Geht doch: Bis zu 20 000 Euro Steuer für einen Spritschlucker

Wie bekommt man Autokäufer dazu, sich von großen, schweren, verbrauchsstarken Wagen zu verabschieden? In Frankreich hat die Regierung darauf eine klare Antwort: Rauf mit den Steuern! Während es sich in Deutschland nur in der jährlichen Kfz-Steuer leicht bemerkbar macht, ob man ein sparsames Auto fährt oder einen Spritfresser, greifen die Franzosen den Neuwagenkäufern jetzt richtig in den Geldbeutel. Wer dort ab Januar 2020 bei der Zulassungsstelle ein neues Auto anmeldet, das mehr als 185 Gramm CO₂ pro Kilometer ausstößt (gemessen nach NEFZ), zahlt eine einmalige Steuer von 20 000 Euro. Ab März wird dann nach den Werten den neuen, realitätsnäheren Messzyklus WLTP abgerechnet, dann liegt die Höchstgrenze bei 212 g/km. Damit hat die französische Regierung die Beträge noch einmal drastisch verschärft. Zunächst waren als Höchstgrenze ab 2020 nur 12 500 Euro vorgesehen, bisher sind es 10 500 Euro.

Für Elektroauto-Käufer gibt es dagegen weiter bis zu 6000 Euro Prämie. Plug-in-Hybride bekommen keinen Bonus. Dazu muss man wissen, dass gerade im SUV- und Luxuslimousinen-Segment viele Modelle den Grenzwert von 185 Gramm pro Kilometer überschreiten. Aber auch einige Familienvans stoßen bei ihren Verbrauchswerten schnell in Regionen vor, in denen in Frankreich dann mehr als 10 000 Euro Zulassungssteuer fällig werden. Steuerfrei sind alle Verbrenner, die weniger als 110 Gramm CO₂ pro Kilometer ausstoßen.

Bisher galt eine Steuer-Obergrenze von 10 500 Euro für Spritfresser und auch erst ab einem CO₂-Ausstoß von 191 g/km. Seit Jahresbeginn wurden in Frankreich mehr als 16 000 Fahrzeuge zugelassen, bei denen die Besitzer diesen Höchstbetrag zahlen mussten. Das entspricht zwar nicht einmal einem Prozent aller Gesamtzulassungen, dennoch hat der Staat dadurch allein 168 Millionen Euro eingenommen. Dieser Betrag könnte sich mit den neuen Steuern fast verdoppeln.

Auch bei der jährlichen Kfz-Steuer kommt es in Frankreich darauf an, wie viel CO₂ ein Fahrzeug ausstößt. Für Autos im Privatbesitz zahlt man einen Pauschalbetrag von 160 Euro pro Jahr, unabhängig von der Kraftstoffsart. Allerdings gilt die Kfz-Steuer nur für Fahrzeuge, die mehr als 190 g CO₂/km ausstoßen, Fahrzeuge mit geringeren CO₂ -Emissionswerten sind von der Steuer befreit. Diese Regelung gilt seit 2012. Im Jahr 2017 waren lediglich 0,3 Prozent der Neuwagenkäufer in Frankreich von der Kfz-Steuer betroffen.

Für Deutschland hatte im Sommer das Umweltbundesamt ein Bonus-Malus-System gefordert, bei dem sich die jährliche Kfz-Steuer nur noch nach dem CO₂-Ausstoß des jeweiligen Autos richten würde. Zwar nannte die Umweltbehörde dabei keine genauen Summen, doch diese sollten so hoch sein, dass sie eine echte Lenkungswirkung hätten - also die Menschen bewusst zu sparsameren Autos greifen. Auch die neue SPD-Führung machte sich zuletzt für eine derartige Regelung stark.

Bringen derartig drastische Steuern etwas? Auch dazu lohnt ein Blick nach Frankreich: Dort lagen die durchschnittlichen CO₂-Emissionen von Neufahrzeugen 2017 bei 111 Gramm CO₂/km, in Deutschland dagegen bei 126.



https://www.sueddeutsche.de/auto/frankreich-steuer-bonus-malus-1.4729961

Aufregung um Tweet von Greta Thunberg: Advent, Advent, das Internet brennt

Die Aufregung um den Bahn-Tweet von Greta Thunberg ist verflogen - die Debatte war wieder mal unerträglich. Doch die nächste Eskalation kommt bestimmt. Vielleicht ja schon an Weihnachten.

