Causa Igor Levit: Ist die SZ antisemitisch oder tut sie nur so?

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Na gut, Leute, ich weiß gar nicht wo ich beginnen soll,es ist sehr viel drinnen. Ich möchte auf ein paar problematische rhetorische Strategien in d Text hinweisen. Nicht nur als Fingerübung, sondern weil diese Sprache reale Auswirkungen hat. #NatsAnalyse

https://www.sueddeutsche.de/kultur/igor-levit-daniil-trifonov-1.5071896

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Interessant sind schon Überschrift und URL, die beide gleichermaßen strategische Überlegungen offenbaren. Die Überschrift zeigt mit dem Ende full circle ein hämisches Lächerlichmachen. Die URL das konstruierte Duell mit einem anderen Pianisten. Beides zieht sich durch den Text.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Das Offensichtlichste am Text ist ein durchgezogener ätzender, seltsam persönlicher, hämischer und abwertender Stil. Zu keinem Zeitpunkt bekommt man das Gefühl, dass es hier um eine künstlerische Kritik als vielmehr eine persönliche Abrechnung geht.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Wenn man sich den Text genauer anschaut u nur auf künstlerische Kritik liest, dann zeigt sich ein Muster: Die (durchgehend negative) künstlerische Kritik wird in Klammern u Nebensätzen als Selbstverständlichkeit getarnt verborgen. Als müsse man darüber gar nicht reden, weil klar

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Das ist natürlich weder fair, noch zulässig. Eine künstlerische Kritik darf ausgebreitet und begründet werden. Einen Künstler quasi als Selbstverständlichkeit als ungenügend abzuqualifizieren ist nicht nur respektlos, sondern ungenügend für einen Kritiker.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Es zeigt aber auch: Darum geht es gar nicht. Es geht nicht wirklich darum, dass Mauro wirklich ein konkretes Problem mit Levit Klavierspiel hätte, er tarnt es nur so, um persönlich abzuwerten. Als Proxy nimmt er hier einen anderen Pianisten her, der er in den Himmel lobt.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Diese Proxy-Strategie ist vor allem am Ende wichtig, wo sich in aller (offensichtlich nicht intendierten) Offenheit zeigt, dass es nie um Kunstkritik geht. Trifonov ist nicht nur ein besserer Musiker, sondern auch ein besserer Mensch, das ist die Schlussconclusio.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Aber ich mache schon wieder drei Schritte vor dem ersten. Schauen wir uns einmal die Themen und Narrative an und dann später noch ein paar Strategien. Ja, das wird lang. 

Wieviel Zeit habt ihr?

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Das durchgehend gezeichnete Bild ist: Levit ist ein Hochstapler, Mittelmaß, das so tut als ob, jemand der nicht verdient durch seine Arbeit dort oben, sondern durch Marketing und Verkaufsgeschick. Er gehört nicht WIRKLICH dazu, er ist ein Aufschneider

