Schöne Feministinnen — Die doppelte Zumutung

Wenn Aussehen auf Intelligenz trifft, überfordert das viele Männer. Noch viel schlimmer: Auch Frauen sind irritiert - und stellen das öffentlich zur Debatte.

 Rosanna Graf

Eine Kolumne von Margarete Stokowski

 

Pamela Anderson bei der Chanel-Modeschau

Getty Images Pamela Anderson bei der Chanel-Modeschau

Dienstag, 18.12.2018   14 :15

Zu den Gelbwesten, die in Frankreich auf die Straße gehen, meldete sich unter anderem Pamela Anderson zu Wort. Anfang Dezember schrieb sie in ein paar Tweets, dass sie Gewalt zwar ablehne, aber:

"Was sind die Gewalt all dieser Leute und ein paar brennende Autos, verglichen mit der strukturellen Gewalt der französischen - und globalen - Eliten?"

Statt von den Bildern hypnotisiert zu sein, solle man lieber fragen, wo das alles herkomme, und sie antwortete direkt selbst: Es seien Menschen, die genug hätten von sozialer Ungleichheit.

Das ist keine wahnsinnig scharfe politische Analyse, aber dennoch war die Tatsache, dass Anderson sich äußerte, einigen Medien einen ganzen Text wert. "Diese knappe und doch ganz solide Einschätzung über die Protestwelle der französischen 'Gelbwesten'-Bewegung stammt nun nicht etwa von einem linksradikalen Aktivistenveteranen oder einem langjährig gedienten Politiker", schrieb das "Neue Deutschland".

Als sei es verwunderlich, dass eine 51-jährige Frau, die sich schon lange gesellschaftlich engagiert - wie ziemlich viele andere Schauspielerinnen und Models - eine eigene Meinung zu einem politischen Thema hat.

Es ist natürlich genau dann überraschend, dass Anderson sich zu den Gelbwesten äußert, wenn man davon ausgeht, dass sich lange blonde Haare und große Brüste negativ aufs Urteilsvermögen auswirken. Oder wenn man glaubt, dass Frauen, die sich schön machen und damit Geld verdienen, auf alles Innere keinen Wert mehr legen können.

Obwohl wir seit Jahren eine Hochphase des Feminismuserleben, ist Schönheit nach aktuell üblichen gesellschaftlichen Maßstäben in vielen Köpfen immer noch ein Widerspruch zu Intelligenz, Eigenständigkeitund Meinungsstärke. Der Widerspruch tut vielen am allermeisten weh, wenn es um Feministinnen geht.

Schöne Feministinnen sind eine doppelte Zumutung.

Der jahrhundertealte, zwanghafte Reflex, Feministinnen hässlich zu nennen, scheitert an ihnen, und das muss man erst mal verdauen, denn dieser Reflex ist ein zentrales Merkmal antifeministischer Kritik. Wenn Feministinnen das Verhalten von Männern kritisieren, dann ist es angenehm, das darauf schieben zu können, dass sie keinen Mann abbekommen oder nicht oft genug mit Sperma gefüttert werden. Wenn Feministinnen sich gegen sexistische Werbung engagieren, heißt es oft, sie würden die Schönheit der Frauen auf Plakaten nicht ertragen und wären einfach neidisch. Und so weiter.

Diese Reaktionen sind nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, dass es immer noch Menschen gibt, die Frauen dann am besten finden, wenn sie schön, sexuell verfügbar und leise sind. Dann tut es der Seele, wenn es eine gibt, ganz gut, sich versichern zu können, dass man es mit einer frigiden und hässlichen Frau zu tun hat. Eine hässliche Frau mit eigener Meinung ist weniger bedrohlich als eine schöne Frau mit eigener Meinung, denn bei der hässlichen Frau gibt es keinen Nutzwert, der verfällt, sobald sie den Mund aufmacht.

Die schöne und feministische Frau ist der blanke Albtraum so mancher Männer, die sich nachts ins Internet erleichtern. Irritierend aber ist sie oft auch für Frauen. Zwei zuletzt viel beachtete Texte über das scheinbare Problem der Vereinbarkeit von High Heels und Feminismus wurden von Frauen geschrieben.

