BILD, SPIEGEL und die verlorene Ehre des Clemens Tönnies

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#tl;dr Leserbrief von Dietrich Horstmann am Ende des Artikels, nrz 8.8.2019

Clemens Tönnies, seines Zeichens Aufsichtsratschef von Schalke 04, hat sich im Ton vergriffen und legt nun freiwillig eine dreimonatige Pause ein. Das geht den Leitartiklern nicht weit genug. Es geht um Rassismus und die “verlorene Ehre”, wie es SPIEGEL Online stellvertretend für viele andere Medien postuliert. Sogar die BILD spricht von einem “fatalen Signal”. Das ist ja auch alles richtig. Aber wo haben die hochmoralischen Verteidiger von Anstand und Moral eigentlich bislang ihren Tiefschlaf verbracht? Immerhin ist der Schlachthof-Milliardär Tönnies geradezu das Abziehbild eines ehrlosen Ausbeuters, der tausende osteuropäische Wanderarbeiter in seinen Billigfleischfabriken schuften lässt und die Allgemeinheit mit illegalen Preisabsprachen und Steuerhinterziehung mit Cum-Ex-Geschäften betrügt. Wäre Tönnies etwa ein moralisches Vorbild, wenn ihm der dumme rassistische Witz nicht herausgerutscht wäre? Profifußball und Ehre … das passt schon lange nicht mehr zusammen. Von Jens Berger.

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Steuererhöhungen im Kampf gegen den Klimawandel lehnt Milliardär Tönnies ab. Stattdessen solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren, wie er sein johlendes Publikum beim Tag des Handwerks in Paderborn wissen ließ. Und dann polterte der Festredner den Satz raus, der den pikierten Moralinstanzen von BILD und Springer quer im Halse stecken blieb: “Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn´s dunkel ist, Kinder zu produzieren”, so Tönnies. Dass der Schwarze den lieben langen Tag nur “schnackselt”, weiß der Stammtisch ja schon von der katholischen Moralikone Gloria von Thurn und Taxis. Ist der Spruch rassistisch? Bis auf den – Trommelwirbel – „Ehrenrat“ von Schalke 04 sehen das eigentlich alle Beobachter so. Vor allem ist der Spruch aber dumm. Eine andere Frage ist jedoch, ob diese Dummheit die hochmoralische Empörung der Medien rechtfertigt. Immerhin mutet es schon seltsam an, wenn sich ausgerechnet die BILD als Leitorgan des Alltagsrassismus über einen dummen rassistischen Schenkelklopfer aufregt, der so auch 1:1 auf der eigenen Titelseite stehen könnte. Und wenn der SPIEGEL sich Sorgen über die “verlorene Ehre” eines gnadenlos durchkommerzialisierten Fußballkonzerns macht, schließt sich der Kreis der Heuchler. 

Aber spielen wir das Spiel von BILD, SPIEGEL und Co. doch ruhig mal mit. Wenn Schalke erst jetzt durch Tönnies Ausflug in die Gedankenwelt eines reichen weißen Großwildjägers in seiner “Ehre” bedroht ist, heißt dies ja im Umkehrschluss, dass vorher alles paletti war. Dann war es auch mit der Ehre von Schalke und der Ehre des Fußballs zu vereinbaren, dass Clemens Tönnies mit Cum-Ex-Geschäften Steuern hinterzogen hat. Vor allem im armen Gelsenkirchen, das dringend auf Steuergelder angewiesen ist, sollte dies ja eigentlich keine Petitesse sein, die sich Männer von hoher Moral und noch höherem Kontostand schon mal leisten können. Doch die Fußball-Welt tickt da anders. Ikonen wie Messi und Ronaldo haben die Allgemeinheit um Millionen betrogen und gelten dennoch als Vorbilder für unsere Jugend. Ein anderer Fußballgrande mit Wurstfabrikantenhintergrund saß sogar im Knast und wurde flugs von Medien und Fans rehabilitiert, um, frisch aus der JVA entlassen, wieder zur moralischen Instanz Fußballdeutschlands hochgefeiert zu werden. Die Fußballwelt tickt nicht nur anders – sie ist ein Musterbeispiel für Heuchelei und Doppelmoral.