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Das wird natürlich nicht mit diesen Worten so gesagt, aber dieses Bild ergibt sich. Er wird mit Paris Hilton verglichen (wir könnten hier btw auch über Misogynie reden, aber egal) und es wird suggeriert Levit verdanke seinen Erfolg. geschicktem Marketing.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Und hier stoßen wir schon auf grobe Problematiken. Diese Gegenüberstellung des Wahrhaften und Echten gegen das Künstliche und Belanglose ist ein alter Topos, gerade in der Kunst. Letzterem wird nachgeraunt es verführe die Massen, ist aber eben nicht echt oder gut.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Es geht nicht darum, dass man keine Kritik haben könnte, sondern was und wie hier kritisiert wird. Levit wird sogar unterstellt er spiele die Emotionen beim Klavierspielen nur. Es sei eine Pose. Sein Spiel sei Pathos. Also nicht echt, nur auf Effekthascherei aus.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Das ist ein Topos des Antisemitismus. Die verführerische, künstliche, immer nur nachahmende, eben nie echte jüdische Musik/Kunst. Weil Juden_Jüdinnen das echte und wahrhafte gar nicht empfinden können. Entlang dieser Linien sollte man sein Argument nicht formulieren.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Es geht gar nicht darum, ob Mauró das bewusst gemacht hat, denn der Effekt ist der Selbe. Es sind tradierte Erzählstränge, die man kennen und gegen die man aktiv anschreiben sollte. Aber er geht voll rein mit diesem Antagonismus echt - künstlich.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Man könnte darüber noch hinwegschauen würde es nicht in direkter sprachlicher Nachbarschaft zu einem Geraune stehen, dass Levit gleich "gegen ein ganzes Land" (Deutschland) vorgeht. Hier wird es gefährlich: Der künstlich erfolgreiche Hochstapler gegen Deutschland.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Nicht nur ist der künstlerische Erfolg nicht gerechtfertigt, nein dieser Typ hat auch noch die Frechheit sich despektierlich über Deutschland zu äußern. Insinuiert: ein Land, dass dich aufgenommen hat. Ein Land in dem du Fremder bist. Sei dankbarer.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Wir sehen hier auch das eigentliche Narrativ des Textes: Levit taugt künstlerisch nichts, das wäre nicht der Rede wert, nein er ist auch noch ein gesellschaftlicher Wichtigmacher und mischt sich, wo er sich nicht einzumischen hat. Und das Twitter-Establishment jubelt ihm zu

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Und auch hier wird wieder suggeriert Levits Engagement sei nicht ernst gemeint. Es sei also nicht "echt". Diese Obsession mit "echt" ist wirklich ein Problem des Textes. Zumal er keinerlei Beleg liefert, dass Levit es nicht "so" meine. Es ist ein Geraune und eine Vermuterei.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Mit flapsigen und überheblichen Vermutungen wird suggeriert, dass Levits Engagement gegen rechts nicht ernst gemeint sei oder keinen Effekt hätte. Dazu wird bewusst verschwiegen, dass Levit etwa vom Auschwitz-Komitee geehrt wurde. Das zählt nicht.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Auf englisch nennt man diese Strategie "character assassination". Es geht darum nicht nur das Handeln, sondern den Menschen an sich abzuwerten. Interessanterweise macht Mauró genau das was er Levit vorwirft: Er spielt sich zum Richter und Henker, zum moralischen Weltgericht auf.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Das gezeichnete Bild ist also eine persönliche Abwertung von Igor Levit anhand tradierter antisemitischer Muster von Echtheit und Künstlichkeit, von ehrlicher Emotion und gespieltem Pathos sowie echtem Können und bloßer Imitation.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Was passiert auf der rhetorisch-strategischen Ebene? Wir haben es mit ganz vielen Neologismen, also Wortneuschöpfungen zu tun. Opferanspruchsideologie, Sofa-Richtertum, opermoralisch. Diese sind sehr bildgewaltig und inhärent abwertend. Es ist also keine nüchterne Beschreibung