  • Im Oktober schrieb Claudia Voigt im SPIEGEL über die "Frage, wie Feminismus und Schönheit zu vereinbaren sind". Das ist eigentlich gar keine Frage. "Können feministische Ansichten von einer Frau mit makellosem Make-up formuliert werden?", fragte Voigt. Auch das: eigentlich ganz einfach. Natürlich können sie. "Feminismus und Schönheit bilden ein schwieriges Paar", schrieb Voigt, und obwohl die Gleichberechtigung schon weiter sei als vor einiger Zeit, "hat sich das Verhältnis von Feministinnen zur Schönheit nie wirklich entspannt." Dabei ist das Verhältnis von Feministinnen zur Schönheit nie das Problem gewesen, das Problem haben die meiste Zeit die Kritiker und Kritikerinnen des Feminismus. Wie viel man sich zurechtbiegen muss, um Feministinnen ein kompliziertes Verhältnis zu Schönheit zu unterstellen, ahnt man, wenn man Sätze liest wie: "Eine der erfolgreichsten Influencerinnen ist Tara, sie studiert Wirtschaftsingenieurwesen, kennt sich aber auch mit Mascara und Lidschattenfarben bestens aus." Warum "aber"? Oder diesen: "Hotpants sind keine Aufforderung für Anmache. Gleichzeitig sendet ihre Trägerin ein Signal, das sich nicht einfach ignorieren lässt." Welches Signal? "Es ist recht warm heute"? 
  • Vor einem Jahr, mitten in der #MeToo-Debatte, forderte die Soziologin Barbara Kuchler auf "Zeit Online": "Wenn aber - mit Marx - radikal sein heißt, ein Problem bei der Wurzel zu packen, dann müssen Frauen schon auf dieser tieferen Ebene dazu ansetzen, aus dem asymmetrischen Regime des Gutaussehenmüssens auszubrechen. Sie müssen aufhören, sich zu schminken, zu schmücken und zu stylen, sich selbst permanent als Körper zu präsentieren. (…) Der #MeToo-Diskurs muss zu einem #OhneMich-Diskurs weiterentwickelt werden, der die Botschaft verkündet und verbreitet: 'Ich mache dieses Spiel nicht mehr mit. Ich tue nicht mehr für mein Aussehen als der durchschnittliche Mann, und ich stelle meinen Körper nicht stärker zur Schau als der durchschnittliche Mann.'" 

Als würde irgendeine Lösung für feministische Fragen darin bestehen, dass Frauen ihr Verhalten an das der Männer anpassen. Als sei eine besonders authentische Feministin nur eine, die sich nicht schminkt und am besten nicht häufiger wäscht als dringend zur Vermeidung schwerer Hautkrankheiten notwendig ist - abgesehen davon, dass es ausgerechnet im Zuge von Debatten um sexualisierte Gewalt um Himmels willen kein feministischer Zug ist, hauptsächlich von Frauen zu erwarten, dass sie ihr Verhalten ändern.

Beide Autorinnen, Voigt und Kuchler, stellten die Freiwilligkeit des Schminkens und Stylens infrage, und demzufolge den Grad der Freiheit der jeweiligen Frauen. Dabei ist es überhaupt nicht notwendig, besonders zurechtgemacht zu sein, um über Äußerlichkeiten wahrgenommen zu werden.

Die Autorin Ronja von Rönne teilte vor Kurzem einen Zeitungsausschnitt auf Instagram, in dem es hieß:

"An diesem Freitagabend trägt Ronja von Rönne keinen Bubikragen. Zu ihrer Lesung im Kulturzentrum Merlin im Stuttgarter Westen erscheint sie ohne ihr Markenzeichen. Zu den weißen Turnschuhen und der schwarzen Jeans trägt sie ein gestreiftes Shirt. Doch immerhin die Haare sind zu dem typischen Ronja-von-Rönne-Dutt gebunden, aus dem ein paar Strähnen herausfallen."

Dazu schrieb Ronja von Rönne:

"Ich frage mich echt, wie Journalisten mal über meine Lesungen berichten, wenn ich 70 bin und aussehe wie ne Luftmatratze ohne Luft."

In dem Text stand zwar: "Hinter dem Hype um die 26-jährige Autorin und Moderatorin steckt mehr als ihr Alter und ihr gutes Aussehen." - aber die Unterstellung muss man ja erst mal machen, um sie zu entkräften.

Über das Aussehen von Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, wird geredet, egal ob sie geschminkt sind oder nicht. Wenn aus ihrer Schönheit kein Widerspruch zu ihrer politischen Haltung konstruiert wird, heißt es manchmal: "Feminismus ist jetzt sexy", aber Feminismus muss überhaupt nicht sexy sein, solange das von Horst Seehofer auch niemand erwartet.