Massimo Pinca/ REUTERS

Greta Thunberg: Wehe, sie zündet eine Kerze an!

Mittwoch, 18.12.2019   14:02 Uhr

Die Greta-Bahn-Aufregung erträgt bereits seit Tagen niemand mehr, nicht einmal als Meta-Greta-Thema. Weil sie ein sozialmediales wie redaktionelles Trauerspiel künstlicher Aufregung war. Es handelte sich um die Simulation einer eigentlich notwendigen Klimadebatte. Also eine Ersatzdebatte um ein Symbol, bei dem man Projektionen, Gefühlen und Schuldzuweisungen freien Lauf lassen konnte, ohne auf nervige Fakten zu Klima und Kapitalismus achten zu müssen. Oder gar zu differenzieren.

Doch es wird garantiert wieder geschehen, und zwar vermutlich so:

Zu Weihnachten postet Greta Thunberg auf Twitter einen schwedischen Weihnachtsgruß samt Foto einer Kerze am Weihnachtsbaum: "God Jul!". In den ersten Sekunden bleibt es geradezu auffällig ruhig. Nur wenige Tausend Beschimpfungen und Drohungen von mittelalten Autofahrern trudeln ein. Sigmar Gabriel mahnt die SPD-Spitze routiniert, das Deutsche Auto nicht auf dem Klimaaltar zu opfern, bloß weil eine durchreisende Zopfträgerin ärztlich unbehandelte Visionen twittert. Aber dann eskaliert es.

Das eigens eingestellte Greta-Team der Deutschen Bahn lädt sie in einer Erstreaktion auf Twitter ein, Weihnachten "ganz bodenständig im stehenden Zug zu feiern", wie es gute deutsche Pendlertradition sei. Die Kerze müsse sie aber weglassen. Der Tweet schließt mit dem vom Humorbeauftragten der Bahn genehmigten, ersten Zwinkersmiley eines deutschen Staatsunternehmens sowie einem Link auf das PDF der 400-seitigen Brandschutzverordnung der Bahn samt Bußgeldkatalog für die Entzündung einer offenen Flamme in geschlossenen Zügen. Per Twitter kündigen 3000 empörte Leute ihre Bahncard 25.

Der Wutwetterwart Jörg Kachelmann attackiert Greta frontal: Eine Kerze sei in Sachen Klima das Allerschlimmste, was man überhaupt tun könne, außer vielleicht mit einer Saturn-V-Rakete einen Holzofen kaufen zu fahren. Der Rußausstoß je Kilojoule Energieleistung sei bei Kerzen höher als bei einem SUV. Als eine Professorin für Kerzenwissenschaft andeutet, dass er sich eventuell verrechnet haben könnte, beschimpft Kachelmann sie, ihre Familie, ihre 150 Follower, ihre Universität und mehrere Personen mit ähnlichen Profilbildern als "dumm", "knalldumm" und "galaktodumm".

Franziska Giffey wirft Greta in der "Bild"-Zeitung vor, ihre Doktorarbeit schlampig verfasst zu haben. Sigmar Gabriel wirft Giffey vor, ständig unaufgefordert über die Medien Politik zu machen. Sie solle sich lieber darum kümmern, dass die SPD endlich wieder von einer starken Hand geführt werde.

Bei "Maischberger", im "Focus" und im eilig produzierten "Brennpunkt" beschwert sich Hans-Georg Maaßen zunächst, dass kluge, konservative Stimmen wie seine aus der Öffentlichkeit verbannt würden. Dann beschuldigt Maaßen Greta der Hetze gegen Andersdieselnde. Als Experte für links- und öko-extremistische Codes erkenne er in der Kerze die Aufforderung, Autofahrer anzuzünden. Weil eine sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Gretas Tweet gelikt hat, empfiehlt er dringend die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses gegen "linksradikale Kräfte in der SPD". Die Morddrohungen der "Atomwaffendivision" gegen Greta bezeichnet er als "verständliche, trotz des etwas schärferen Tones teilweise sogar gerechtfertigte, zutiefst bürgerliche Unmutsbekundungen". Der Name zeige ja schon, dass es sich um Witzbolde handele. Er wisse aus zuverlässiger Quelle, dass die Gruppierung gar nicht über Atomwaffen verfüge und auch die Division allenfalls rudimentär beherrsche.