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Neologismen sind nicht ohne Grund eine sehr beliebte Strategie extrem rechter Sprache, umso derber, umso ausschweifender. Zum Beispiel der "Schuldkult" oder die "Teddybärenwerfer". Mit solchen Neologismen wird Sprache zur Waffe und es geht nicht mehr um die Diskussion.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Eine weitere Strategie ist die geframte Gegenüberstellung. Mit Trifanov, Barenboim, Mutter, Sportlern, Katastrophenhelfern. Immer die insinuierte Unterstellung, dass die es besser machen als Levit, aber er nicht dazu gehört, nicht so gut ist.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Das ist perfide, weil suggeriert wird, dass er ja besser sein "könnte", aber dies anscheinend nicht "möchte". Dass es all diese Positivbeispiele gibt und Levit einfach nicht dazu gehört. Das ist ein sprachlicher Exklusionsmechanismus.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Genau die selbe Strategie wird aber auch inklusive angewandt in einer Beimengung. Das passiert, wenn etwa geschrieben wird er sei mit den "richtigen" Journalisten befreundet. Dort gehört also dazu, zu den "richtigen" Journalisten. Als gäbe es auch falsche.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Hier wird angedeutet, dass es eine richtige Clique gibt an die man sich halten muss um erfolgreich zu sein und diese Clique ist gesellschaftsliberal, "links", antifaschistisch usw. Und Levit hat sich da dran gehängt und schwimmt da mit.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Auch hier: keine "echte" Freundschaft, sondern Karriere und Kalkül. Die selbe Strategie gibt es noch bei Steinmeier und Merkel. Kein "echter" Verdienst, sondern die umgeben sich gerne mit lautstarken Künstlern. Dieser Echtheits-Vorwurf zieht sich durch den ganzen Text.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Nächste Strategie: Diffamierung durch Begriffs-Analogien. Levit ist ein "Twitter-Virtuose". Virtuose wird in dem Text nie im Zusammenhang mit Klavier verwendet, nur mit Twitter. Soll sagen: Er kann Twitter besser als Klavier spielen. (implizit wieder Hochstapler-Vorwurf)

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Weitere Strategie: Absätze mit rhetorischen Fragen beenden. Rhetorische Fragen im Pulk hinterlassen immer einen richtig ätzenden Eindruck. Sie drücken richtig aufs Auge was man denken soll u verstecken sich hinter pseudoneutralen Fragen. Antworten sind längst klar, Urteil gefällt

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Die rhetorischen Fragen werden im Exzess gestellt: Ist das mutig? Trägt das zur Bekämpfung von Faschismus bei? Nein. So wie die Fragen gestellt sind ist die Antwort klar nein. Die Fragen tun nur so, als wären wir selbst draufgekommen, als hätte uns nicht der Text dort hingeführt.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Rhetorische Fragen mit diesem ätzenden, abwertenden Unterton sind tatsächlich auch ein beliebtes rhetorisches Mittel rechtsextremer Sprache. Besonders in Reden, da man hier mit gut gesetzten Pausen maximalen Effekt erzielt.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Die Abwertung passiert auch mit verwendeten Analogien, etwa dem Topos des Clowns. Dazu hat Saša Stanišić schon viel gesagt. Interessant auch, dass gleich darauf "Humorlosigkeit" vorgeworfen. Inkohärent - Clown und humorlos? 

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Richtig schräg wird es, wenn Levit mit einem ganzen Konvolut von bizarren Vorwürfen von Weltgericht und Opferideologie überschüttet wird. Auch hier Projektion: Das zuvor vorgeworfene Pathos wird selbst praktiziert. Keine Stufe kleiner als "Weltgericht".

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Diese überschäumende Absatz voller sprachlicher Entgrenzung hangelt sich entlang bestehender rechtsextremer Talking Points entlang. Dieser Absatz könnte so 1:1 in der Sezession stehen in seinem Geifer und der blinden Verachtung.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Auch hier interessant wie Diffamierung durch Begriffsnachbildungen passiert: "Recht auf Hass". Das nimmt Anklänge am "Recht auf Meinungsfreiheit" etc. Aber Linke Gutmenschen wie Levit würden ein "Recht auf Hass" proklamieren, w sie eben nur "Hassen", sobald sie den Mund aufmachen

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Auch dieser Hass-Vorwurf hat wirklich ungute historische Anklänge. Praktisch soll es natürlich "Hass im Netz" neutralisieren. Weil, wenn eh Alle hassen, dann sind Alle Schuld, wenn es sie trifft. Und die Linken "hassen" eben genauso wie die Rechten.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): (oh Gott es ist so viel)