Clemens Tönnies Vermögen wird derweil auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Ein fleißiger Unternehmer, der Herr Tönnies. Teile seines Vermögens sind übrigens die Beute aus unerlaubten Preisabsprachen. Die sind zwar illegal und das Bundeskartellamt verurteilte Tönnies auch zu einem sportlichen Bußgeld von 128 Millionen Euro. Doch dessen Anwälte fanden eine Gesetzeslücke. Man löschte die verurteilten Tochterfirmen einfach aus dem Handelsregister, übertrug deren Aktiva auf die Muttergesellschaft und schwupps war die Strafe vergessen, da die Verurteilten ja nicht mehr existent waren. Experten tauften diesen Trick später “Wurstlücke” … den Fans und den hochmoralischen Fußballjournalisten war´s egal. Solange die Schalker Mauer keine Lücke aufwies, interessierte sich niemand für Wurstlücken und die Millionen, die Tönnies illegal von seinen Kunden ergaunerte. 

Es lebe die Doppelmoral. Zwar verachtet die Gesellschaft “Billigfleisch”, doch Europas größter Produzent von Billigfleisch ist offenbar eine derart ehrenhafte Person, dass nie jemand seine moralische Befähigung für das oberste Ehrenamt neben dem Papst – dessen Amtsvorgänger übrigens auch Schalke-Mitglied ist – in Frage gestellt hat. Ja, der Tönnies ist ein erfolgreicher Mann. Ein erfolgreicher Mann, in dessen Massentötungsfabrik in Rheda-Wiedenbrück täglich 25.000 Schweine am Fließband gekeult, zerlegt und verwurstet werden. Alleine in Rheda-Wiedenbrück beschäftigt der erfolgreiche Herr Tönnies 4.500 weniger erfolgreiche Mitarbeiter, von denen nur 1.500 in einem tariflichen Arbeitsverhältnis stehen. Der Rest sind sogenannte “Werksvertragsmitarbeiter” – zumeist Osteuropäer, die zwar auf dem Papier einen Mindestlohn bekommen, der ihnen aber an anderer Stelle für überteuerte Unterkünfte, “Messergeld”, Kleidungs- und Transportgeld und andere Schikanen wieder abgeknöpft wird. Die Friedrich Ebert Stiftung nennt das „Geschäftsmodell Ausbeutung“ und Gewerkschaften sprechen von “Zuständen wie in einem Entwicklungsland”. Regelmäßig tauchen die skandalösen Arbeitsbedingungen in Tönnies’ Billigfleischfabriken in den Medien auf. Präses Peter Kossen, ein katholischer Priester, der gegen die moderne Sklaverei in der Fleischindustrie ankämpft, nennt die ausgebeuteten Arbeiter Tönnies’ übrigens passenderweise „Wegwerfmenschen“.

Aber auf die Idee, dem Verantwortlichen für diese sagenhafte Ausbeutung von „Wegwerfmenschen“ die Ehre abzusprechen, kommt erstaunlicherweise niemand – nicht die Moralapostel von BILD und SPIEGEL und auch nicht die lammfrommen Fans des angeblichen Arbeiterclubs. Welch bittere Ironie – ein Fußballkonzern, der nach außen das Image eines Arbeiterclubs pflegt, wird von einem Großkapitalisten geführt, dessen Reichtum ganz maßgeblich auf der Ausbeutung von Arbeitern beruht. Kann die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit größer sein?

Wenn es nach den Medien und den Fußballfans geht, gibt es hier erstaunlicherweise gar keine Diskrepanz. Steuerkriminalität, Bereicherung über Wettbewerbsverstöße und systematische Ausbeutung von Arbeitern sind in diesem unseren Lande demnach mit dem „Ehrbegriff“ vereinbar, den „wir“ an unsere „Eliten“ anlegen. Aber wehe, man mache einen dummen Altherrenwitz über Afrikaner. Dann ist es mit der Ehre schnell vorbei. Dann kommen die Rassisten von BILD und werfen einem Rassismus vor und die Relotiüsse vom SPIEGEL wittern die verlorene Ehre des Clemens Tönnies. Wäre es nicht so traurig, man könnte schallend lachen. 