Einer meiner Lieblingskommentare im SPIEGEL-ONLINE-Forum stand unter einem Text von mir zur #MeToo-Debatte und hatte damit eigentlich nichts zu tun. Ich hatte mein Autorinnenfoto gewechselt und damit einen Leser offensichtlich verwirrt. "Ein neues Bild von Fr. Stokowski", stellte er fest. "Nicht mehr dumpf griesgrämig, sondern hübsch, adrett, liebenswürdig, einfach weiblich. Alle Achtung. Gegen die bösen Männer zu schreiben ist ja nun ihr Beruf, das muß sie ja weitermachen um Geld zu verdienen, aber es scheint fast so, als hätte ein persönliches Umdenken stattgefunden. Einfach nur Frau zu sein und die Geschlechter und ihre Unterschiede als selbstverständlich zu betrachten und sich in die vorbestimmte Rolle zu fügen ist vielleicht doch besser als eine frustierte Emanze zu sein, die ewig unzufrieden gegen die natürliche Ordnung ankämpft." Wie manipulierbar kann man sein?

Es stimmt, dass es zur Geschichte des Feminismus gehört, dass bestimmte Attribute zeitweise als Symbole der Unterdrückung galten und in "Freedom Trash Cans" geschmissen wurden: unter anderem unbequeme BHs, Wischmops, Make-up, Zeitschriften. Aus diesen Gegenständen aber ausgerechnet diejenigen herauszupicken, die mit Schönheit zu tun zu haben und heutigen Feministinnen Jahrzehnte später um die Ohren zu hauen, ist ein eigenartiger Move.

Es stimmt, dass es ein befreiender Zug sein kann, sich von Schönheitsnormen zu befreien. "Ich schreibe aus dem Land der Hässlichen für die Hässlichen", so beginnt Virginie Despentes ihr Buch "King Kong Theorie". Gleichzeitig kann es aber genauso befreiend sein, den Überraschungseffekt zu nutzen und als bildschöne, perfekt geschminkte Frau einem Mann einen Korb zu geben, der glaubt, Feministinnen 100 Meter gegen den Wind zu erkennen und alle anderen gefahrlos angraben zu können.

Vor allem aber muss - und kann - man sich nicht entscheiden, ob man nun zu den Schönen oder Nichtsoschönen gehören will. Der vermeintliche Streit zwischen Feminismus und Schönheit ist ein konstruierter Konflikt, der sowohl aus Vorurteilen gegen Feministinnen als auch aus Klischees über besonders hübsche Frauen entsteht. 

Es ist ein Pseudokonflikt, der es immer noch einigen Frauen erschwert, sich als Feministinnen zu bezeichnen. Sie sind für Gleichberechtigung und wollen politisch aktiv sein, aber das Schönmachen nicht aufgeben - aber das Gute ist: Sie müssen es nicht. Sie können sich schminken und stylen wie sie wollen, denn es ist immer noch ein zentraler Bestandteil von Feminismus, dass Frauen aussehen können sollen, wie sie wollen, und damit alles tun, was sie wollen.

Quelle

Diskussion

„Der Protest-Strich“

kusanowsky:

Soweit ich informiert bin – und es kann ja sein, dass ich mich irre – unterliegen Kinder unter 18 Jahren der Aufsicht durch Eltern, Lehrer oder sonstigen, mit der Ausübung einer Aufsichtspflicht beauftragten Personen, die selber mindestens 18 Jahre alt sind. Dazu zählt vor allem auch die Bestimmung über den Aufenthaltsort, den Kinder von 15 Jahren nicht gegen den Willen ihres Vormunds wählen dürfen. Das ist das eine.

Das andere ist, dass Kinder aus eigenem Antrieb sehr viele Dinge tun oder lassen, Schule schwänzen beispielsweise, Mitschüler mobben, Lehrer ärgern, Eltern anschreien, Murmeln spielen, Kaninchen streicheln oder Bettnässen. Dass sich Kinder aus eigenem Antrieb weigern, die Schule aufzusuchen, kann jeder glauben, der selber Kind war und zur Schule gehen musste.
Dass ein 15 jähriges Mädchen schulfrei dafür bekommt, gegen etwas zu protestieren, über das sie nur von ihren Lehrern informiert und unterrichtet wurde, hat sie gewiss nicht aus eigenem Antrieb geschafft.