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Twitter wird als abgehobenes Elitenmedium dargestellt, aber selbst dort findet bei Levit keine echte "Kommunikation" statt. Twitter und die sozialen Medien als Feindbild einer bürgerlichen Rechten wäre ein spannendes und lohnendes Forschungsgebiet.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Die sozialen Medien werden als "außerhalb" der Gesellschaft dargestellt, während Zeitungen sowohl "echt" sind, als auch von inhärenter Qualität bürgen. Rechte Doppelstrategie: Wir sind im elitären Sinn besser als das Gegenüber und gleichzeitig volksnäher.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Nur mit dieser Prämisse funktionieren ja Abwertungen wie "twitter-Virtuose" oder "Pausenstück" oder die Frage, ob das nun wirklich etwas zum Kampf gegen Faschismus beiträgt. Als sei twitter etwas, dass keinen Einfluss auf das Denken von Vielen oder die Gesellschaft hätte

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Hier wird es zudem infam. Dem jüdischen Künstler, der zig Morddrohungen bekommt, vorwerfen er würde nicht wirklich gegen Faschismus kämpfen. Es ist auch eine Belehrung von oben: ich weiß es besser wie man das macht, du machst es falsch, das zählt nicht, du gehörst nicht dazu.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Ich komme langsam zu einem Ende, man könnte noch sehr viel mehr und gründlicher dazu etwas sagen. Richtig perfide finde ich den Schluss. Erst die Einleitung, dass Tweets nicht "überstürzt", sondern wohlüberlegt sind, was falsch ist. Das Wesen von Tweets ist ihre Spontanität.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Dann ein langes ausbreiten der Reaktionen (3 Tweets) von Levit über den Angriff auf den jüdischen Studenten in Hamburg. Levit sei müde. Durch die Wiederholung von "müde" kehrt sich die Bedeutung ins Humoristische um. Mit jedem Mal mehr wird weniger Mitleid evoziert.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Auch hier wird suggeriert es sei gespielt oder kalkuliert. Auch hier ein ungutes Anleihen nehmen an der Geschichte: Alles ist geplant, um zu tricksen und zu täuschen, keine echte Emotion. Diese echte Emotion wird ins Lächerliche verkehrt.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Und dann als rhetorisches Todesstoß die letzte Gegenüberstellung mit einem "echten" Künstler, der sich auf "echte" Kunst konzentriert. Suggestion: Etwas zu dem Levit nicht in der Lage ist. Die Überschrift setzt das Krönchen auf: "Igor Levit ist müde" ist nicht emphatisch gemeint.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Der Text ist ätzend, voll von Anwürfen, Suggestion, Geraune und dem Weglassen von vollen Wahrheiten. Der Künstler Igor Levit wird schon in der Prämisse als ungenügend abgewertet, der Mensch Igor Levit ist es am Ende des Textes. Voll von Strategieanleihen an der extremen Rechten.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Dazu kommen sprachliche Inkohärenzen (einerseits ohne andererseits; abrupte Gedankenwechsel ohne Überleitung, humorbefreite Clowns, wackelige Sprachbilder), die allein deswegen durch kein Lektorat gehen sollen. Der Text lässt mich aufgewühlt und ratlos zurück.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Er versucht ganz große negative Emotionen zu wecken, aber spricht nie wirklich aus, was eigentlich das Problem des Autors mit Igor Levit ist. Er bleibt vielmehr im Geraune und der Suggestion verbunden mit bekannten rechten talking points und Frames. Gefährlich.

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Wie immer: Danke fürs Lesen. Ich mach das weiter so auf Twitter, wer mich unterstützen will und/oder mehr Content möchte, hier bitte: 

Regelmäßig:

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Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Hier übrigens mit einer ähnlichen Conclusio und schöner formuliert  

Natascha Strobl (@Natascha_Strobl): Nachtrag:Natürlich werden die wenig sublimen Botschaften verstanden, hier noch einmal zuvor verstärkt durch den im Text angesprochenen Bild-Redakteur. Soetwas hat reale Auswirkungen und das kann man wissen.