Titelbild: Wikipedia „Schlachthaus“, Public Domain 

Die aktion./.arbeitsunrecht ruft aktuell unter dem Motto “#Freitag13: Das System Tönnies stoppen!” zu einem Aktionstag gegen Werkverträge, Horrorjobs und Ausbeutung von Menschen, Tieren und Ressourcen auf. Es gibt bereits fünf Aktionsorte und man hofft, dass es noch wesentlich mehr werden. Hier geht es zur Aktionsübersicht, die bis zum 13.09.2019 ständig ergänzt wird.



https://www.nachdenkseiten.de/?p=54026

Krankenhäuser abschaffen - Unsterblichkeit für alle

Screenshot aus dem ARD-Video

Die ARD-Story zur Bertelsmann-Studie: "Krankenhäuser schließen - Leben retten"

Scharfe Kritik an der ARD. Mit dem Filmbeitrag "Krankenhäuser schließen - Leben retten?" soll der beitragsfinanzierte öffentlich-rechtliche Sender Werbung für die Studie der Bertelsmann Stiftung betrieben haben. Was ist dran an dem Vorwurf?

Am 15. Juli veröffentlichte die Bertelsmann Stiftung im Rahmen ihres Projekts "Neuordnung Krankenhaus-Landschaft: Weniger ist mehr" [1] eine Studie, die zu dem Ergebnis [2] kommt, dass durch einen radikalen Abbau von Krankenhäusern eine gleich gute, wenn nicht bessere Patientenversorgung zu erreichen sei. Exakt am selben Tag sendet die ARD um 20:15 Uhr ihren Filmbeitrag "Krankenhäuser schließen - Leben retten?" [3].

Der Film wird z.T. sehr scharf kritisiert: Von "Werbefilm" und "Kampagnenjournalismus" ist in den ARD-Kommentarspalten die Rede. Ein Zuschauer schreibt [4]: "Als TV-Journalist bin ich über meine Kollegin und ihre Redaktion entsetzt, wie unkritisch sie die Bertelsmann-Studie übernehmen. [...] Ist das dann Faulheit? Naivität? Schlampige Recherche oder gar schon Propaganda, Verzeihung, Marketing?"

Über die Autorin des Beitrags heißt es im Begleittext zum WDR-Morgenecho-Interview [5] mit ihr, sie sei ARD-Medizinjournalistin und habe für die ARD die Hintergründe der Studie recherchiert. Nur so viel schon an dieser Stelle: Diese Information reicht nicht aus.

Zunächst aber zur ARD-Doku selbst. Tatsächlich verfolgt diese ein klares Argumentationsziel: Krankenhäuser schließen, rettet Leben. Zu dieser Einsicht soll der Zuschauer v.a. mithilfe der folgenden 3 Überzeugungstechniken geführt werden.

1. Turnaround-Argumentation (Argumentationsumkehr)

Das zunächst am Beispiel von Bürgerprotesten angeführte Hauptargument gegen Krankenhausschließungen "Gefährlichkeit" (Gefährdung der gesundheitlichen Versorgung) wird schrittweise anhand von Patientenschicksalen und zahlreichen Expertenkommentaren umgewandelt in das stärkste Argument für die Schließung von Krankenhäusern: Gefährlich, ja sogar lebensgefährlich sei die Beibehaltung von kleinen Krankenhäusern. Denn aufgrund des Mangels an Pflegekräften, Apparaten und Erfahrung seien hier die Komplikations- und Sterblichkeitsrisiken weitaus höher.

Vor dem Hintergrund dieser Argumentation ist die zum Schluss des Filmes an den Zuschauer gerichtete Frage nur noch eine suggestiv-rhetorische: "Was halten Sie für gefährlicher, 'Krankenhäuser zu schließen oder alles beim Alten zu lassen?'"

2. Framing

Seit Jahren forcieren Krankenkassen und Politik den sog. "Rückbau von nicht benötigten Versorgungskapazitäten" auch mit der Begründung, dass deutsche Krankenhausstrukturen im Vergleich zu anderen Ländern zu groß und zu teuer seien.