Die Grünen danken Greta für ihr bisheriges, eindeutig von den Grünen inspiriertes Klimaengagement, aber tadeln sie für ihre "beschämende Baumfeindlichkeit". Die jährliche Rodung der Weihnachtsbäume gehöre als "institutionalisierter Baummassenmord" zu den schlimmsten menschengemachten Naturkatastrophen. Als Alternative zum klassischen Weihnachtsbaum empfiehlt die Partei das mit einer Energiesparbirne beleuchtete Foto einer Zwergfichte von 1987 oder den temporären Familienumzug per S-Bahn in einen emissionsarmen Nadelwald.

Die konservative Tageszeitung "Die Welt" recherchiert, dass Gretas Kerze entweder aus Bienenwachs und damit nicht vegan, wahrscheinlich aber eher aus Stearin ist. In einem furios ausgeruhten, hoch emotionalen Erklärstück legt die "Welt" dar, dass Stearin aus Palmöl hergestellt wird und beschuldigt Greta, quasi eigenhändig Orang-Utans ermordet zu haben. Mit einer so aufwendigen wie bunten Statistik beweist die "Welt" der Welt und vor allem sich selbst, dass das Menschenaffentötungsäquivalent einer einzigen schwedischen Palmölkerze rund 200 Runden auf dem Hockenheimring mit einem Porsche 911 ohne Katalysator entspricht.

Präsident Trump versucht, Gretas Tweet zu lesen, wird nach der Hälfte aber abgelenkt und nennt Greta deshalb "lügende Gotteslästerin". Dann lässt er den Mond in den schwedischen Nationalfarben anstrahlen und zur Warnung sprengen. Sigmar Gabriel sieht in der nicht von der SPD verhinderten Mondsprengung ein Zeichen, dass die Partei endlich wieder eine starke Hand brauche.

Ein hahnfrisuriger Kolumnist liest sich minutenlang auf Wikipedia in die Klimathematik ein und tourt anschließend durch zwölf Talkshows, um Rentnern mit beinahe korrekt verwendeten Fremdwörtern und halbverstandenen Studien zu erklären, wie man mithilfe von Tinder das Klima retten kann.

2000 pensionierte Physiklehrer rechnen in der "Bild"-Zeitung vor, dass allein Gretas Foto der Kerze mehr Energie gekostet hat als der Autostandort Deutschland in den vergangenen zwölf Jahren zusammen. Als auf Twitter jemand einen Rechenfehler zugunsten der Automobilindustrie um den Faktor 100 Milliarden nachweist, ätzt "Bild"-Chefredakteur Reichelt im Duett mit Sigmar Gabriel gegen die auto-, industrie- und wohlstandsfeindlichen Neidsozialisten auf Twitter und schreibt eine Brandrede gegen die bevorstehende Nordkoreanisierung Deutschlands.

Die sachsen-anhaltische CDU bietet Greta aus "Dankbarkeit für ihren christlichen Tweet" einen Kreisvorsitz sowie die Reichsbürgerschaft an. Bedingung: Sie solle sich von ihren Klimaflausen verabschieden und sich dem wichtigeren Thema der "Reinhaltung der rassischen Volksgesundheit" widmen. Der Klimawandel sei ohnehin nur die Folge der immer schwärzer werdenden Sonne. Nach einem riesigen Aufschrei entschuldigt sich der Landesparteivorstand für die Wortwahl: Der Begriff "Klimawandel" könne ohne Anführungszeichen als linksradikale Verschwörungstheorie missverstanden werden.