(Das ist nur eine spontane Stichprobe) 

https://twitter.com/Natascha_Strobl/status/1317100499989123074/photo/1


Journelle dazu:

Journelle (@journelle): Gerade den @SZ Text über @igorpianist gelesen (der Text ist mir dermaßen zu dumpf, dass ich ihn nicht verlinke) und wieder daran erinnert worden, warum ich nach dem Magister in Musikwissenschaft beruflich was anderes gemacht habe.

Journelle (@journelle): Noch viel mehr als in der Literaturwissenschaft wird mit einer unglaublichen Arroganz die Tatsache, dass man eine Quint auf dem Notenpapier erkennen kann, vor sich her getragen.

Journelle (@journelle): Musik ist schwer greifbar, daher ist die Sprache, mit der sie wissenschaftlich beschrieben werden kann, sehr eigen und fordert Kenntnisse diverser Notensysteme.

Journelle (@journelle): Die Herren (ja, die universitäre Musikwissenschaft ist fest in männlicher Hand) können und wollen dann aber nicht die Transposition ihrer Kenntnisse in einen großen Kontext.

Journelle (@journelle): Mich hat es schier in die Verzweiflung getrieben, zuzuschauen, wie Musik nie in einem gesellschaftlichen Kontext gesehen wurde. Musikwissenschaft ist ein Ort, an dem sich der Geist eines als elitär empfundenen Biedermeier-Bürgertums konserviert hat.

Journelle (@journelle): Allein schon die Unterteilung von U (Unterhaltungs-) und E (ernste) Musik halte ich für gleichermaßen ignorant, bösartig und  bei einer wissenschaftlichen Betrachtung von Musik als nicht zielführend.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/E-_und_U-Musik

Journelle (@journelle): Ich möchte an dieser Stelle gar nicht erst anfangen mit den Konzepten zur „Musikethnologie“.

Journelle (@journelle): Um mal zusammen zu fassen: weiße Musikwissenschaftler sehen ihre Superpower darin, dass sie Noten lesen können und meist ein Instrument leidlich beherrschen. Diese vermeintliche Superpower lässt sie zu ignoranten, arroganten, selbstverliebten Schwurblern werden,

Journelle (@journelle): Die - wenn sie dann endlich einen Platz im Feuilleton bekommen haben - den Leuten mit großen Worten und Pathos erklären, was gut ist und was nicht.

Journelle (@journelle): Der Musikwissenschaftler ist ein Don Alphonso, der Noten lesen kann.

Journelle (@journelle): Und aus diesem Grund musste ich so lachen, als ich die Biografie von Helmut Mauró las (dem Autor des Texts über Levit): https://www.sueddeutsche.de/autoren/helmut-mauro-1.1143376?_gl=1*3c26bi*_ga*MTE5MjQwMDMyMi4xNDE0NTEwNTY4

Journelle (@journelle): Auffallend ist auch der Fetisch der Musikwissenschaftler unbedingt einen Zusammenhang zwischen Musik spielen können und Intelligenz nachweisen zu können. Was sie sagen wollen: ich kann Noten lesen ergo muss ich hochbegabt sein.

Journelle (@journelle): Ich schrieb oben, dass in der Musikwissenschaft nicht gewünscht wird, Musik in einen gesellschaftlichen und sozialen Kontext zu setzen. Das ist etwas ungenau. Die Musik wird genau aus einem gesellschaftlichen Kontext heraus betrachtet: dem des konservativen Bildungsbürgertums

Journelle (@journelle): Die Nazivergangenheit dieser gesellschaftlichen Gruppe muss immer wieder deutlich gemacht werden und erklärt auch, warum Mauró Engagement gegen Nazis nicht erträgt.

Journelle (@journelle): Kurzum, meine Magisterarbeit über die Rolle der Musikwissenschaft im Faschismus wurde nach einigen Monaten Recherche von meinem Professor dann doch abgelehnt.