Diese ökonomischen Effizienzbestrebungen, zu denen auch die Reduktion von Betten und stationärer Verweildauer gehört, blendet der ARD-Beitrag jedoch durch konsequente Verwendung des medizinischen Gesundheitsframes aus: "Sie [Die Experten] wollen ausrechnen, wie viele Krankenhäuser wir wirklich brauchen, wenn unsere Gesundheit an erster Stelle steht."

3. Appeal to authority

Eine Vielzahl von ausgewählten Expertenkommentaren soll die Richtigkeit der Bertelsmann-Studie belegen. Mehrmals werden Experten interviewt, die dem Bertelsmann-Projekt "Neuordnung Krankenhaus-Landschaft: Weniger ist mehr" angehören. Experten, die sich kritisch zur Studie äußern könnten, kommen dagegen in der ARD-Dokumentation erst gar nicht zu Wort. Ebenso wenig Ärzte, die sich mit Blick aufs Patientenwohl bereits in der Vergangenheit kritisch zu einem weiteren Abbau von Krankenhäusern geäußert [6] haben.

Ist der PR-Vorwurf also berechtigt?

Sollen die umstrittenen, immer wieder auf heftige Bürgerproteste stoßenden Krankenhausschließungen annehmbar gemacht werden, indem sie als lebensrettende medizinische Maßnahme geframed werden?

Für die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Senders wäre es in jedem Fall besser gewesen, er hätte im Vorfeld der Berichterstattung ein nicht unwesentliches Detail transparent offengelegt: Die ARD-Journalistin Meike Hemschemeier gehört dem Science Media Center Germany [7] (SMC) an, einer gemeinnützigen Wissenschaftsredaktion, die registrierten Journalisten durch kostenlose Vermittlung von Fakten und Experten-Statements bei der Berichterstattung behilflich sein will.

Auf der Internetseite der Bertelsmann Stiftung wird das Science Media Center ausdrücklich als "Kooperationspartner" ausgewiesen. Ziel der Zusammenarbeit [8] ist laut Stiftung:

"Zusammen mit dem SMC setzen wir uns […] dafür ein, medizinische Über- und Unterversorgung in Deutschland transparent zu machen."

"Wir freuen uns, das Science Media Center als kompetenten Partner gefunden zu haben. Seine wissenschaftsjournalistische Arbeit macht es möglich, weiterhin auf über- und unterversorgte Regionen in Deutschland hinzuweisen (Mohn)."

Zum Kniereport 2018 heißt es etwa: "Neben der Datenanalyse hat das Science Media Center zahlreiche Interviews mit Orthopäden, Krankenkassen- und Klinikvertretern, Gesundheitsökonomen und Klinik-Controllern durchgeführt." Sowohl für den Kniereport 2018 als auch für die Mindestmengen-Analyse 2019 nennt [9] die Stiftung als Ansprechpartnerin auf Seiten des SMC die ARD-Journalistin Meike H.

Zudem gehört die Bertelsmann Stiftung laut SMC-Internetseite seit 2017 mit 20.001-50.000 Euro jährlich zu den Förderern des SMC [10]. Die Förderung gilt dem Projekt "Operation Explorer" [11] (webbasiertes Datentool). Die Leitung [12] dieses Projekts hat die ARD-Journalistin Meike H.

Das alles beweist natürlich nichts. Aber man wird zumindest vorsichtig einen Interessenkonflikt vermuten können, der für einen öffentlich-rechtlichen Sender jedenfalls äußerst unvorteilhaft ist.

Eindeutig ist die Sache allerdings nicht. Als entlastende Interpretation könnte man die Einseitigkeit des ARD-Filmbeitrags nämlich auch einem modernen Verständnis von werteorientiertem Haltungsjournalismus zuordnen. Die ARD-Journalistin beleuchtet seit Jahren kritisch die deutschen Krankenhausstrukturen. In ihrem preisgekrönten ARD-Film "Operieren und Kassieren" (Erstausstrahlung 19.06.2017) weist sie auf die regionale medizinische Überversorgung von z.B. Rückenoperationen hin.

Vielleicht spiegelt die Einseitigkeit des aktuellen ARD-Films also auch die Haltung wider, sowohl ethisch als auch wissenschaftlich auf der (einzig möglichen) richtigen Seite zu stehen. Die anfangs gestellte Frage "Interessengeleitete PR oder Journalismus?" würde sich damit erübrigen, da - von außen betrachtet - das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden wäre.

