Hermann L. Gremliza: Von der Saar bis an die Memel

Patrick Büttgen, phoenix • CC BY-SA 4.0

Freiheit, lehrte Georg Wilhelm Friedrich Hegel, sei Einsicht in die Notwendigkeit. Bald dreißig Jahre post festum beginnen die Deutschen, und nicht nur sie, wahrzunehmen, dass jenes Imperium, das sie Freie Welt nennen, durch seinen epochalen Sieg von 1990 die Bedingungen für die Existenz des bürgerlich liberalen Regiments zerstört hat. Weil die Notwendigkeit entfiel, wenigstens den Schein zu wahren, enthüllte sich freedom als das, was Kris Kristofferson sie genannt hat: another word for nothing left to lose. Und so rennet, rettet, flüchtet seit einem Jahrzehnt alles in einen mehr oder weniger demokratischen Faschismus. Viktor Orbán, den man zuvor für die letzte Funzel am Zug der Menschheitsgeschichte gehalten hatte, strahlt als Scheinwerfer in ihre Nacht. 

Infolgedessen erklärte am Rosenmontag 2019 Wolfgang Schäuble, der Pate der CDU: »Die AfD ist Teil der Politik. Und ihre Wähler sind genauso ernst zu nehmen wie alle anderen Wähler... Manche wollen den etablierten Parteien nur zeigen, dass sie besser werden müssen. Diese Aufforderung muss man verstehen - und einfach besser werden... Die AfD wird nicht ausgegrenzt.« 

Schäuble zu widersprechen schien zwei Tage drauf, am Aschermittwoch, sein Kamerad Markus Söder, Vorsitzender der CSU, der den ernst zu nehmenden Wählern zurief: »Kehrt zurück und lasst die Nazis in der AfD allein.« 

Fünf Schweine fressen zehn Rüben am Tag. Wie lange brauchen hundert Schweine fur tausend Rüben? Wer noch weiß, was ein Dreisatz ist und wie er geht, kann auch das Rätsel um Schäubles und Söders scheinbare Kontroverse lösen. A: Die AfDler sind Nazis (Söder). B: Die Nazis wollen den andern nur zeigen, wie man’s besser macht (Schauble). C: Von den Nazis lernen heißt siegen lernen. 

Dass die Zukunft der Republik eine schwarzbraune sein wird, erhellte das Coming out der Annegret Kramp-Karrenbauer beim »Storkacher Narrengericht«, dem ununterbietbaren Höhepunkt der »schwäbisch-alemannischen Fastnacht«, einer jener Hunderten von Karnevalssitzungen, auf denen es, von Mainz wie es Mainz bleibt bis zum Orden des bierischen Ernsts, ein Vierteljahr lang zugeht wie beim Bunten Abend eines Parteitags der NPD oder der AfD. 

Die Deutschen - und wenn ich Deutsche sage, meine ich natürlich nicht alle Deutschen, sondern bloß siebzig, achtzig oder vielleicht neunzig Prozent - sind ein witzloses Volk. (Die mit dem Witz, der bissigen, zersetzenden, aufklärenden Pointe, heißen Juden.) Auf dass kein Wesen an anderen als den intellektuellen und ästhetischen Zumutungen des Ihren genese, haben sie über alle anderen hier Lebenden Lachzwang verhängt: Wen nicht entzückt, wenn der Redner rülpst, und wer nicht platzt, wenn er um ein Loch kreist, ist ein Volksfeind, Verräter an unseren Sitten und Gebräuchen, den sogenannten Werten. Und so bespaßte die als Putzfrau kostümierte Kramp-Karrenbauer ihren schenkelklopfenden Anhang: 

Guckt euch duch mal die Leute an. Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Manner, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen ist diese Toilette.