Journelle (@journelle): Da ich nun schon 16 Jahre raus aus dem Thema bin, hatte ich gehofft, dass sich womöglich schon etwas geändert hat. Aber ganz offensichtlich schwimmt der gemeine Musikwissenschaftler nach wie vor im braunen Konservativismus.


Schließlich gibt es ja das generische Maskulinum.

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Nachdem das Justizministerium einen Gesetzesentwurf vorgelegt hat, in dem weibliche Formen (z.B. „Gläubigerin“) auch für Männer gelten sollen („generisches Femininum“), gibt es (wieder mal) große Aufregung über „Gendergaga“ und „Diskriminierung von Männern.“ 1/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Komischerweise regen dieselben Menschen sich nicht auf, wenn männliche Formen (z.B. „Schuldner“) auch für Frauen gelten sollen („generisches Maskulinum“). Diese Praxis ist anscheinend gendertechnisch völlig rational und Frauen gegenüber kein bisschen diskriminierend. 2/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Begründet wird das gerne „sprachwissenschaftlich“ – in diesem Fall durch Seehofers Sprecher: „Während das generische Maskulinum … anerkannt ist für Menschen von männlichem und weiblichem Geschlecht, ist das generische Femininum … bislang sprachwissenschaftlich nicht anerkannt.“

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Was könnte „sprachwissenschaftlich anerkannt“ hier bedeuten? Wie der Name schon sagt, ist Sprach*wissenschaft* eine Wissenschaft, deren Aufgabe es nicht ist, sprachliche Phänomene „anzuerkennen“, sondern, sie zu beschreiben und (wenn möglich) zu erklären. 4/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Sprachwissenschaftliche Fragen wären etwa: a) Existiert ein „generisches Maskulinum“ und wenn ja, b) wie funktioniert es? und c) Existiert ein „generisches Femininum“ und d) wenn nein, warum nicht? Sehen wir uns diese Fragen genauer an. 5/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): a) Ein „generisches Maskulinum“ existiert in dem Sinne, dass es viele Texte gibt (zu denen auch viele Gesetzestexte gehören), in denen männliche Formen verwendet werden, aber andere Geschlechter „mitgemeint“ sein sollen. Da wir alle wissen, dass es solche Texte gibt, … 6/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): … funktioniert das bis zu einem gewissen Punkt. Damit sind wir bei b) – *wie* funktioniert es? Es funktioniert, weil es eine *gesellschaftliche Übereinkunft* gibt, diese Formen so zu verwenden. Mit Sprachwissenschaft hat das nichts zu tun. 7/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive können wir sagen: Maskuline Formen werden in der Sprachverarbeitung automatisch männlich interpretiert, die erweiterte „generische“ Interpretation erfordert einen messbaren gedanklichen Aufwand. 8/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Außerdem erzeugt die „generische“ Verwendung eine grundsätzliche Unsicherheit bei der Interpretation – wir können nie sicher sein, ob eine maskuline Form tatsächlich „generisch“ gemeint ist, oder eben, wie es ihre Bedeutung erwarten lässt, männlich. 9/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Dieser Grund allein sollte ausreichen, um zu verstehen, warum das „generische Maskulinum“ eine *schlechte* gesellschaftliche Übereinkunft ist, die im Interesse aller durch eine bessere (weniger vieldeutige und gedanklich aufwändige) ersetzt werden sollte 10/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Nun zu c) – gibt es ein „generisches Femininum“? Im Sinne einer (gesamt)gesellschaftlichen Übereinkunft ist die Frage klar mit „Nein“ zu beantworten. Es gibt zwar vereinzelte Satzungen und Ordnungen, die so formuliert sind, und es gibt Subkulturen, die es verwenden, aber… 11/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): … das sind Ausnahmen. Tatsächlich ist das generische Femininum von Luise Pusch ursprünglich (1988) vorgeschlagen worden, um daran die Absurdität des generischen Maskulinums zu demonstrieren. Wer Zugriff auf JSTOR hat, es ist ein brillanter Text: https://www.jstor.org/stable/20688696 12/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Die Frage ist nun, d) *warum* es diese Übereinkunft nicht gibt. Sprachlogische Gründe hat es nicht: Semantisch weibliche Formen geschlechtsneutral zu verwenden ist nicht weniger logisch als semantisch männliche Formen geschlechtsneutral zu verwenden. 13/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Die Gründe sind rein historisch-gesellschaftlicher Natur: In vielen Texten (gerade in Gesetzestexten) ging es lange nur um Männer, weil Frauen schlicht nicht für wichtig gehalten wurden. Auch als sich das langsam änderte, blieb das Männliche der Normalfall. 14/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Das häufig verwendete Wort „mitgemeint“ ist hier bezeichnend – Männer sind gemeint, Frauen eben nur mitgemeint. Es geht also nicht um „sprachwissenschaftliche“ Anerkennung, sondern um gesellschaftliche: Wollen wir, wie das Innenministerium, in einer Welt leben, 15/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): … in der Frauen (und andere) eine Art gedanklicher Nachtrag zu Männern sind? Dann ist das „generische Maskulinum“ genau die richtige Form. Oder wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen gleichermaßen „gemeint“ sind? Dann haben wir leider ein Problem, … 16/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): … denn der traditionelle Sprachgebrauch erlaubt das nicht ohne Weiteres. Er muss deshalb verändert werden. Man kann versuchen, das zu verhindern, indem man patriarchale Traditionen zu sprachwissenschaftlichen Fakten umdeklariert, aber dann hat man halt Unrecht. 17/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Speziell bei Gesetzestexten waren wir in der Diskussion eigentlich schon mal weiter, nämlich 2013, als die StVO geschlechtsneutral formuliert wurde. Das ist nicht an allen Stellen gut gelungen und an vielen Stellen wurden maskuline Formen übersehen, aber es war ein Anfang. 18/

Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch): Insofern: Gut gemacht, Justizministerium – der Gesetzesentwurf im „generischen Femininum“ erinnert uns daran, dass hier noch eine Aufgabe auf uns wartet. 19/19


Torfnasen töten: When End User Managed Applications cause critical errors

A furious blame game is under way today after 16,000 coronavirus cases were missed due to a computer glitch - meaning thousands more potentially infected contacts were not traced. The extraordinary meltdown is believed to have been caused by an Excel spreadsheet containing lab results reaching its maxium size, and failing to update.

Some 15,841 cases between September 25 and October 2 were not uploaded to the government dashboard. As well as underestimating the scale of the outbreak in the UK, critically the details were not passed to contact tracers, meaning people exposed to the virus were not tracked down.

At some point you have to move data from a personal productivity tool into a serious database. Microsoft Excel spreadsheets can contain up to 16,384 (16 x 1024) columns and 1,048,576 (1024 x 1024) rows. You should no wait until you hit those numbers.

This is not human error, nor is it an Excel glitch. It's end user managed applications without developer support and proper testing. That is organizational failure, and a deadly one.

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Comments

Exactly. Thanks for the clear words.

Hubert Stettner, 2020-10-05

Nothing much has changed in six years. https://www.felienne.com/archives/3355

Jan-Piet Mens, 2020-10-05

My words exactly. We provide database solutions for higher education. When I speak to prospects, they often say "we already have a system in place that works just fine" (sic!). When I dig deeper, it usually turns out that their "system" is Excel.

They usually get back to us eventually, when they realise that Excel is not made for these purposes and has its limitations, when it comes to storing and managing data.

Axel Borschbach, 2020-10-05

https://vowe.net/archives/018762.html

(Vorsicht: Quelle ist Daily Mail)