Umgang mit Merkels Zittern: Einfach mal still sein

Angela Merkel zittert - und fast jeder kommentiert es. Dabei ist es nicht bemerkenswert, dass jemand, der einen harten Job macht, auch körperliche Symptome zeigt.

MartinThoma • CC0

In Deutschland gilt Meinungsfreiheit. Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten, so heißt es im Grundgesetz - das heißt aber nicht, dass man zu allem eine Meinung haben muss. Man darf auch einfach mal ruhig bleiben und die Klappe halten, vor allem bei Dingen, die einen nichts angehen. Die Zitteranfälle von Angela Merkel wären eine gute Gelegenheit dazu.

Das Gegenteil passiert. Zu Angela Merkels Zittern findet man öffentliche Statements von Ärzten, die sie nie untersucht haben, und Psychologen, die nie mit ihr gesprochen haben. Man findet Meinungen und Anekdoten von Schauspielerinnen, Schriftstellern, Politikwissenschaftlern. Eine "Kommunikationsexpertin" rät Merkel zu "mehr Mut", ein Arzt erklärt, sie soll immer schön viel Wasser trinken, der SPIEGEL zeigt die Videos von Merkel und interviewt eine Schriftstellerin, die selbst mal unter Zitteranfällen litt, ein Journalist diagnostiziert Panikattacken.

Die "Süddeutsche" lässt ihre Leser*innen diskutieren, ob das Zittern sie was angeht, und als wäre das alles nicht genug, twittert auch noch Hans-Georg Maaßen: "Der Gesundheitszustand eines Regierungschefs ist keine Privatsache. Die Menschen in Deutschland haben ein Recht zu erfahren, ob der Regierungschef gesundheitlich noch in der Lage ist, sein Amt mit ganzer Kraft auszuüben." Ja, offensichtlich ist "er" in der Lage.

Merkel hat sich mehrfach zu ihrem Zustand geäußert, sie hat erklärt, dass es ihr gut geht und sie nichts zu berichten hat, sie hat den Regierungssprecher und die stellvertretende Regierungssprecherin das ebenfalls sagen lassen. Sie hat beteuert, dass sie um die Verantwortung ihres Amtes weiß und auf ihre Gesundheit achtet - warum zählt das nicht? Warum sollte Merkel mehr sagen - und vor allem: Wer will wirklich die Antwort wissen? Wozu? Was fängt man mit dieser Information an? Wozu sollte die Öffentlichkeit wissen, ob die Zitteranfälle von einer Erkrankung herrühren oder von Stress, ob sie eine Nebenwirkung von Medikamenten sind oder Mutmaßungen über Vitamin-B12-Mangel stimmen? Was soll das alles?

Merkel "schuldet dem Souverän ein ärztliches Attest", hieß es im "Tagesspiegel". Warum? Wofür? Dafür, dass sie sich hinsetzen darf, während die Hymne gespielt wird? Ein Attest muss man vorlegen, wenn man nicht zur Arbeit kommt, aber Merkel arbeitet. Sie nimmt Termine wahr, sie gibt Interviews, sie empfängt Staatsbesuch.

In einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der "Augsburger Allgemeinen" sagten 59 Prozent der Befragten, Merkel müsse keine detaillierte öffentliche Auskunft über ihren Gesundheitszustand geben, das sei ihre Privatsache. 34 Prozent der Befragten waren für eine öffentliche Auskunft. Aber was würde man mit dieser Auskunft anfangen?

Eventuell ein bisschen Stress

Eine Volksabstimmung, ob es nun okay ist, dass sie weiter arbeitet? Eine Parlamentsdebatte darüber, ob es gerechtfertigt ist, dass Merkel eventuell ein bisschen Stress hat, weil die Zukunft Europas unklar ist, ihre Mutter vor Kurzem gestorben ist, ein Parteikollege von einem Nazi erschossen wurde - was ja irgendwie nachvollziehbar wäre? Was ist mit all den anderen Menschen, die in Deutschland Politik machen und wichtiger Ämter innehaben, aber seltener gefilmt werden als Merkel - müssen die auch Atteste abgeben und wenn ja, an wen?