DER SPIEGEL widmet Gretas Weihnachtstweet eine 70-seitige Titelgeschichte und fragt launig-besorgt, ob in Gretas Familie eigentlich klimaneutrale, vegane, regionale, saisonale, biologisch angebaute, grundwasserschonende, von Hand gepflückte, cholesterinarme Speisen auf den Festtagstisch kommen. Im dazugehörigen Interview sagt Sigmar Gabriel, die SPD dürfe die träumerisch überzogenen Forderungen einer Klimaminderheit nicht höher bewerten als seine glänzenden Leistungen als ehemaliger SPD-Vorsitzender. Verschmitzt spricht er davon, in seinem Landesverband lange "Klimavizekanzler der Herzen" genannt worden zu sein.

Dieter Nuhr macht in seiner Weihnachtsshow in Kiel einen Witz, den man als Leugnung der Existenz von Greta verstehen könnte. Die Lokalzeitung "Kieler Nachrichten" berichtet, dass Dieter Nuhr "in gewisser Weise zur sofortigen Ermordung Gretas, ihrer Familie und ihrer zwei Hunde samt der ethnischen Säuberung Schwedens" aufgerufen habe. Die Bewegung Extinction Rebellion kündigt daraufhin mit ihrer einzigartigen historischen Sensibilität eine Verbrennung von Nuhrs Büchern auf dem Berliner Schlossplatz an. Um auf der Zielgeraden nicht den Titel der geschichtsvergessensten Aktion des Jahres zu gefährden, pachtet das Zentrum für Politische Schönheit den Schlossplatz für fünf Jahre und errichtet dort ein Mahnmal für die eigene Bescheidenheit, nämlich einen 100 Meter hohen Metallmonolithen aus Gusseisen.

Bereits am ersten Weihnachtsfeiertag twittert Greta erneut und tut auf verstörende Weise so, als hätte sie gar nicht mitbekommen, dass die deutsche Öffentlichkeit zwischenzeitlich explodierte. 

Merkel schweigt.



https://www.spiegel.de/netzwelt/web/greta-thunberg-twittert-advent-advent-das-internet-brennt-a-1301876.html#ref=rss

Heimreise einzelner Teilnehmerin offenbar wichtiger als eigentliche Klimakonferenz

Madrid, Göttingen (dpo) - Die exakten Umstände der Heimreise einer einzelnen Teilnehmerin sind offenbar deutlich wichtiger als eine internationale Klimakonferenz mit rund 26.000 Beteiligten aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Das ist das Ergebnis einer Auswertung deutscher Medien und sozialer Netzwerke.

"Nach dreizehneinhalb Tagen zäher Verhandlungen zwischen 200 Staaten über das Schicksal unseres Planeten muss man jetzt definitiv vor allem darüber diskutieren, wie eine einzelne 16-jährige Teilnehmerin dieser Konferenz nach Hause fährt, womit sie nach Hause fährt und ob sie ihre Heimreise auf Twitter inhaltlich korrekt und vollumfänglich abgebildet hat", erklärt Medienforscher Horst Cadolzberg. "Das ist vernünftig und der Situation angemessen."

Inzwischen gibt es auch erste Umfragen zu den Prioritäten der Deutschen angesichts der drohenden Klimakatastrophe nach dem Klimagipfel: Demnach halten es 81 Prozent der Bürger für die vorderste Pflicht, zu klären, ob Greta Thunberg ihren Sitzplatz in der ersten Klasse bereits ab Kassel oder erst ab Göttingen einnahm. 74 Prozent sehen es kritisch, dass Greta offenbar eine Schokoladentafel der Deutschen Bahn mit dem Aufdruck "Lieblingsgast" entgegennahm. 71 Prozent wollen, dass der Frage nachgegangen wird, woher das viele Gepäck kommt, neben dem die Klimaaktivistin zu sehen ist.

Das Ergebnis des Klimagipfels konnten allerdings nur 3 Prozent einigermaßen genau benennen.

Die ARD kündigte außerdem einen Brennpunkt direkt im Anschluss an die Tagesschau an, der die gesamte Reise von Greta Thunberg mit Hilfe von Verkehrsexperten minutiös analysiert. Die nachfolgenden Sendungen verzögern sich um 60 bis 180 Minuten.

fed, ssi, dan; Foto: Greta Thunberg / Imago



http://www.der-postillon.com/2019/12/greta-bahn.html