Feind, sondern einen von uns, der mental in Not geraten ist und dann zu den falschen, grundfalschen Mitteln griff”. Und weiter: “Er hat auch unser Mitgefühl. Er hat betrogen, wir haben uns betrügen lassen.” Das Ausmaß der systematischen Fälschungen hat in der Branche recht schnell die Frage aufgeworfen, wie diese trotz der viel gerühmten Dokumentationsabteilung beim Spiegel passieren konnte. “Wir waren immer stolz auf unser System der vielen Absicherungen, dass die Texte von so vielen Augen gelesen werden”, heißt es in dem Morning Briefing, vor allem hinsichtlich der Dokumentare bzw. Faktenchecker. Seit dem Fall des 33-Jährigen wisse das Haus nun, dass das System lückenhaft ist. “In den nächsten Wochen und Monaten soll das Komitee diese Lücken finden und Vorschläge machen, wie wir sie stopfen können”, schreiben die beiden und schränken dabei ein: “Ganz verhindern werden sich solche Betrugsfälle aber nicht lassen, denn Verifikation darf nicht in Bespitzelung ausarten.”

Bei Relotius läuft “American Sniper” in der US-Provinz in Endlosschleife – nur eine von vielen Lügen

In welchem Ausmaß Relotius seine Reportagen gefälscht hat, zeigt nun ein am Mittwochabend publizierter Text auf dem Portal Medium.com, der Bezug nimmt auf die Spiegelgeschichte von Ende März 2017, eine Momentaufnahme aus Fergus Falls in Minnesota. Die beiden Autoren Michele Anderson und Jake Krohn leben in diesem 13.000-Einwohner-Städtchen und sind schon kurz nach der deutschen Veröffentlichung auf die Reportage aufmerksam geworden, die der Ex-Spiegel-Mann über Fergus Falls geschrieben hat. Auch Fichtner nimmt in seinem Beitrag vom Mittwoch Bezug auf dieses Stück und schreibt über die Recherche:

Relotius findet keine Protagonisten, mit denen er etwas anfangen kann, er findet keinen Zugang zum Stoff. Er schreibt E-Mails nach Hause, auch an Kollegen, dass er auf dem Schlauch steht, dass er nicht weiterkommt.

Letztlich liefert der damals schon preisgekrönte Reporter ein Panorama einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA mit Blick auf die Auswirkungen durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Nur leider ist die Geschichte frei erfunden. Das weiß der Spiegel mittlerweile, und das ahnten schon viel früher Michele Anderson und Jake Krohn, wie sie in ihrem Artikel aber auch bei Twitter erzählen. Sie waren von der per Google Translate übersetzten Version der Relotius-Reportage überrascht gewesen, über den Ton und ebenfalls über die darin enthaltenen vermeintlichen Fakten. “In dem Text sind so viele Lügen”, heißt es dort, “dass wir uns geeinigt haben, nur die elf absurdesten Lügen aufzulisten.”

Anderson und Krohn legen in ihrem Beitrag dar, dass bei der Reportage viele Schilderungen schlichtweg hanebüchen sind und belegen dies durch eigene Recherchen. Das geht los beim Eingangsschild der Stadt, das eben nicht, wie von Relotius geschildert den Spruch ziert “Wel­co­me to Fer­gus Falls – Home of damn good folks”, sondern ein ganz gewöhnliches Exemplar ist. Es geht weiter über die zahlreichen Protagonisten des Stücks, bei denen vor allem die Details der Biografien erfunden sind und der Reporter wohl nie mit ihnen gesprochen hat. Oder auch die Anekdote nach der seit über zwei Jahren der Clint-Eastwood-Streifen “American Sniper” im dortigen Kino von Fergus Falls läuft. Anderson und Krohn haben beim Manager nachgefragt, der ihnen mitteilt, dass der Film bereits seit dem 19. Februar 2015 nicht mehr im Programm gelistet wird. Danach sei der Streifen nie wieder aufgeführt worden.

“Er lebte mehrere Woche in unserer Community und hat wenig Wahres über die Stadt berichtet”, betont das Duo. In 7.300 Wörtern habe er lediglich die Einwohnerzahl und die durchschnittliche Jahrestemperatur sowie einige grundlegende Fakten korrekt berichtet, die durch eine simple Google-Suche herauszufinden seien. Die Anwohner fühlen sich durch das Porträt ihrer Heimat hintergangen, und auch die beiden Medium-Autoren sagen, dass der Spiegel-Reporter lediglich Stereotype über den Mittleren Westen verbreiten wollte und nie daran interessiert war, das vorgefertigte Weltbild über diese Gegend über Bord zu werfen.

“Der Spiegel-Journalist hat sich mit der falschen Kleinstadt angelegt”

Übrigens: Dass der Beitrag mit dem Titel “Der Spiegel journalist messed with the wrong small town” nicht schon früher erschienen ist, erklären die beiden mit beruflichen und familiären Gründen. Auf Twitter gab es zahlreiche Nachfragen, warum sich die beiden nicht schon früher an den Spiegel gewandt haben, unter anderem von den Welt-Journalisten Christian Meier und Don Alphonso. Sie hätten seit dem Frühjahr 2017 an diesem Stück gearbeitet, erläutern sie, aber mussten es bis zum Herbst dieses Jahres liegen lassen. Die aktuelle Entwicklung sei nun der richtige Zeitpunkt für die Publikation gewesen, nachdem sie den Beitrag einige Wochen zuvor fertigstellt hätten. Hinzu kommt laut Aussage der beiden die Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird. “But would have anyone believed us?”, schreiben sie auf dem Kurznachrichtendienst und verweisen auf den Mitaufklärer und Spiegel-Reporter Juan Moreno, dem ja zunächst auch kein Glauben geschenkt wurde – und der dann auf eigene Faust dem Verdacht nachrecherchiert hat.

Über Twitter steht der Spiegel indes bereits im Austausch mit Michele Anderson und Jake Krohn. Die beiden wünschen sich mindestens eine Entschuldigung und gerne ein neues Porträt ihrer Stadt, damit das falsche Bild in der Öffentlichkeit korrigiert wird.

Quelle: https://meedia.de/2018/12/20/der-spiegel-und-sein-edel-faker-zwei-bewohner-einer-us-kleinstadt-zeigen-wie-dreist-relotius-reportagen-faelschte/

(via Mr. Reader)
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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1355518 2018-12-20T20:14:38Z 2018-12-20T20:14:39Z In eigener Sache

In eigener Sache: Postillon-Redakteure haben über Jahre hinweg absolut korrekt berichtet

Fürth (dpo) - Nach dem Skandal um gefälschte Reportagen von Claas Relotius beim Spiegel ist das Vertrauen vieler Menschen in den Journalismus einmal mehr erschüttert. Auch wir beim Postillon haben das Versagen der Spiegel-Redaktion zum Anlass genommen, alle Artikel der letzten 173 Jahre sorgfältig zu prüfen. Das beruhigende Ergebnis: Bei sämtlichen Texten haben die Redakteure des Postillon auf vorbildliche Weise recherchiert und absolut korrekt berichtet.

Dabei hat unser weltberühmtes 198-köpfiges Dokumentationsteam jede einzelne Meldung seit 1845 akribisch auf Fakten, Quellen, Zahlen und Zitate geprüft. Redakteure wurden befragt, längst vergessene Praktikanten wieder aus dem Keller geholt, einstige Quellen abtelefoniert, alle Notizen erneut ausgewertet. Am Ende die Erkenntnis: Alles stimmt. Alles ist überprüfbar, wohldokumentiert und genügt höchsten journalistischen Ansprüchen.

Hätte auch nur eine winzige Kleinigkeit nicht der Wahrheit entsprochen, hätte irgendwo auch nur ein Komma gefehlt: Sie, liebe Leser, hätten es als erste erfahren. Wir hätten alle bisher erhaltenen journalistischen Preise sofort zurückgegeben, ja hätten gar erwägt den Nachrichtenbetrieb komplett einzustellen. Doch auch die penibelste Überprüfung ergab keinerlei journalistische Verfehlungen.

Bei allem Mitleid, das wir für unsere Kollegen beim Spiegel empfinden, ist es doch beruhigend, dass in der deutschen Medienlandschaft nicht überall geschludert, übertrieben oder manipuliert wird. Ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845: Dafür steht der Postillon auch weiterhin.

ssi, dan 

Quelle: http://www.der-postillon.com/2018/12/in-eigener-sache.html

(via Mr. Reader)
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Matthias Seifert
tag:matthiasseifert.posthaven.com,2013:Post/1355484 2018-12-20T17:52:44Z 2018-12-20T17:52:44Z Wilhelm Busch und #SpiegelGate

Kritik des Herzens


Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.

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Matthias Seifert