"Ich denke, dass meine Aussage, dass es mir gut geht, Akzeptanz finden kann", hat Merkel über ihren Gesundheitszustand gesagt, aber ihr Pech ist, dass das Zittern sichtbar ist und Leute sich einfach zu gern verhalten wie würdelose kleine Geier, die ihre eigene Schwäche auf alles projizieren. Geil, ein Makel. Als wäre es überhaupt etwas Bemerkenswertes, dass ein Mensch, der einen sehr harten Job hat, auch mal körperliche Symptome hat.

Es gibt Millionen von Menschen, die täglich ihre Arbeit gut machen, obwohl sie krank sind oder unter Stress stehen. Es gibt auch Millionen von Menschen, die gesund und fit sind und ihre Arbeit trotzdem schlecht machen.

Es gibt Menschen, die vor jedem öffentlichen Auftritt Durchfall kriegen oder hinterher Migräne, es gibt Menschen, die Politik nur machen können, wenn sie Antidepressiva oder andere Psychopharmaka nehmen, und das alles ist normal und in Ordnung und geht niemanden etwas an, außer die Leute und ihre Ärzt*innen. Es gibt für Politiker*innen keine Verpflichtung, irgendwelche körperlichen Belange öffentlich zu machen, solange sie ihre Arbeit machen.

Trotzdem wird mit Merkel momentan abwechselnd umgegangen wie mit einem Kind, das beim Sport gefehlt hat, oder einem seltenen Naturereignis, das man unbedingt gesehen haben sollte. Den Tiefpunkt der Debatte hat definitiv der Sender Antenne Bayern freigegraben, der eine Lippenleserin engagierte, um herauszufinden, was Merkel während eines Zitteranfalls vor sich hinsprach. Wie tief kann man sinken?

"Ich schaffe das", soll sie angeblich gemurmelt haben, aber es wäre auch nicht verwunderlich gewesen, wenn sie einfach die ganze Zeit "leckt mich alle am Arsch" gemurmelt hätte.



https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/angela-merkel-und-ihr-zittern-in-den-medien-einfach-mal-still-sein-a-1277507.html#ref=rss

enthaltsamkeit gegen die klimakatastrophe?

Meteorologisches Observatorium auf dem Hohenpeißenberg (Oberbayern)

mich macht das unreflektierte wiederkauen von vermeintlichen studienergebnissen immer ein bisschen aggressiv, aber journalisten scheinen studien zu lieben. früher auf papier, jetzt im netz oder in emails, reissen journalisten für eine knackige überschrift, einen schlussgag oder aufhänger, sätze aus zusammenfassungen aus dem zusammenhang und werfen sie dem leser oder zuschauer vor. so auch heute im tagesspiegel checkpoint:

[…] Gerade veröffentlichte Zahlen eines französischen Think Tanks sollen belegen, dass Videostreaming jedes Jahr 305 Millionen Tonnen Kohlendioxid verursacht – was fast ein Prozent des weltweiten Ausstoßes sei (laut „The New Scientist“).

lobend erwähnen muss ich natürlich, dass der checkpoint die quelle verlinkt und mit der formulierung „sollen belegen“ darauf hinweist, dass zahlen aus studien, reports oder schlussabsätzen immer mit vorsicht oder ein paar gramm salz zu geniessen sind. auf die furchtbar verunglückte und verklemmte porno-schlusspointe von björn seeling möchte ich eigentlich nicht gesondert hinweisen, weil die pointen von björn seeling immer klemmen. aber ich zitiere sie trotzdem kurz, weil nicht nur die pointe klemmt, sondern auch der inhalt:

Vorschlag des Think Tanks, um CO₂ einzusparen: die Datenmenge durch geringere Auflösung der Videos verkleinern. Gilt natürlich nicht nur für die ganz scharfen.