Stellungnahme

Telepolis hat die ARD-Journalistin um eine Stellungnahme gebeten. Zur Expertenauswahl erklärt die Autorin, dass die Annahmen der Studie auf einem "breiten medizinischen Konsens" beruhen, der "durch wissenschaftliche Studien belegt" sei. Die im Beitrag interviewten Ärzte hätten nichts mit der Studie zu tun. Die Interviewpartner, die an der Studie mitgewirkt haben, "sind unabhängige und renommierte Wissenschaftler". Und: "Die Studie wurde nicht von der Bertelsmann Stiftung erstellt, sondern von dem renommierten IGES-Institut in Berlin, das u.a. Studien für die Bundesregierung durchführt. Die Bertelsmann Stiftung hat die aktuelle Studie lediglich beauftragt und finanziert."

Einen möglichen Interessenkonflikt, der im Vorfeld der ARD-Berichterstattung hätte offengelegt werden müssen, sieht die Journalistin offenbar nicht. Zu ihrer Arbeit erklärt sie: "Als freiberufliche Journalistin arbeite ich für mehrere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und für das gemeinnützige Science Media Center. Dieses wird zu einem kleinen Teil auch von der Bertelsmann Stiftung finanziert. Ich selbst stehe in keiner Geschäftsbeziehung zur Bertelsmann Stiftung. Die Bertelsmann Stiftung hat kein Mitspracherecht an meiner Arbeit." Ob diese Aussagen die kritischen ARD-Zuschauer überzeugen können, bleibt abzuwarten.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/krankenhaus-landschaft/projektbeschreibung/
[2] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich/
[3] https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/krankenhaeuser-schliessen-leben-retten-video-102.html
[4] https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/krankenhaeuser-schliessen-leben-retten-100.html
[5] https://www1.wdr.de/nachrichten/kliniken-krankenhaeuser-nrw-story-im-ersten-100.html
[6] http://www.band-online.de/Pressemitteilung_Notaerzte_widersprechen_Krankenhausschlie_ungen_8366.html
[7] https://www.sciencemediacenter.de/
[8] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2018/juni/immer-mehr-unter-60-jaehrige-erhalten-kuenstliche-kniegelenke/
[9] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juni/40-prozent-der-kliniken-operieren-ohne-die-mindestmengen-einzuhalten/
[10] https://www.sciencemediacenter.de/fuer-foerderer/foerderer/
[11] https://www.sciencemediacenter.de/das-smc/smc-lab/
[12] https://www.sciencemediacenter.de/das-smc/team/

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GOD HAS HEARD YOUR THOUGHTS AND PRAYERS AND HE THINKS THEY ARE FUCKING BULLSHIT

Hi. God here. I am contacting you in response to your prayers regarding the most recent and totally horrific mass shooting in a college/ high school/ elementary school/ bar/ nightclub/ park/ shopping mall/ concert/ movie theater/ parking lot/ church/ mosque/ synagogue. I have listened to your prayers, America, and I have come to the conclusion that they are cowardly, pointless, and shameful. Your prayers are not helping the victims or their families. Helping potential and actual gun violence victims is a bridge you could have crossed a long time ago, and you chose not to. You pray in order not to feel culpable in horrendous acts of violence. You pray in order to feel good. And for this, I say: fuck you.

Quelle

Propagandaschrift zum El-Paso-Attentat: Kein Ruhm für Mörder

Das „Manifest“, in dem der Attentäter von El Paso seine politischen Absichten beschrieben haben soll, wird massenhaft verbreitet. Wie gefährlich das ist, konnte man schon vor 50 Jahren wissen: Twittern lernen von Adorno!

Mario Tama / AFP

El Paso: Die Opfer dürfen nicht in Vergessenheit geraten

Es ist passiert, und es wird wieder passieren. Zwei Massaker in den USA, in El Paso und Dayton, insgesamt mindestens 31 Todesopfer und viele Verletzte. Bei dem Angriff von El Paso gehen die Behörden von einem rassistischen Motiv des Täters aus. Viel ist bisher nicht bekannt - aber jeder Fetzen Information, ob bestätigt oder unbestätigt, wird über soziale Medien verbreitet.