Vielleicht wäre es an dieser Stelle gar nicht so schlecht, du würdest dich etwas differenzierter mit meiner verquasten Ausdrucksweise beschäftigen.
Manche Dinge sind nämlich gar nicht so kompliziert zu verstehen,

verquasung raubt mir meisten nur die lust auf auseinandersetzung oder weiterlesen, nicht unbedingt das verständnis. auch hier, in deinem kommentar, ist deine argumentation intellektuell einwandfrei, aber sie scheint mir eher auf nachdenken als einer auseinandersetzung mit der eigentlichen situation zu beruhen. gerade wenn man andere leute mit sexuell und gewalttätig konnotierten und herabsetzenden methaphern beschreibt, kann es ja nichts schaden nicht nur in den eigenen kopf zu schauen, sondern zum beispiel auch auf die berichterstattung.

ich nehme mir nicht heraus genau zu verstehen, was das mädchen im einzelnen antreibt, aber was ich über sie gelesen habe, lässt mich eher in eine andere richtung denken als dich.

ich habe gelesen, dass das mädchen dem autistischen spektrum zugeordnet ist (asperger) und vom zustand der welt so frustriert war, dass sie erkrankte. der aktivismus, so habe ich verschiedene artikel über sie verstanden, war ihr weg aus der krankheit — dem sich ihre eltern nicht in den weg stellen wollten, ihn aber auch nicht explizit gefördert haben.

der spiegel zitiert das mädchen:

natürlich kann man darüber streiten ob diese form des protests pampige machtkommunikation ist, an der politischen und gesellschaftlichen realität vorbeigeht oder insgesamt untauglich ist, aber einfach aus dem eigenen, beschränkten erfahrungshorizont jemanden zu verurteilen ist dann auch wieder nicht anderes als ein kleines, vom schreibtisch initiertes machtspiel, ohne jedes risiko und mit minimalem einsatz. aber immerhin trägst du deine überzeugungen genauso unerschütterlich selbstbewusst vor, wie greta thunberg. mit dem unterschied, dass du ihr das verlassen auf den gesunden menschenverstand, das weglassen von „empirizität“ ankreidest, dir selbst aber zusätzlich auch das weglassen von evidenz erlaubst.

Quelle: http://wirres.net/article/articleview/11140/1/6/

(via Mr. Reader)

„Hier die farblosen Farben der privilegierten Welt, … und auf der anderen Seite das schrille Kreischgelb …

>KRIS AUS67 • CC BY 2.0

„Hier die farblosen Farben der privilegierten Welt, … und auf der anderen Seite das schrille Kreischgelb …

… derjenigen, denen selbst eine moderate Benzinpreiserhöhung so sehr in die Kasse schlägt, dass sie das ganze Land in ein Chaos mit nicht absehbaren Konsequenzen stürzen.“ Dieser Satz stammt aus einem FAZ-Artikel. Die NDS-Leserin Dagmar Brandt machte darauf aufmerksam. Ihre Einführung: „Wer im Zentralorgan für kluge (Wirtschafts)Köpfe einen Wirtschaftsartikel mit Tiefgang lesen möchte, sollte im FAZ-Feuilleton nachschauen. Dort kann man – gewissermaßen versteckt – überraschend Unbotmäßiges finden. Zum Beispiel diesen Artikel zur gegenwärtigen Lage in Frankreich“. Lesenswert. Albrecht Müller.
 
Die Kernaussagen (ohne feuilletonistische Girlanden), so D.B., lauten: 

” (……) Was gerade mit Frankreich und Europa passiert, lässt sich in diesen Tagen, in denen Zehntausende von Gelbwesten das Zentrum von Paris stürmen, die weißen Fassaden der zugenagelten Luxusläden mit Parolen überziehen, die schwarzen Luxuskleinwagen davor in Brand setzen und die schwarze Wand der Polizisten und der Wasserwerfer mit signalgelben Farbbeuteln bewerfen und so zum Teil ihrer Sichtbarwerdungsmaschine machen, wie an einem Farbdiagramm ablesen: Hier die farblosen Farben der privilegierten Welt, das Beige und Grau und Schwarz, das die Schaufenster von Chanel, die Einrichtungshäuser und Luxusautos, den Stil von Karl Lagerfeld, die Welt der Globalisierungsgewinner dominiert – und auf der anderen Seite das schrille Kreischgelb derjenigen, denen selbst eine moderate Benzinpreiserhöhung so sehr in die Kasse schlägt, dass sie das ganze Land in ein Chaos mit nicht absehbaren Konsequenzen stürzen.
(….)

Der Provinz wird das Letzte genommen

(….)