(2 von mir tiefergesetzt, fettungen von björn seeling)

die studie, oder der report, wie the shift project die veröffentlichung nennt, schlägt nämlich gar nicht vor auflösungen von online-videos zu verkleinern, sondern man schlägt digitale enthaltsamkeit („Digital sobriety“) vor. um den report zu ergänzen, liefert the shift tank the shift project allerdings drei „werkzeuge,“ um nutzerïnnen und bürgerïnnen die versteckten umweltbelastungen von digitalen technologien zu zeigen („to reveal the hidden environmental impact of digital technology to users and citizens“):

ich bezweifle, dass björn seeling oder das shift projekt glauben, dass eine dreiseitge pdf-anleitung etwas ist, auf das youtube, netflix oder amazon prime gewartet haben, um das gewicht ihrer angebote zu reduzieren. tatsächlich stecken die plattformen bereits seit einigen jahren geld und entwicklung in die optimierung von komprimierungsalgorithmen und effizientere auslieferung — nicht nur aufmerksamkeit bedeutet geld für die platformen, auch optimierte geschwindigkeit und resourcennutzung. das pdf richtet sich eher an leute die ihre eigenen pornos drehen ihre selbstgemachten videos erstmal selbst optimieren möchten, bevor sie sie auf youtube oder vimeo laden, um sie dort nochmal optimieren zu lassen und ausliefern zu lassen. im pdf wird übrigens auch erklärt, wie der autor des pdf es schaffte 16 seiner vimeo-videos so zu optimieren, dass er am ende im schnitt 25% der video-dateigrösse einsparte: 11 wurden erfolgreich um 50 bis 90 prozent in der grösse reduziert, zwei liessen sich nicht weiter optimieren und drei hat er gelöscht: „Reducing the weight of videos online therefore begins by asking the question of the usefulness of their online presence.“

das ist die haltung, bzw. der lösungsansatz, der sich durch den ganzen report „The Unsustainable Use Of Online Video“ zieht: digitale, persönliche enthaltsamkeit. statt mit dem SUV mal zu fuss zum supermarkt gehen um quinoa zu kaufen, mülltrennung und das eine oder andere video bei youtube löschen, um das klima zu retten.

mich erinnert das fatal an die narrative die uns die ölindustrie, die autoindustrie oder die kunstoff produzierende industrie ins kollektive gewissen gehämmert haben: das elend der welt ist kein politisches problem, sondern ein problem individueller schuld. fahradfahren und zu fuss gehen wird sicherer, wenn wir vorsichtiger und umsichtiger sind und uns beispielsweise mit helmen schützen, nicht etwa durch tempolimits, fahrverbote, getrennte fahrradwegnetze. müllberge aus kunstoff sind ein problem weil wir den müll nicht gut genug trennen, zu verpackungsintensiv einkaufen oder unsere plastikzahnbürsten schon nach 6 wochen wechseln, nicht etwa weil die industrie jede regulierung der kunstoffproduktion weglobbyiert hat oder sich mit grünen punkten jahrzehntelang weissgewaschen hat.

und der klimawandel: natürlich auch die schuld eines jeden einzelnen, wer netflix guckt, mal in den urlaub fliegt oder wegen nicht vorhandenem oder nicht funktionierenden öffentlichem nahverkehr mit dem auto pendelt ist schuld am klimawandel. dass mehr oder weniger alle politischen fragestellungen und initiativen zum klimawandel seit jahrzehnten ausgeklammert, ausgesessen, verharmlost oder ignoriert wurden ist sekundär.

ganz ironielos beschreibt dieser artikel der klimaaktivistin mary annaise heglar, dass das problem nicht individuelle schuld ist, sondern dass die klimakatastrophe eben nur politisch gelöst werden kann: »Stop obsessing over your environmental sins. Fight the oil and gas industry instead.«