Es gibt ein "Manifest", das der Tatverdächtige von El Paso ins Internet gestellt haben soll, in dem er seine politischen Absichten beschrieben haben soll. Ob der Text tatsächlich von ihm stammt, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Es gibt Hinweise darauf. Dennoch wurden Screenshots und Zitate von Beginn an massenhaft geteilt, von JournalistInnen, von Privatpersonen, vielleicht aus Zustimmung, vielleicht in aufklärerischer Absicht, fast immer ohne Verweis auf die Unsicherheit der Quelle. Aber immer ist dieses Teilen ein Fehler.

Wenn das "Manifest" (schon der Begriff ist zu viel der Ehre, meiner Meinung nach) tatsächlich vom Attentäter stammt, dann war es wahrscheinlich sein Ziel, dass es möglichst weit verbreitet wird und er bei Gleichgesinnten als Held gefeiert wird. Wenn es nicht von ihm stammt, freut sich irgendwo in der Welt jemand, dass ihm so viele Menschen auf den Leim gegangen sind.

Wer den Namen und Fotos des Täters verbreitet und mutmaßlich von ihm erstellte Texte teilt, verhilft einem vielfachen Mörder zu größerer Bekanntheit. Das bedeutet nicht, dass diese Informationen geheim bleiben sollten. Wenn Medien darüber berichten, dass es Hinweise auf ein rassistisches Dokument gibt, das mit der Tat zusammenhängen könnte, dann gehen sie ihrer Aufgabe nach, Menschen zu informieren. Wenn Privatpersonen diesen Text oder Auszüge daraus teilen, ist das etwas anderes: Sie tragen damit - freiwillig oder unfreiwillig - zu genau dem Plan bei, den Menschen haben, die solche Propagandaschriften erstellen.

Nicht jeden Scheiß glauben und verbreiten

Es ist verständlich, wenn Leute nach einem Massenmord nach Informationen suchen. Die Frage ist, ob sie verantwortlich mit diesen Informationen umgehen. Bei seriösen Medien gibt es verschiedene Regeln zum Umgang mit Quellen: Man verlässt sich nicht nur auf eine Quelle, man sucht weitere. Man prüft die Informationen, die man bekommt, man schaut sich an, woher sie kommen und ob sie mit weiteren Informationen zusammenpassen.

Für Privatpersonen, die Social-Media-Accounts haben, gibt es solche Regeln nicht - außer dass in den Nutzungsbedingungen oft festgeschrieben steht, dass keine Hassbotschaften verbreitet werden dürfen, aber man weiß auch, wie gut diese Regeln funktionieren. Aber man kann als einzelne Person etwas vom Umgang seriöser Medien lernen (wenn sie ihre Arbeit gut machen, und das tun sie nicht immer), und das wäre kurzgefasst die Regel: nicht jeden Scheiß glauben und verbreiten.

Warum es falsch ist, rechte Propaganda - wenn auch mit kritischem Kommentar oder zynischem Emoji - weiterzuverbreiten, kann man sehr gut in einem Vortrag von Theodor W. Adorno nachlesen, der kürzlich bei Suhrkamp erschienen ist. Der Vortrag "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" ist von 1967, aber äußerst aktuell. Adorno (dessen Todestag sich heute zum 50. Mal jährt) spricht darin - ziemlich leicht verständlich und ungewohnt konkret - von Rechtsradikalen in den Sechzigerjahren und vergleicht ihre Vorgehensweisen mit denen der Nazis unter Hitler. (Eine ausführlichere Besprechung lesen Sie hier)

Mein Kollege Benjamin Moldenhauer schreibt, man finde im Vortrag Adornos "keine fundamental neuen Erkenntnisse". Das mag sein, wenn man sich schon eingehend mit Rechtsradikalen und der Forschung zu ihnen beschäftigt hat. Angesichts des Umgangs vieler Menschen mit rechtsradikaler Propaganda würde es allerdings außerordentlich helfen, wenn die Gedanken, die Adorno hier zusammenträgt, bekannter und gern auch Schulstoff werden. (Es gibt den Vortrag auch auf YouTube. Twittern lernen von Adorno, das Internet macht es möglich.)