Anruf bei Sébastien Marot, einem der wichtigsten französischen Urbanismusforscher und Theoretiker der Permakultur: Was ist da los? Antwort: Erst mal sei das natürlich auch ein Konflikt Stadt–Land, Frankreich sei seit Jahrzehnten von der „Rurbanisation“ geprägt; Menschen, die sich die Städte nicht mehr leisten können, ziehen aufs Land, wo aber keine Arbeit ist, weswegen sie mit dem Auto zu ihrem schlecht bezahlten Job pendeln müssen; er sei eigentlich für eine Steuer auf Verbrennungsmotoren, sagt Marot, „aber man muss sehen, dass man den in der Province isolierten, abgedrängten Leuten so das Letzte nimmt, womit sie noch am beruflichen und sozialen Leben teilnehmen können, die bagnoles, ihre alten Karren“. 

Aber den Franzosen gehe es gar nicht so schlecht, heißt es immer wieder, die Sozialquote sei in Frankreich am höchsten, das Land sei von den vielen Hilfen geradezu gelähmt. Wie wenig diese Verallgemeinerung mit der Lage der Leute zu tun hat, zeigten eindrucksvoll die Personen, die in ihren gelben Rettungswesten vor den Kameras auftauchten: Ein Azubi bekommt 700 Euro, 300 Euro zahlt er für Benzin, eine Wohnung auf dem Dorf ist billiger als dort, wo er arbeitet, aber dafür brauche man eben ein Auto. Ein Arbeitsloser hat 500 Euro im Monat, nach Abzug der Miete 150, macht fünf Euro am Tag. 1986 bei der Gründung des Hilfswerks „Restaurants der Herzen“ beanspruchten 70.000 Franzosen die Gratisessen, heute sind es mehr als 900.000.

Kommentar A.M.: Es ist wie in Deutschland. Die massiv vorgetragene Behauptung, uns alle gehe es doch so gut, geht an dere Wirklichkeit vieler Menschen Vorbei. Weiter im Text der FAZ:

(…)

Im Kern sei die Bewegung aber eine der vergessenen Provinz gegen das ökonomische und politische Zentrum. Auf dem Land zieht sich der Staat zurück; während der Super-TGV die 680 Kilometer von Paris nach Bordeaux in gut zwei Stunden herunterfenstert, wird alles dazwischen nicht mehr bedient; und wo Schulen und Buslinien und Regionalbahnen und Schwimmbäder verschwinden, geht auch die private Infrastruktur ein, Bars, Bäckereien, Schlachter, Cafés – ein Phänomen, das man auch aus der deutschen Provinz kennt.

Anmerkung A.M.: Die gängigen neoliberalen Forderungen nach der Kürzung öffentlicher Leistungen, nach Privatisierung einem schlanken Staat haben ihre Spren hinterlassen. Weiter mit der FAZ:

(…)

(…)

Es ist interessant und symptomatisch, dass diesmal die Systemfrage und die Proteste sich an einer für sich genommen gar nicht mal dramatischen Öko-Steuer entladen. Die Wut, ein paar Euro mehr für Diesel zahlen zu müssen, hat auch damit zu tun, dass die in die Vororte und Dörfer abgedrängten Bürger zu Recht das Gefühl haben, doppelt bestraft zu werden. Die im Zusammenhang mit Pendlerstaus und Wohnungskrise immer wieder zu hörende Behauptung, es handele sich hier letztendlich um Lifestyle-Probleme, die Leute sollten doch in die Provinz ziehen, die Frankfurter nach Nordhessen, die Pariser in die Vogesen, zeugt zu gleichen Anteilen von ökonomischer Unterbelichtung und blankem Zynismus – ja, in Nordhessen ist’s schön und in den Vogesen auch, nur leider gibt es dort keine Arbeit, und damit lässt sich nicht mal ein billiges Häuschen finanzieren. Erst werden die Geringverdiener verdrängt, dann fürs Pendeln zur Arbeit bestraft. Wer weniger Diesel in der Luft will, muss den Leuten ermöglichen, anders zu leben; dafür muss man Städte anders bauen und Arbeit und Globalisierungs- und Robotisierungsgewinne gerechter verteilen und sich mehr um die dem Verfall und ineffektiven Subventionsbombardements überlassenen ruralen Räume kümmern. Macrons größter Fehler war wohl, dass er es bisher nicht geschafft hat, den Franzosen zu zeigen, wie das gehen könnte

(…)

Es ist auch die Öko-Arroganz eines städtischen Milieus aus Soziologen, Politikern und Journalisten, die es sich leisten können, alles mit dem Fahrrad zu erledigen, die die Gelbwesten ins Zentrum treibt.