* * *

dass das internet ungeheuer viel energie verbraucht steht ausser frage, ebenso, dass video-streaming mittlerweile mehr als die hälfte des gesamten netzwerkverkehrs ausmacht. der report spricht auch themen an, die in aller breite diskussionswürdig sind, wie „dunkle design muster“ (dark design patterns), die benutzer möglichst lange auf den jeweiligen platformen halten sollen: autoplay, endlos-scrolling, eine athmosphäre von dringlichkeit. nur sind diese design-muster eben nichts neues, auch das alte fernsehen nutzt bis heute autoplay, setzt alles daran, den zuschauer so lange wie möglich am schirm zu halten und die aufmerksamkeit einzufangen. auch sendemasten und analoge fernsehgeräte verbrauchten strom und tageszeitungen (wie der tagesspiegel) sind, selbst nach einer studie die die papierverarbeitende industrie in auftrag gegeben hat, eher keine CO₂-musterknaben:

Die Printzeitung verbraucht im Vergleich zur Online-Zeitung deutlich mehr Primärenergie. Der Carbon Footprint ist ebenfalls größer. Die Gesamtumweltbelastung ist bei der gedruckten Zeitung auch höher. Das alles spricht gegen die gedruckte Zeitung.

(wenn man eine gedruckte zeitung länger als eine halbe stunde liest oder sie noch von 2,2 anderen leuten lesen lässt verbessert sich die ökobilanz der gedruckten zeitung.)

dass videostreaming jedes jahr „305 Millionen Tonnen Kohlendioxid“ verursacht, dass die produktion von zeitungen auch CO₂ verursacht, oder, previously, dass bitcoin-mining irre viel strom verbraucht, sind feststellungen die dem klimaschutz nicht helfen, weil sie strohmann-argumente sind. sie suggerieren dass es leicht identifizierbare schuldige gibt, leute die bitcoins abbauen, leute die netflix oder pornos gucken oder sich nachrichten auf gebleichtem altapapier kaufen. sie suggerieren, dass wir, jeder einzelne von uns, selbst schuld sind und dass erziehung, aufklärung und enthaltsamkeit lösungen sein können.

dabei liegt die lösung auf der hand: sie ist politischer, gesellschaftlicher natur. die politik muss dafür sorgen ihre viel zu bescheidenen und niedrigen klimaschutzziele zu erfüllen, wir müssen weg vom verbrennungsmotor, wir müssen den individualverkehr mit regulierung reduzieren (weniger autos wagen) und bessere, viel bessere öffentliche verkehrslösungen schaffen. die maschinenräume des internets müssen mit politischen mitteln dazu gebracht werden energetisch effizienter zu werden und aus mehr und mehr regenerativen energiequellen gespeist zu werden. google rühmt sich damit bereits 30% ihrer „anlagen“ mit erneuerbarer energie zu versorgen. mit entsprechendem poltischen druck und ernsthaften schritten in richtung einer energiewende sollte da noch einiges zu machen sein.

wir alle müssen am grossen politischen rad drehen, statt nur enthaltsamer zu leben. nichts gegen enthaltsamkeit, wer sich dafür entscheidet seinen ökologischen fussabdruck zu reduzieren, sei es durch verzicht, vernunft oder sparsamkeit, verdient respekt. mir geht das wort nachhaltigkeit nur schwer über die lippen, aber wenn wir unseren konsum, unser eigenes leben etwas mehr auf resourcenschonung und verträglichkeit mit der zukunft abstimmen, ist das kein schritt in die falsche richtung — solange es eben nicht der einzige schritt ist und wir nicht die politische dimension aus den augen verlieren.

und zum thema digitale enthaltsamkeit: ich glaube, dass es wirklich sehr, sehr wenige erfolgsgeschichten der enthaltsamkeit gibt. die katholische kirche dürfte das beste beispiel dafür sein, denn sie hat einen mehrere tausend jahre langen feldversuch unternommen, der ziemlich deutlich zu zeigen scheint, dass enthaltsamkeit gesellschaftlich und politisch keine lösung ist, sondern im gegenteil, die probleme nur verlagert und verschärft.