Viele dieser Gedanken sind direkt auf die heutige Zeit übertragbar:

  • die Feststellung, dass "Anhänger des Alt- und Neufaschismus heute quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt sind",
  • dass die neueren Rechtsradikalen sich oft als demokratisch verkaufen und ihre GegnerInnen als "undemokratisch" bezeichnen,
  • dass es parteiinterne Machtkämpfe gibt, die aber nicht dazu führen, dass die Parteien sich selbst zerlegen,
  • dass Rechtsradikale sich von der Last der deutschen Geschichte befreien wollen oder sie gar umschreiben (Adorno spricht vom Komplex "Schluss mit dem Schuldbekenntnis") und immer wieder von angeblichen "Denk- und Sprechverboten" die Rede ist,
  • dass rechtsradikale Propaganda oft das "Gefühl einer sozialen Katastrophe" beschwört, dass darin gegen vermeintliche Eliten gehetzt wird (Adorno erwähnt die "Linksintellektuellen", heute sprechen Nazis oft von "Kulturmarxisten") und oft schlicht Lügen und falsche Zahlen verbreitet werden.

Wenn die Opfer in Vergessenheit geraten, haben die Täter gewonnen

Die inhaltlichen Fehler und Widersprüche, die rechtsradikale Propaganda oft enthält, schaden ihrer Wirkung nicht unbedingt. Die Propaganda muss gar keine "wirklich durchgebildete Theorie" enthalten, wie Adorno sagt. Die Macht und der Einflussbereich von Rechtsradikalen werden auch gesteigert, wenn sie es schaffen, intellektuell haltlose Pamphlete und plumpe Lügen professionell zu verbreiten: "Die Propaganda (...) ist wie einst bei den Nazis geradezu die Substanz der Sache selbst." Es wird darin nicht nur oft eine Masse von UnterstützerInnen halluziniert, die es tatsächlich (noch) gar nicht geben mag, sondern die Schriften (heute auch: Tweets, Postings, Plakate und so weiter) an sich sind größtenteils darauf ausgelegt, massenhaft verbreitet zu werden - ob in Zustimmung oder durch ihren Provokationscharakter, ist dabei zweitrangig:

"Diese Propaganda gilt weniger der Verbreitung einer Ideologie (...) als dem, dass die Massen eingespannt werden. Die Propaganda ist also vorwiegend eine massenpsychologische Technik."

Auch wenn es immer wieder scheint, als würden einzelne Vertreter nun wieder ein Tabu gebrochen oder eine Grenze verschoben haben, auch wenn immer wieder Menschen feststellen, dass jetzt der wahre Charakter derer zum Vorschein kommt, die sich bürgerlich geben und letztlich faschistisch denken, schadet es ihrem Erfolg dann doch immer erstaunlich wenig:

"Es ist schon seit langer Zeit meine Überzeugung (...), dass es sich um eine relativ kleine Zahl immer wiederkehrender standardisierter (...) Tricks handelt, die ganz arm und dünn sind, die aber auf der anderen Seite durch ihre permanente Wiederholung ihrerseits einen gewissen propagandistischen Wert für diese Bewegungen gewinnen."

Diese "Tricks" gilt es zu durchschauen:

"Schließlich sollte man die Tricks, von denen ich gesprochen habe, dingfest machen, ihnen drastische Namen geben, sie genau beschreiben (...) und gewissermaßen versuchen, dadurch die Massen gegen diese Tricks zu impfen (...)."

Es wird vermutlich weitere Anschläge geben, es wird ganz sicher weitere Provokationen von Rechtsradikalen geben. Wir leben in einer Zeit, in der es nicht reicht, immer wieder spontan auf diese Vorfälle zu reagieren. Wir brauchen langfristige Strategien, wir brauchen gründliche Analysen statt Retweets von menschenverachtendem Müll.

Sonst wird es weiterhin so sein, dass Menschen die Namen von Attentätern kennen, die zu Helden werden wollten, aber nicht die Namen ihrer Opfer. Wenn die Opfer in Vergessenheit geraten, haben die Täter gewonnen.



https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/attentate-in-el-paso-und-dayton-kein-ruhm-fuer-moerder-kolumne-a-1280640.html#ref=rss