A.M.: Schön seziert. – Weiter:

Es fehlen kollektive Bilder und Vorstellungen

Macron ist für Europa, kann aber nicht zeigen, dass Europa mehr sein kann als ein Verbund, der, zu Lasten regionaler Produktion, vor allem Großkonzernen eine ungehinderte Verbreitung ihrer Waren erlaubt, wovon nur sehr theoretisch und sehr mittelbar die Geringverdiener, die diese Gewinne im Niedriglohnsektor erwirtschaften, profitieren. Mag sein, dass Ökonomen gut nachweisen können, dass der globale Handel insgesamt der Welt weniger Hunger und mehr Wohlstand bringt – wenn man die ökologischen Folgen dieses als Konsumfähigkeit definierten Wohlstands erfolgreich kleinrechnet. Aber er produziert eben auch Verlierer: Man muss nur einmal in den Sägewerken und Schreinereien der einst stolzen Südwestregion vorbeischauen, die alle dichtmachen, weil Großkonzerne den Markt mit osteuropäischem Billigholz überschwemmen – man muss nur einmal durch diese Regionen fahren, um die Verzweiflung, den Globalisierungshass, die Wut zu begreifen. Was folgt daraus?

(….)

haben ordoliberale Denker wie der in diesem Sommer jung verstorbene Walter Oswalt gezeigt, dass etwa das Problem der europäischen Kommission auch darin liegt, dass sie Staatsaufgaben an private Organisationen delegiert, dass die Gremien, die Europäisches Recht entwerfen, von zahllosen Wirtschaftslobbyisten geprägt werden. Oswalt hat in seiner bedeutenden Grundlagenschrift „No Mono. Kapitalismus ohne Konzerne. Für eine liberale Revolution“ das Wort „liberal“ endlich vom giftigen „neo-“ befreit und gezeigt, wie eine Politik aussehen könnte, die, entfernt von dumpfem Protektionismus, von internationalen Großkonzernen den wahren Preis ihrer Produkte verlangt, die also die gesellschaftlichen und ökologischen Folgekosten – Ausbeutung von Billigarbeit, globaler Transport, mangelnde Langlebigkeit (so gesehen steht ein Ikea-Regal noch schlechter da als eh schon, und viel schlechter und teurer als das eines südfranzösischen Tischlers) – so mit einrechnet, wie Macrons Dieselsteuer die ökologischen Konsequenzen von billigem Treibstoff miteinrechnen will. Dass dieser „wahre Preis der Dinge“ von den Armen, seltener von Großkonzernen erhoben wird, ist einer der tiefgreifenderen Vorwürfe gegen Macron.

Was ihm wie allen Liberalen und Linken gerade vollkommen fehlt, sind kollektive Bilder und Vorstellungen, die Mut machen und die Leute daran glauben lassen, dass es ihnen in Zukunft besser, jedenfalls nicht schlechter gehen wird. Frankreich hatte diese Vorstellungen einmal – der Sozialutopiker Charles Fourier entwarf ein „Versailles für alle“, das das Gegenteil der rationalistischen Schlafregale der Banlieues ist, TGV und Citroën GS versprachen Futurismus und Grande Nation für alle, auch die Arbeiter; Renée Gailhoustet baute zum Sozialtarif für die Massen Häuser mit hängenden Gärten, um die sie die Millionäre des 16. Arrondissements beneideten, und auch die, die die Migranten fürchten, lieben den Araber an der Ecke, der immer aufhat; nicht zuletzt stand Macrons Frau für eine Generation und eine Zeit, in der Frankreich emanzipiert, modern, abenteuerlustig, unkonventionell und zuversichtlich war.

Selten war die Freude über eine gewonnene Weltmeisterschaft kürzer, der Effekt schneller verpufft. An einem der schönsten und teuersten Orte von Paris, der Place Saint-Germain-des-Prés Nummer vier, steht ein Haus, an dessen Fassade ein von Ästen halb verdeckter Schriftzug prangt. „Société d’Encouragement“ liest man da, „Gesellschaft für Ermutigung“. Wenn sich die Äste dann bewegen, kommt der Nachsatz zum Vorschein: „Pour l’Industrie nationale“. Das Schild der 1801 gegründeten Institution fasst das Problem Frankreichs und Europas in einem Bild zusammen: Was man jetzt brauchte, wäre eine Gesellschaft zur Ermutigung nicht nur der Wirtschaft.”