* * *

ich habe versucht den ganzen report von the shift project zu lesen. das wurde erschwert durch eine ungemein sperrige sprache und ermüdende wiederholungen. ich kann aber guten gewissens behaupten, dass ich die studie sorgfältiger gelesen habe als die autoren selbst. hätten die ihr konvolut nochmal vor der veröfentlichung als PDF gelesen, wären ihnen vielleicht auch absätze wie dieser aufgefallen:

streaming sites, of “tube” type (cf. Erreur ! Source du renvoi introuvable..Erreur ! Source du renvoi introuvable..Erreur ! Source du renvoi introuvable. “Erreur ! Source du renvoi introuvable.”, p. Erreur ! Signet non défini.), have revolutionized the consumption of pornography by making access to it by any smartphone, including by children and adolescents, simple and free.

mir graust es auch vor argumentationsmustern wie diesem, dass mich an die politische spindoktor-dreherei der telekommunikations-industrie zur abschafffung der netzneutralität erinnert:

Not choosing means potencially allowing pornography to mechanically limit the bandwidth available for telemedicine, or allow the use of Netflix to limit access to Wikipedia.

die ähnlichkeit der argumentationsmuster des shift project mit denen grosser industrie-lobby-vereinen macht mich stutzig. wie sich das projekt finanziert habe ich auf theshiftproject.org nicht herausfinden können. die wikipedia deutet lediglich an, woher das geld kommt: „The Shift Project is funded by corporate sponsors.“

wahrscheinlich sind die argumente des shift projects aber einfach nur so schwach, weil man nicht genug industriegeld einsammeln konnte um sich über enthaltsamkeit hinausgehende gedanken zu machen. positiv ist übrigens zu vermerken, dass das video des projekts mit bisher lediglich knapp 4000 views auf youtube beinahe klimaneutral ist und damit erst 35 kilogramm CO₂ ausgestossen hat. allerdings könnte das verlinken des videos nach ansicht des shift-projekts einer klimasünde gleichkommen.



http://wirres.net/article/articleview/11308/1/6/

Geschäftseröffnung: Großer Ansturm beim ersten Unverpackt-Laden in Duisburg

Duisburg.  Die Eröffnung von „Duisburg Unverpackt“ hat am Samstag zu langen Schlangen an der Kasse geführt. Wie den Besuchern der Unverpacktladen gefällt.

Einige bunte, vegane Gummibärchen und dazu noch Trinkhalme aus Edelstahl. Das ist die Ausbeute von Tabea Bogdan und Jessica Nagel. „Die Strohhalme nutze ich für meine Smoothies und Cocktails“, sagt die 24-jährige Tabea und schmunzelt. Gemeinsam haben sich die beiden Freundinnen Duisburgs ersten Unverpackt-Laden angeschaut. „Der ist superschön eingerichtet. Hoffentlich hält sich der Laden“, meint Jessica (24).

Als erstes Geschäft in Duisburg, in dem Plastik und unnötige Verpackungen Hausverbot haben, hat „Duisburg Unverpackt“ am Samstag in Neudorf eröffnet.

Kunden wiegen Lebensmittel ab – Inhaber vertrauen ihnen

Das Prinzip ist einfach: Kunden können von zu Hause zum Beispiel Einmachgläser mitbringen oder auch vor Ort erwerben. Diese wiegen sie zunächst im Geschäft ab. Dann können sie so viel sie möchten von den Produkten abfüllen. An der Kasse wird die Ware abzüglich des Gewichts der Behälter abgewogen.

„Die Inhaber vertrauen ihren Kunden dabei sehr. Das macht es alles sehr familiär“, findet Besucherin Lena Spriesterbach.

Andrea und ihr Sohn Lucas Langwald verkaufen in ihrem Laden verschiedene Müsli-Sorten, Nudeln, Gewürze, Reis und auch Schokolade, die zu Bruch gegangen ist und in anderen Geschäften nicht mehr in den Regalen stehen würde. „Die Haferflocken müssen wir heute unglaublich schnell nachfüllen“, sagt Lucas. Am Eröffnungstag hat er kaum eine freie Minute. „Ansonsten gehen die Trinkhalme, Müsli und Kaffeefilter echt schnell weg.“

Zur Eröffnung lange Schlagen an der Kasse

„Duisburg Unverpackt“ befindet sich an der Blumenstraße 4 in Neudorf. Das Geschäft hat Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 13 Uhr und von 15 bis 18 Uhr geöffnet, samstags von 10 bis 15 Uhr.