Der Wortlaut darf in keiner Geschichte der Republik fehlen. Und wenn nichts anderes überliefert wurde als dieser so witz- wie trostlose, von Nazi-Ressentiments gesättigte Amoklauf gegen alles, was nach Zivilisation riecht: die Großstadt, das Fremdländische, das Kosmopolitische, der Genuss, die Freiheit von christlichem Sexualterror, die Zumutung einfachster Hygiene an Karrenbauers den Klodeckel vollpissenden Mann von gestern... Das Bild, das die Rednerin hier von sich und den Ihren malt, wird künftigen Archäologen alles folgende Unheil erklären - die Schuld am Dritten Weltkrieg inklusive. 

»Wir sind das verkrampfteste Volk, was auf der Welt rumläuft«, radebrechte die Vorsitzende, nachdem zwei Kitas in Altona Eltern gebeten hatten, ihre Kinder nicht als »Indianer« zu kostümieren, und pochte auf ihr und ihres unverkrampften Volkes Recht, die Sau rauszulassen: »Das ist doch alles ein Wahnsinn, was hier läuft,« 

»Mein Bruder«, kommentierte Groucho Marx diese Selbstanzeige, »hält sich für ein Huhn. Wir widersprechen nicht, denn wir brauchen die Eier.« Nach Kramp-Karrenbauers Auftritt kübelten die Nazis die Briefkasten ihrer Lokalblätter voll. Ein Volksgenosse fur alle: »Hut ab vor dem Mut von Frau AKK! In letzter Zeit hatten meine Frau und ich schon zunehmend Fluchtgedanken, Flucht aus einem Land von Besserwissern, Nörglern und Verhinderern, in dem Begriffe wie Zigeunerschnitzel, Mohrenköpfe und Negerküsse fast Straftatbestände sind.« 

Deutschland am Vorabend seines Erwachens: Mutig ist, wer zu sagen wagt, was alle sagen, und politische Verfolgung, wenn meine Frau und ich sich zunehmend Gedanken machen, warum nur siebzig, achtzig oder neunzig Prozent unserer Meinung sind und nicht hundertundzehn. 

»Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar«, sangen Kramp Karrenbauers Männer, die noch stehend brunzen durften, 1935 bei der Volksabstimmung über den Beitritt zum nationalsozialistisch regierten Reich. Und wie deutsch sie ist, die Saar, und fruchtbar noch, was aus ihr kroch. »Ich wünsche mir ein Deutschland«, ruft die politische Toilettenfrau, »in dem Dreijährige Cowboy und Indianer sein dürfen.« Warum nicht Arier und Neger? Wolle mer se rauslasse? Die Sau? Solange die Eltern kein schwules Paar sind, weil die Ehe für alle, wie Kramp-Karrenbauer meint, zu Sex unter Verwandten und Vielehen fuhrt. »Deutsch bis zum Grab, Magdlein und Knab‘…«

Die »Bildzeitung«, das Kampfblatt furs gesunde Volksempfinden, war von Kramp-Karrenbauer, die vorein paar Wochen noch vom journalistischen Escort Service, der sogenannten »freien Presse«, als Kandidatin des Fortschritts vorgestellt worden war, ganz und gar bezirzt: »Von allen Seiten wird am Normalo Deutschen rumgemäkelt. Doch was, wenn der Otto Normalo-Deutsche einfach nur sein Leben leben will - ohne permanente Belehrung von selbsternannten Umerziehern? »Bild« fragt: Wo ist das Problem, wenn Kinder im Fasching gehen, als was sie möchten?«

Mit »Bild« und Kramp Karrenbauer für das deutsche Menschenrecht auf Zigeunerschnitzel! Völkermord normalo deutsch, ganz ohne die verhasste Umerziehung (reeducation). Die »Werte-Union«, eine Fronde von Parteifreunden, denen die Schäubles und Kramp-Karrenbauers nicht nazifreundlich genug sind, verlangt, dass die Migrantenschlampe Merkel möglichst bald durch die Annegret von der Saar ersetzt wird. Deutschland bleibt Deutschland, wie es singt und lacht. 

PS: Ein Rat für die übrigen zehn (fünf? zwei?) Prozent (Promille?): Haut ab, bevor sie sie euch abziehen. Und dazu ihren Narrhallamarsch anstimmen: Tärä, tärä, tärä, buffbumm.

konkret, April 2019