Danke Dagmar Brandt für diesen interessanten Hinweis. 

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=47887

Die vergessene Egalité. Gleichheit ist ein wichtiger Wert.

Die Bewegung der Gelben Westen erinnert daran, dass in unseren Gesellschaften insgesamt ein wichtiger Wert aus der öffentlichen Diskussion und aus der praktischen Politik hinauskomplimentiert worden ist. Was hat es nicht alles für Verrenkungen gegeben, um ja nicht bekennen zu müssen: die Gleichheit aller Menschen ist ein wichtiger Wert. Es wurde von “Chancengleichheit” und von “mehr sozialer Gerechtigkeit” philosophiert. Von den Werten der französischen Revolution “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” – Liberté, Égalité, Fraternité – blieb gerade mal noch die Freiheit übrig. Wir sollten jetzt die Chance nutzen, den Gedanken substantieller Gleichheit aller Menschen wieder hoffähig zu machen. Albrecht Müller.

In der praktischen Politik spielt Gleichheit keine Rolle. Im Gegenteil. In vielfältiger Weise wurde dafür gesorgt, dass Vermögen, Einkommen und als Konsequenz auch die Chancen skandalös ungleich verteilt sind.

Die Umverteilung nach oben hat viele Facetten und prägt die Wirklichkeit. Zur Erinnerung:

  • Ein Teil hat feste Arbeitsverhältnisse und einen sicheren Arbeitsplatz. Andere, junge Leute und Ältere über 50 hangeln sich von einem befristeten Vertrag oder gar von einer Leiharbeit zur nächsten. Damit sind die Chancen im Leben grundlegend verschieden verteilt, übrigens auch die Chance, Partnerschaft und Familie planen zu können.
  • Wer hat, dem wird gegeben. Oder “der Teufel macht immer auf den größeren Haufen”. Wer Vermögen hat, kann warten, kann sich die besten Chancen aussuchen.
  • Wer viel Vermögen hat, bekommt auch in diesen Zeiten mithilfe von Vermögensberatern und großen Kapitalsammelstellen immer noch zwischen fünf und 15 % Rendite. Wer wenig Angespartes hat, geht mit einem Nominalzins von null und damit mit Wertverlust nach Hause.
  • Wir lassen heute Monopolrenten und Oligopolrenten zu. Ohne mit der Wimper zu zucken. Die großen Unternehmen wie Amazon, Facebook, Microsoft, und viele mehr profitieren von mangelndem Wettbewerb. Man muss nicht einmal Befürworter des Wertes Gleichheit sein, um dagegen anzugehen. Bekennender Marktwirtschaftler mit der Einsicht, dass Wettbewerb geschützt und geschaffen werden muss, zu sein, würde reichen.
  • Heute erreichen die Besitzer von Immobilien wegen Knappheit und wegen der mangelnden Anlegemöglichkeit der kleinen Sparguthaben zu einem realen positiven Zinssatz besondere Monopolrenten. Ein ständiger Fluss der Vermögensumverteilung.
  • Die Vermögenssteuer ist abgeschafft worden. Die Gewerbekapitalsteuer ist abgeschafft worden. Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen sind zum 1.1.2002 steuerfrei gestellt worden. Dies alles fördert die Vermögenden und belastet die Besitzlosen.
  • Jahrelang, jahrzehntelang wurde das Verstecken von Einkommen und Vermögen in Steueroasen komplett geduldet. Heute wird oft ein Auge zugedrückt.
  • Die Erbschaftssteuer wurde bewusst heruntergefahren, sodass sie jeglichen Umverteilungseffekt verloren hat. Sie war aber mal als Instrument der Umverteilung gedacht. Wie anders soll man verhindern, dass eine Gesellschaft sich immer weiter auseinander entwickelt. Der jetzige Zustand ist die praktische Folge der ideologischen und praktischen Abneigung gegen eine wirksame Erbschaftssteuer.
  • Spekulation wurde gefördert, Spekulation auf den Aktienmärkten wurde angeheizt, Spekulation in besonderen Finanzprodukten wurde gefeiert. Und als die großen Spekulanten bei der Finanzkrise 2007 und 2008 miese machten, dann wurden wir Steuerzahler gezwungen, die Wettschulden reicher Leute, Gruppen und Finanzeinrichtungen zu bezahlen.
  • Der Spitzensteuersatz liegt unter 50 %, selbst einschließlich Soli. Bei Kohl und vorher lag er 53 %. Steuerreformvorschläge, wie jener der SPD von 1971, sahen 56 % vor.

Die Wende in der praktischen Politik werden wir nur schaffen, wenn wir auch eine ideologische Wende hinbekommen.

Es gibt nicht mit Recht zwei verschiedene Menschentypen auf der Welt, die Reichen und die Armen. Die Klassenaufteilung, die wir heute vorfinden, ist nicht nur ungerecht, sie ist antidemokratisch; sie gefährdet auf vielfache Weise das demokratische Leben. Wer viel Geld hat, kann die öffentliche Meinung und die veröffentlichte Meinung, also die Meinung der Führungskräfte, der Wissenschaft und der Journalisten in seinem Sinne beeinflussen und damit auch die politischen Entscheidungen bestimmen. Das ist die Kernerkenntnis, die die Arbeit der NachDenkSeiten von Anfang an bestimmt und 2009 Hauptgegenstand meines Buches “Meinungsmache” war. Wer viel Geld hat, kann sich Lobbys kaufen, und auf diese Weise ein X-Faches des Einflusses gewinnen den der normale Mensch erreicht. Wer viel Geld hat, kann sich PR Agenturen leisten. Wer viel Geld hat, hat in der Regel auch um vieles mehr Chancen, Beziehungen spielen zu lassen. Vitamin B ist ein zusätzlicher Hebel der Reichen, um ihren Reichtum und ihren Einfluss zu mehren.

Die jetzige Einkommens- und Vermögensverteilung ist obszön. Noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Top-Manager gerade mal 1 Million DM verdient; die Mehrheit der Spitzenverdiener lag darunter. Sie haben vielleicht das Zehnfache oder 15-fache eines gut ausgebildeten Facharbeiters des gleichen Unternehmens verdient. Das war mehr als ausreichend.

Wir müssen zu vernünftigen Relationen zurückkommen und das muss ein öffentliches Thema sein und werden. Das ist nur möglich, wenn wir Gleichheit als erstrebenswerten Zustand und als gültigen und maßgeblichen Grundwert betrachten. Also: Es muss Schluss sein mit der Relativierung dieses Wertes.

Über diese eigentlich Selbstverständlichkeit schreibe ich, weil Gleichheit nichts Selbstverständliches mehr ist. Im Gegenteil. Es gibt heute ein Segment von Menschen dieser angeblich demokratischen Gesellschaft, die sich für etwas Besseres halten. Wenn die Gelben Westen es nur schaffen täten, diese antidemokratische Gesinnung und Entwicklung zu brechen, dann müsste man ihnen schon ein Denkmal setzen.

Wenn Gleichheit de facto unser politisches Handeln und unsere Entscheidungen bestimmen soll, dann muss das praktische Konsequenzen haben. Ich wiederhole und fasse zusammen:

  • Erhöhung des Einkommensspitzensteuersatzes und entsprechende Anpassung der Steuertabelle
  • Wiedereinführung der Vermögensteuer
  • Abschaffung des Steuerprivilegs beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen
  • Eine wirksame Erbschaftssteuer muss erarbeitet und eingeführt werden.
  • Spekulation, Boden-Spekulation und die Spekulation in Wertpapieren, muss gebrochen werden. Das geht vermutlich ohne Einführung einer Besteuerung auch der nicht realisierten Spekulationsgewinne nicht.
  • Kampf den Monopolgewinnen d. h. Wettbewerb oder Übernahme der entsprechenden Unternehmensteile in die öffentlicher Hand.
  • Feste Arbeitsverträge,
  • Ausreichende Mindestlöhne
  • Rückbesinnung auf und Stärkung der gesetzlichen Rente
  • Usw. usw.

Zusammenfassende Wiederholung: Wichtig ist die ideologische Auseinandersetzung, wichtig ist es, dem Grundwert Gleichheit wieder Respekt in der öffentlichen Debatte zu verschaffen.

Dazu gehört übrigens dann auch noch das “Fraternité”, die Brüderlichkeit, selbstverständlich übertragen auch auf die “Schwestern”, von denen ohnehin mehr Einsicht in die Bedeutung dieses Wertes und entsprechende Praxis zu spüren ist. – Es gab letzthin in der ARD einen Bericht über Gelbe Westen in der Provinz Frankreichs, der den brüderlichen und schwesterlichen Umgang unter den Demonstranten/innen anschaulich schilderte. Es war zu spüren, dass in dieser interessanten Bewegung auch dieser Teil der Parole der französischen Revolution eine große Rolle spielt.

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=47898

(via Mr. Reader)