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite duisburg-unverpackt.de.

Besucher können im Laden auf einer Wunschliste Produkte eintragen, die sie gerne im Sortiment hätten. So wünschten sie sich etwa Dinkel- oder Maisnudeln.

Der Ansturm am Samstagmittag ist groß. In dem rund 65 Quadratmeter großen Laden quetschen sich die Neugierigen aneinander vorbei. Das Rascheln von Müsli ist in der einen Ecke zu hören, in der anderen, wie Glasbehälter geöffnet und verschlossen werden.

Die Warteschlange an der Kasse wird immer länger. „Mir ist das etwas zu voll, aber ich habe hier neue Anreize bekommen. Die Wachstücher finde ich zum Beispiel sehr interessant“, meint Besucherin Anni Kahl.

Wie die umweltbewusste Kundschaft Plastik vermeidet

„Duisburg Unverpackt“ hat am Samstag in Neudorf an der Blumenstraße eröffnet. 

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Viele der Kunden versuchen selbst zu Hause umweltbewusster und nachhaltiger zu leben. „Wir haben eine Woche lang Plastikfasten gemacht. Das ist leider wirklich sehr schwer“, berichtet Barbara Zimmermann.

Auch Tabea Bogdan versucht im Alltag Plastik zu vermeiden: „Ich kaufe Obst und Gemüse nur mit dem Netzbeutel ein, damit ich die Lebensmittel, die in Plastik verpackt sind, nicht kaufen muss.“

Bei Rosa Zwick und Jessica Nagel gibt es schon seit einiger Zeit Veränderungen im Bad. „Ich habe mir zum Beispiel eine Zahnbürste aus Bambus gekauft“, sagt Rosa. Jessica berichtet: „Die Shampoo-Flaschen habe ich komplett abgeschafft und nehme dafür andere Produkte.“

Auch Waschmittel und WC-Reiniger zum Abfüllen

Abgesehen von Lebensmitteln bietet „Duisburg Unverpackt“ auch Waschmittel, WC-Reiniger und Deocreme zum Abfüllen an. Robert Schäfer hat sich Zahnpasta-Tabletten gekauft: „Sobald meine Zahnpasta zu Hause aufgebraucht ist, möchte ich die Tabletten mal ausprobieren.“

Weitere Produkte sollen bei „Duisburg-Unverpackt“ in Zukunft noch folgen. Mit der Eröffnung ist Student Lucas Langwald aber schon am Samstag sehr zufrieden: „Viel zu tun, aber das ist gut. Und das Publikum ist total gemischt, das finde ich toll.


https://www.waz.de/staedte/duisburg/grosser-ansturm-beim-ersten-unverpackt-laden-in-duisburg-id226475165.html

Rechter Shitstorm nach Nazi-Durchsage im ICE

Bild: Karinkarin/pixabay.com

Nachdem sie auf eine rechtsradikale Durchsage aufmerksam gemacht hatte, geriet eine Hamburgerin in einen Shitstorm - und die Bahn reagierte zunächst dilettantisch. Ein Bericht und ein Kommentar

Folgendes ist geschehen: Am vergangenen Montag saß die Hamburgerin Julietta F. im ICE von München nach Frankfurt. Vor Frankfurt wurde der Zug durch die Entschärfung einer Weltkriegsbombe aufgehalten. Manche nahmen es relaxt, andere waren genervt von der Verspätung - Alltag bei der Deutschen Bahn also. Bis über die Bordlautsprecher diese Durchsage kam: "Liebe Fahrgäste, unser Zug hat wegen der Entschärfung einer Bombe, die die Westalliierten auf die unschuldige Bevölkerung Frankfurts abgeworfen haben, zur Zeit fünfundvierzig Minuten Verspätung."

Julietta F. war verständlicherweise entsetzt und bat noch im Zug darum, mit demjenigen, der die Durchsage gemacht hat, sprechen zu dürfen. Das wurde ihr verweigert. Also postete sie die Angelegenheit auf die Facebookseite der Deutsche Bahn Personenverkehr und fragte: "Ist es im Sinne der Deutschen Bahn, dass Mitarbeiter politische Statements verbreiten?"

Mit erheblicher Verzögerung reagierte das Social-Media-Team der Bahn und schrieb: "Hallo Julietta, was Sie da erlebt haben tut mir sehr leid. Kulturelle Vielfalt, Offenheit, Toleranz und Respekt sind Grundwerte der Deutschen Bahn. Rassistische oder fremdenfeindliche Äußerungen widersprechen diesen Unternehmenswerten. Soweit ich mitbekommen habe, haben Sie bereits einen Service dazu kontaktiert. In dem Fall wird man dem Ganzen auch intern nachgehen und entsprechend auf den Kollegen zugehen."

Dennoch sammelten sich unter der Beschwerde binnen weniger Stunden hunderte Beiträge - und zwar nicht etwa in Form von Empörung über den Bahnmitarbeiter, sondern in Form von Unterstützung für die getätigte Durchsage, gemischt mit heftigen Angriffen und Beschimpfungen. Die Bahn griff nahezu nicht moderierend ein und ließ teils auch abscheuliche Beschimpfungen stehen. Wenig später ging es dann im selben Tonfall auch auf der öffentlichen Facebookseite von Julietta F. los.

Der Tenor war ein in rechtsradikalen Kreisen beliebtes Narrativ: Die Bomben der Alliierten hätten doch nur unschuldige Zivilisten getötet, wer etwas anderes behauptet, lügt. Und einige Klicks auf Profile der Pöbler, die überwiegend unter Klarnamen posteten, brachte Erwartbares zutage: Es handelte sich vorwiegend um Anhänger von AfD, Identitären, Pegida und anderen einschlägigen rechtsradikalen Gruppierungen. Was sich abspielte, wirkte wie ein koordinierter brauner Shitstorm.

Ebenfalls mehrfach vorhanden war der Vorwurf des Denunziantentums, den Rechte immer dann gerne erheben, wenn jemand Zivilcourage zeigt und auf ihre Umtriebe öffentlich aufmerksam macht. Wie man jemanden "denunzieren" kann, der vor hunderten Fahrgästen eine öffentliche Aussage tätigt, wissen die Urheber der Beiträge wahrscheinlich ebenso wenig, wie ihnen verständlich ist, dass die alliierten Bomben im Jahr 1945 eine Nation aus Mitläufern und Mittätern, die das Naziregime erst ermöglicht haben, dorthin befördert haben, wo sie hingehört - und bleiben wird.

Auch Bahnmitarbeiter haben sich beteiligt

Hinzu kam krudestes Verschwörungsgerede wie das vom friedlichen Hitler, der von den Franzosen zum Krieg gedrängt worden sei und der üblichen Beschwerde von Nazis, die nicht als Nazis bezeichnet werden wollen. Argument: Damit würde man ja die richtigen Nazis verharmlosen. Um das mal eben geradezurücken: Bei den Rechtsradikalen von heute findet sich derselbe Menschenschlag, dieselbe niederträchtige, primitive und hasserfüllte Geisteshaltung wie bei jenen, die damals Hitlers Verbrechen möglich gemacht haben. Die Bezeichnung ist also durchaus treffend - im Gegensatz zu Verharmlosungen wie dem allseits beliebten "Rechtspopulisten".

Besonders bemerkenswert in diesem Kontext war, dass sich daran auch zahlreiche Bahnmitarbeiter (oder zumindest Personen, die sich auf ihren Facebook-Profilen als solche darstellen) beteiligten. Konkreten Nachfragen wich eine Pressesprecherin der Deutschen Bahn anfangs aus. Sie verwies darauf, dass die Haltung des Unternehmens klar sei: "Niemand darf aufgrund seines Geschlechts, seiner Herkunft, seines Alters oder seiner sexuellen Orientierung benachteiligt werden. Rassismus, Mobbing und sexuelle Belästigung sind tabu. Wenn das Verhalten einzelner Mitarbeiter Anlass zur Beschwerde gibt, gehen wir den Fällen selbstverständlich nach."

Auf die Frage, ob es im Sinne der Bahn ist, dass Personen mit rechtsradikalen Kontakten und Überzeugungen tagtäglich Menschen aller möglichen Nationalitäten, Konfessionen und Hintergründe befördern, wurde nicht zunächst reagiert. In der Zwischenzeit allerdings wurde die Beschwerde von Julietta F. samt der hunderten Hetzkommentare von der Facebookseite der Bahn gelöscht.

Als ich von der Angelegenheit erfuhr, rief ich Julietta an - wir kennen uns seit vielen Jahren, sind Kollegen und Freunde, ich schätze sie als warmherzigen Menschen ebenso wie für ihr unermüdliches Engagement für Kultur und Literatur. Ich erreichte sie mitten in der Jurysitzung des von ihr initiierten Gertrud-Kolmar-Preises, eines hoch dotierten Literaturpreises für Schriftstellerinnen. Die Dichterin Gertrud Kolmar wurde 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet.

"Mir war klar, dass das passiert", sagt sie, "aber es ist mir wichtig, dass das öffentlich wird. Die Kommentare sind widerlich." Inzwischen erhält sie sie nicht nur per Facebook, sondern auch via Mail und prüft rechtliche Schritte. "Sowas darf nicht passieren. Die Deutsche Bahn muss sich dazu äußern."

"Rechtsradikale Tendenzen haben in unserem Unternehmen keinen Platz"

Als ich weiter insistiere erhalte ich schließlich einen Rückruf der Bahn-Pressesprecherin. Sie besteht, ebenso wie Julietta, darauf, das Posting nicht gelöscht zu haben und vermutet, dass Facebook selbst eingegriffen hat. Inzwischen werde mit dem Mitarbeiter, der die Durchsage getätigt haben soll, ein Gespräch geführt. "Rechtsradikale Tendenzen haben in unserem Unternehmen keinen Platz", stellt sie klar. "Wenn sich herausstellt, dass das so geschehen ist, werden wir das arbeits- und strafrechtlich ahnden." Eine halbe Stunde später der schriftliche Nachtrag: "Im Einvernehmen mit dem Mitarbeiter haben wir geklärt, dass er zukünftig nicht mehr im Kundenkontakt bei der DB arbeitet."

Was sich in der ganzen Angelegenheit nochmal deutlich zeigt: Die Rechtsradikalen findet man nicht nur bei den Pegida-Treffen, bei denen sogar Mord gutgeheißen wird [1], bei rassistischen Demos oder in einschlägigen Ecken des Internet - sondern überall. Sie arbeiten bei der Bahn, stehen morgens beim Bäcker vor uns in der Schlange. Sie sind, wie die Wahlergebnisse von AfD, NPD und Co zeigen, eine Minderheit von rund fünfzehn Prozent der Bevölkerung. Aber freilich fühlen sie sich als Mehrheit und glauben, ihr Gepöbel und ihre Drohungen würden etwas daran ändern, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen sie aus guten Gründen zutiefst verachtet.

Sie sind nicht "das Volk", sondern dessen Bodensatz. Und sie sitzen, wie wir wissen, in der Polizei, der Bundeswehr, dem Verfassungsschutz und anderswo und bekämpfen den pluralistisch-demokratischen Staat. Man darf, man muss es mit Walter Lübcke sagen: Es steht ihnen frei, das Land zu verlassen, dessen Werte ihnen so zuwider sind. Deutschland braucht sie nicht. Doch solange sie hier sind und Menschen beschimpfen, bedrohen und im Extremfall sogar ermorden, ist es Aufgabe von uns allen, ihnen Gegenwind zu bieten und sie nicht durchkommen zu lassen. Und das heißt auch: Keineswegs zu schweigen, wenn so etwas geschieht wie im ICE von München nach Frankfurt vor wenigen Tagen.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4467647

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.youtube.com/watch?v=pwcz0XMmY8Q

Copyright © 2019 Heise Medien



https://www.heise.de/tp/features/Rechter-Shitstorm-nach-Nazi-Durchsage-im-ICE-4467647.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom