Die ehemaligen Zukünftigen des ehemaligen Nachrichtenmagazins

Claas Relotius: "Spiegel"-Chefs lassen ihre Verträge ruhen

Der "Spiegel" zieht personelle Konsequenzen aus dem Fall Relotius: Die neuen Verträge von Ullrich Fichtner und Matthias Geyer werden zunächst ausgesetzt.

Als Folge aus dem Fall der gefälschten Reportagen von Spiegel-Redakteur Claas Relotius werden Chefredakteur Ullrich Fichtner und Ressortleiter und designierter Blattmacher Matthias Geyer ihre Verträge ruhen lassen. Das schrieb der designierte Chefredakteur Steffen Klusmann an diesem Freitagabend seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einer E-Mail, die ZEIT ONLINE in Auszügen vorliegt. 

"Der Fall Relotius hat bei einigen die Frage aufgeworfen, ob Ullrich Fichtner als Chefredakteur und Matthias Geyer als Blattmacher nach einem solchen Desaster eigentlich noch tragbar sind", schreibt Klusmann. "Der eine hat Claas Relotius für den SPIEGEL entdeckt, der andere hat ihn fest angestellt und bis zuletzt geführt. So mancher hat mir geraten, das Gesellschaftsressort bei der Gelegenheit gleich ganz aufzulösen."

Dazu würde er gerne ein paar Sätze loswerden, schreibt Klusmann. Das Gesellschaftsressort gehöre für ihn zum Spiegel und schmücke ihn, man könne jedoch über andere Formate nachdenken. "Niemand zwingt uns, dort ausschließlich 5- bis 7-seitige Reportagen zu drucken."

Fall Relotius "zu groß und zu gefährlich"

Fichtner und Geyer hätten ihm beide angeboten, ihre Posten zur Verfügung zu stellen, falls er das für nötig erachte. "Ich finde allerdings, Verantwortung sollte man dann übernehmen, wenn man sich etwas vorzuwerfen hat", schreibt Klusmann. Fichtner habe die Bedenken von Juan Moreno ernst genommen "und er hat in seinem Stück zu dem Fall die Hosen runtergelassen. Auch wenn es unterschiedliche Meinungen über das angemessene Format des Textes gibt – es war ein erster und entscheidender Beitrag zur Aufklärung".

Klusmann wolle den Fall Relotius jedoch nicht leichtfertig abtun, "dafür ist er zu groß und zu gefährlich". Und er sei noch lange nicht ausgestanden. "Ich habe daher mit Matthias und Ullrich verabredet, dass wir ihre neuen Verträge erstmal aussetzen und ruhen lassen, bis die Kommission den Fall abschließend untersucht hat. Solange würde ich zwei erfahrene Kollegen bitten, als Blattmacher beim Heft auszuhelfen, damit nichts anbrennt."

Der 33-jährige Claas Relotius hatte zugegeben, als Spiegel-Redakteur jahrelang Reportagen in Teilen oder im Ganzen erfunden zu haben. Der Fall hat eine Debatte über das Genre der Reportage ausgelöst.

Claas Relotius hat in der Zeit von 2010 bis 2012 auch vier Texte für ZEIT ONLINE, einen Artikel für ZEIT WISSEN sowie eine Rezension in unserem Blog Tonträger geschrieben. Die Redaktionen überprüfen derzeit diese Beiträge. Unseren bisherigen Wissensstand dazu finden Sie in unserem Transparenz-Blog Glashaus.

Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-12/claas-relotius-spiegel-chefredakteure-lassen-vertraege-ruhen

(via Mr. Reader)

Siehe auch hier.

Journalismus-Skandal

Journalismus-Skandal

Geheime Tagebücher eines Starreporters geleakt

Viel ist in den letzten Tagen geschrieben worden über den Fall Relotius und den Verfall des Journalismus, auch hier auf unserer Plattform. Wenn Reportagen zu kitschigen Rührstücken verkommen, wird aber oft eines vergessen: der Mensch im Hintergrund. Wer sind diese Journalisten, die sich mühsam rührselige Geschichten ausdenken, um uns zu erfreuen? Wie ergeht es ihnen, was treibt sie um? Wir lechzen nach einer empathischen, authentischen Innensicht, mit der die menschliche Dimension hinter der Zuckerguss-Fassade zum Vorschein kommt.

Unseren Reportern ist es gelungen, an die geheimen Tagebücher einer sogenannten Edelfeder zu gelangen, die erstaunliche Einsichten zutage fördert. Der Whistleblower, der diese Dokumente geleakt hat, möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, wir nennen ihn daher "C.R.". Das R steht für "reliable".

15.03.2007

Liebes Tagebuch,

Mama sagt, jetzt, wo ich bald 30 werde, soll ich weniger Schundromane lesen und endlich etwas aus meinem Leben machen. Werde ich halt auch Romanautor. Ideen hab ich ja genug.

20.06.2008
Liebes Tagebuch,

der Suhrkamp-Verlag hat meinen Romanentwurf mit dem Kommentar "kitschtriefende, bollywoodeske Schmonzette, von welcher man Brechdurchfall bekommt" abgelehnt. Egal, mache ich daraus eben eine Reportage über einen erzkatholischen Waffennarren aus Bochum mit Erektionsstörungen und Mutterkomplex, welcher davon träumt, einmal in seinem Leben das noch schlagende Herz eines Büffels essen zu können. Vielleicht nimmt sie ja wer.

03.12.2008

Liebes Tagebuch,

meine Reportage über den Waffennarren ist als "Paradebeispiel für die kongeniale Verquickung sprachlicher Präzision, empathischer Feinfühligkeit und knallharter Recherchearbeit" zur Reportage des Jahre gekürt worden. Alle großen Zeitungen reißen sich um mich. Nimm das, Suhrkamp!

13.01.2009
Liebes Tagebuch,

habe heute das Wochenend-Sudoku der New York Times gelöst. Werde mich fortan als deren freier Mitarbeiter ausweisen. Macht sich immer gut im Lebenslauf.

26.05.2009
Liebes Tagebuch,

habe heute eine E-Mail an die Rechercheabteilung beim Spiegel geschickt. Kurze Zeit später kam eine automatische Antwort mit dem Text "Wir befinden uns im Weihnachtsurlaub. Ihre Anfrage werden wir nach dem 7. Januar 1996 bearbeiten" zurück. Irgendwie seltsam, oder?

11.07.2010
Liebes Tagebuch,

bin den ganzen Tag vor dem Fernseher auf der Couch gelegen und hatte wieder schlimme Blähungen von den Tomaten im Ketchup. Werde dieses Erlebnis zu einer rührseligen Geschichte über illegale Tomatenpflücker auf Sardinien ausbauen. Vielleicht zahlen sie mir auch eine Recherchereise. Der Urlaub wird mir guttun.

17.02.2012
Liebes Tagebuch,

habe heute mit einer Hausfrau über ihr bestes Gulaschrezept gesprochen. Fände es aber besser, wenn sie der Boss eines mexikanischer Drogenkartells mit einem Faible für sinnlose Gewalt und Andrea Bocelli wäre. Naja, zwei mal drei ergibt ja auch vier.

19.08.2012

Liebes Tagebuch,

ich soll irgend so ein Kaff in Ohio besuchen, um herauszufinden, warum sich die Amerikaner jetzt gegen Obama wenden. Naja, warum wohl, ein demokratisches Wahlsystem und eine Bevölkerung mit dem IQ eines Rosettenmeerschweinchens sind nun mal selten eine gute Kombination. In den Köpfen von Beallsville sieht es sicher genau so flach und bewölkt aus wie auf den Kornfeldern. Sowas will doch keiner lesen, das bekomme ich mit Streetview und einem Telefonbuch garantiert viel besser hin! Die Menschen werden es mir danken!

26.11.2013
Liebes Tagebuch,

habe gestern mit Tom Kummer telefoniert. Er nennt sich jetzt Tabea Khoraly und schreibt als Palastinsiderin über die geheime Dreiecksbeziehung zwischen Boris Becker, Helene Fischer und Prinz Hakon von Norwegen. Dass ich nicht selbst draufgekommen bin! Werde gleich mit Michael Schumacher ein Interview über diese Affäre führen.

13.03.2014

Liebes Tagebuch,

bin heute in der Badewanne eingeschlafen. Werde daraus eine Geschichte über rituelles Waterboarding in lettischen Kindertagesstätten in den 1970ern stricken. Wahrscheinlich war es ja auch so. Den verdammten Russen ist schließlich alles zuzutrauen!

23.09.2014

Liebes Tagebuch,

meine Freundin hat sich endlich ihre Nase machen lassen. Beim Besuch in der Klinik habe ich eine asiatisch aussehende Frau gesehen, welche gerade frisch aus dem OP gekommen war. Habe sie heimlich fotografiert. Werde sie Kim Song Fun nennen, die illegitime Halbschwester des nordkoreanischen Führers, die vom Geheimdienst entführt und gefoltert wurde und nur mithilfe eines transsexuellen Opernsängers ihren sadistischen Peiniger entrinnen konnte. Er hat einfach so lange Puccinis "Nessun dorma" gesungen, bis auch der letzte Wärter eingeschlafen war. Ein bewegendes Lehrstück über den langen Arm des Regimes und die alles überwindende Kraft der italienischen Oper. Und irgendwie scheinen meine Geschichten besser anzukommen, wenn Gesang darin vorkommt.

26.06.2015

Liebes Tagebuch,

Ich hatte ja letztes Jahr aus einem Passfoto von der jungen Angela Merkel eine Reportage um eine in den 1960er Jahren in der Ukraine geborene Punkrockerin gestrickt. In der Story füllt die gute Frau zwar immer noch Konzerthallen in Aserbaidschan, trauert aber insgeheim doch jeden Abend um Stalin. Habe heute für die "literarische Wucht des schonungslosen Dokumentarstils" den Georg-Büchner-Preis bekommen.

Wie laut muss ein Hilferuf eigentlich sein?

10.03.2016

Liebes Tagebuch,

bin in Damaskus. Also im Hotel Damaskus auf Hawaii. Meine Redaktion wollte mich doch ernsthaft nach Syrien schicken. Wusstest du, dass dort Krieg ist??? Ich schreibe nun eine achtteilige Serie aus Damaskus. "Assads Kartenhaus" wird sie heißen. Als erstes rechne ich mit dem Oberkellner ab, das Frühstücksei heute Morgen war viel zu hart. Er wird als der Kastrator von Homs in die Journalismusgeschichte eingehen. Kann den Applaus der nächsten Laudatio schon hören. Aber erst noch kurz an den Strand. Das Leben ist schön.

17.08.2016
Liebes Tagebuch,
habe mich neulich verklickt und einen Artikel abgegeben, in welchem über der Bildunterschrift "Abdullah Al Islam, Schlächter von Idlib" ein Bild eines niedlichen Häsleins eingefügt war. Den Peter-Scholl-Latour-Preis gab‘s aber zum Glück trotzdem.

22.10.2016
Liebes Tagebuch,

Heute ist gar nichts, aber auch gar nichts von Relevanz passiert. Werde daher eine rührselige Geschichte über eine Gruppe von Kindersoldaten aus dem Kongo schreiben, welche von der Flucht nach Deutschland und einem gut bezahlten Job an der Kasse einer LIDL-Filiale in Bad Kreuznach träumen. Kinder ziehen sowieso immer, Migration gerade auch.

12.01.2017
Liebes Tagebuch,

habe dem Spiegel heute eine rührselige Reportage über zwei jemenitische Kindersoldaten in den Händen des abscheulichen und menschenverachtenden Isländischen Staates geschickt. Sie haben sie gleich abgedruckt. Bin stolz auf mich.

04.03.2017

Liebes Tagebuch,

die Story über den terroristischen Isländischen Staat ist so gut angekommen, dass ich gleich eine Folgereportage schreiben soll. Das trifft sich gut, ich habe sowieso schon seit einiger Zeit so ein Ziehen in der rechten Schulter. Ein paar Bäder in den heißen Quellen werden mir guttun. Ganz nebenbei werde ich aufdecken, dass es diesen angeblichen Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen gar nicht gibt, und der Flugverkehr in Wahrheit von Mikroschallwellenexperimenten der wahnsinnigen Elektrosound-Terroristin Björk lahmgelegt wurde. Damit rechnet niemand. Die Kollegen werden vor Neid platzen.

09.08.2017

Liebes Tagebuch,
hast du gewusst, dass Björk wirklich wahnsinnig ist? Ich auch nicht! Wer hätte das denn ahnen können! Sie verfolgt mich jetzt seit zwei Wochen auf Schritt und Tritt. Gestern sprang sie im LIDL hinter einem Regal hervor, breitete ihre Arme aus und imitierte das knisternde Geräusch von Elektrizität. Natürlich sind keine Blitze aus ihren Händen geschossen, und es hat auch nicht gedonnert. Ich habe sie mit meinem Einkaufswagen in die Müslistraße geschoben und bin einfach weitergegangen.

Werde daraus eine rührselige Geschichte über von Chemtrails ausgelöste extreme Wetterphänomene stricken, welche einen Kleinbauern in Minnesota um den seit Generationen im Familienbesitz befindlichen Hof bringen.

03.12.2018
Liebes Tagebuch,

habe leider erst im letzten Moment bemerkt, dass Elon Musks Palast auf dem Mars noch gar nicht fertig ist. Egal, verkaufe ich dem Spiegel eben eine rührselige Reportage über einen einsamen Wehrmachtssoldaten, der seit 1943 ganz alleine im geheimen Kommandobunker auf der dunklen Seite des Mondes ausharrt und auf die Ankunft der Reichsflugscheibe mit dem Führer an Bord wartet. Henri Nannen wäre stolz auf mich.

23.12.2018

Liebes Tagebuch,

Tom Kummer hatte recht, es geht doch nichts über ein gutes Pseudonym. Habe mich als mein eigener Kollege ausgegeben und mich selbst öffentlichkeitswirksam in die Pfanne gehauen. Meine Journalistenkarriere liegt jetzt definitiv hinter mir. Wollte schon länger aus dem Hamsterrad raus. Werde mich jetzt auf meinem Landgut zur Ruhe setzen und nur noch Ghostwriting betreiben und eventuell ein paar Landkrimis schreiben. Mein erster Auftrag steht schon fest. Ich soll die Autobiographie eines arabischen Prinzen verfassen. Ich habe schon die Bilder im Kopf: sein Vater, die Ölfelder, die Rennpferde, die Reitpeitsche, eine gebrochene Kinderseele. Sein humanistisches Engagement gegen alle äußeren und inneren Widerstände. Die geifernde Hetze der ausländischen Presse. Und dann Fatima, die wieder das Licht in seine erloschenen Augen bringt. Zweitverwertung als Netflix-Serie nicht ausgeschlossen. Ich freu mich.

(Selma Mahlknecht, Simon Raffeiner)

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Journalismus-Skandal-4259069.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom

(via Mr. Reader)

Muss die Ukraine-Berichterstattung neu geschrieben werden? #SpiegelGate

Wie der Journalist Claas Relotius aus der Ukraine "berichtete"

Die von ihm gefeierte Polizeireform ist gescheitert, Menschenrechtsgruppen werfen Kiew antidemokratische Praktiken und das Betreiben von Geheimgefängnissen vor

In einer herzzerreißenden Geschichte hat der preisgekrönte Reporter Claas Relotius, der über Jahre für den Spiegel und andere bekannte Medien Reportagen schrieb, über die Polizeireform in der Ukraine berichtet. In der Reportage erzählt Relotius, wie er in Kiew zwei junge Mitarbeiter der neuen ukrainischen Polizei begleitet. Der Artikel legt nahe, dass sich in der Ukraine nun alles zum Besseren wendet, weil patriotische junge Leute mit der Korruption nun Schluss machen wollen. Das passte ins vorherrschende Narrativ und kam wahrscheinlich deswegen gut und ungeprüft an.

Die im Juni 2016 im Schweizer Internet-Portal "Reportagen" veröffentlichte Geschichte ist immer noch online. Die Redaktion von "Reportagen" teilte mit, man werden den Text - wie auch die vier andere Geschichten, die Relotius für "Reportagen" schrieb - "nachträglich noch einmal einem umfangreichen Faktencheck unterziehen und darüber informieren".

Andacht vor dem Denkmal für die Gestorbenen

Der Reporter aus Hamburg beschreibt, wie Dimitri (26) und Valerya (27) ihren Dienst bei der Polizei mit einer Andacht vor einem Denkmal für die auf dem Maidan getöteten Demonstranten beginnen. Dabei bekreuzigen sie sich und "skandieren den Kampfruf der Revolution: 'Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!'"

Dimitri wollte eigentlich Architekt und Valerya Anwältin werden. Aber sie schmissen das Studium, weil sie das geforderte Schmiergeld für das Uni-Examen in Höhe von 800 Euro nicht zahlen konnten, erzählt der Star-Reporter. Woher er seine Informationen über die beiden Ukrainer hat - aus einem persönlichen Gespräch oder aus einer Internet-Recherche und etwas Phantasie -, verrät er nicht.

Als dann im Dezember 2013 der Maidan-Protest im Zentrum von Kiew begann, waren nach der Schilderung des Reporters Dimitri und Valerya mit dabei. "Sie bauten Barrikaden aus Eisenstangen und Holz, warfen Steine auf die Uniformierten und harrten nächtelang in beissender Kälte."

Nach dem Sieg des Maidan gehörten - so die Schilderung des Reporters - Dimitri und Valerya zu den 2000 jungen Polizisten, welche die ehemalige Innenministerin von Georgien, Ekaterina Zguladze, für die neue ukrainische Polizei in elfwöchigen Kursen ausbilden ließ. Die Georgierin Zguladze wurde von Präsident Poroschenkoim Dezember 2014 zur neuen Vize-Innenministerin der Ukraine ernannt, zuvor hatte sie bereits die ukrainische Staatsbürgerschaft erhalten. Im Mai 2016 trat sie zurück, gab ihre Staatsbürgerschaft auf und ging wieder nach Georgien.

Als Dmitri und Valerya dann zu Dienstbeginn ihre Andacht an dem Denkmal für die getöteten Demonstranten halten, erinnern sie - so der Reporter - "die Schreie ihrer Freunde und den Geruch der Leichen, nichts haben sie vergessen". Geruch der Leichen? Das scheint mir ausgedacht, wurden doch die Toten innerhalb von Stunden weggebracht.

"Von Armeepanzern überrollt"

Doch es gibt noch mehr solcher Ungereimtheiten. Relotius erwähnt eine "zerstörte Mauer, vor der Dutzende zu Boden sanken, von Scharfschützen ermordet, von Armeepanzern überrollt". Auf dem Maidan waren aber gar keine Armee-Panzer im Einsatz. Es gab nur gepanzerte Mannschaftstransportwagen, die von den Demonstranten aber in Brand gesetzt wurden.

Und dass die Scharfschützen im Auftrag von Präsident Viktor Janukowitsch schossen, ist umstritten. Mit keinem Wort erwähnt der Journalist, dass schon 2014 ARD- und BBC-Reporter die These von den Scharfschützen des Präsidenten Janukowitsch anzweifelten und es bis heute den Verdacht gibt, dass die Anführer des Maidan selbst Scharfschützen einsetzten, damit ein Staatsstreich moralisch begründet erschien.

Präsident Janukowitsch und seine "goldenen Badewannen"

Den gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, der seine Unterschrift unter den EU-Assoziationsvertrag verweigerte, beschreibt Relotius als einen Mann, der in seinem nördlich von Kiew gelegenen Palast Meschigorje "wie ein Pharao" lebte, umgeben von "Treppengeländern und Badewannen aus purem Gold". Faktentreue sieht anders aus. In dem Palast fand man zwar ein Brot aus Gold aber weder Badewannen noch Toiletten aus diesem Edelmetall (Fotos aus dem Palast).

Der Text des Geschichten-Erzählers aus Hamburg klingt, als sei er von Präsident Petro Poroschenko persönlich in Auftrag gegeben worden. Die Erzählung handelt von einer Ukraine, die sich mit Hilfe junger Idealisten, wie Dimitri und Valerya und einer in den USA ausgebildeten ehemaligen georgischen Innenministerin von der Korruption reinigt und ganz klar auf dem Weg zur Demokratie ist. "Was nach einem naiven Experiment, nach der Idee einer Anfängerin (der Innenministerin aus Georgien, U.H.) klang, funktionierte. Die Korruptionsrate sank, das Vertrauen der Bürger wuchs, ein kaputter Staat erholte sich wie ein Patient von einer langen schweren Krankheit."

Die Sätze sind stilsicher formuliert, doch es fehlen Belege. Der Star-Reporter verzichtet auf Zahlen zur Entwicklung der Korruption nach dem Maidan und Zitate ukrainischer Amtsträger, welche ein Sinken der Korruption belegen könnten.

Polizeireform diente auch politischer Säuberung

Was der Reporter völlig verschwieg, war, dass die Polizeireform in der Ukraine nicht nur die Korruption ausmerzen sollte. Es ging auch um eine politische Säuberung der "Militsia", wie die ukrainische Polizei bis zum Juli 2015 hieß.

Wie der ukrainische Innenminister Sergej Tschebotar Ende Juni 2014 erklärte, wurden 17.000 Polizisten entlassen. Das gemäßigt kritische ukrainische Internet-Portal Obozrevatel berichtete am 7. Januar 2015, dass 500 Mitarbeiter der Hauptverwaltung des Innenministeriums im ostukrainischen Gebiet Charkow entlassen wurden, weil sie sich weigerten, an der "antiterroristischen Operation" gegen die Separatisten in Donezk und Lugansk teilzunehmen. Ähnliche Berichte gibt es aus anderen Städten.

Nur jeder fünfte Ukrainer vertraut der Polizei

Was ist nun aus der von dem Star-Journalisten in höchsten Tönen, ohne Abstand und Reflexion beschriebenen Polizeireform geworden? Anfang November 2018 titelte das gemäßigt kritische Kiewer Internetportal Obrazovatel: "Die Polizeireform in der Ukraine ist gescheitert". Obwohl das Budget des Innenministeriums von 1,7 Milliarden Euro im Jahre 2017 auf zwei Milliarden Euro im Jahre 2018 stieg, vertraut der Polizei - nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Rosumkowa im Dezember 2017 - nur jeder fünfte Ukrainer.

Die Korruption habe sich durch die Polizeireform nicht verringert. Das Hauptursache sei - so das Portal "Obrazovatel" - das niedrige Einkommen der Polizeibeamten. Das Anfangsgehalt im ukrainischen Polizeidienst beträgt monatlich 253 Euro.

"Tag der Polizei" - Schrecken für vier Kiewerinnen

Unter der Willkür von Polizeibeamten leiden immer noch Bürger. Den 20. Dezember 2018 werden vier Frauen aus Kiew nie vergessen. Sie wurden in der U-Bahn von Kiew von Polizisten mit auf die Wache genommen und gezwungen sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Die Polizisten feierten den "Tag der Polizei" und waren angetrunken, berichtete ein Anwalt der betroffenen Frauen.

Als die Opfer Zudringlichkeiten abwiesen, wurden sie mit Gummiknüppeln geschlagen. Die beiden Schwangeren unter den Opfern fürchten nun Frühgeburten. Der betrunkene Leiter der Kriminalpolizei habe eine Schwangere mit dem Gummiknüppel auf den Bauch und die Beine geschlagen. Dabei soll er gesagt haben, er werde "in der U-Bahn für Ordnung sorgen".

Polizisten machen nicht nur wegen Willkür von sich reden. Immer wieder kommt es in der Ukraine auch zu bestialischen Morden, die nicht aufgeklärt werden, weil offenbar kriminelle Netzwerke zwischen Polizisten und Staatsanwälten dies verhindern.

Am 4. November 2018 verstarb die anti-russische Aktivistin Jekaterina Gandsjuk, nachdem vermutlich zwei Nationalisten, die in der Ost-Ukraine gekämpft hatten, Schwefelsäure über sie ausgekippt hatten.

Am 1. Januar 2018 wurde die Rechtsanwältin Irina Nosdrowskaja tot in einem Fluss gefunden. Ihre Halsschlagader war durchtrennt. Die Anwältin hatte versucht, den Tod ihrer Schwester aufzuklären. Diese war von einem angetrunkenen Verwandten eines Richters mit dem Auto angefahren und getötet worden (Empörung über verfaultes Justizsystem)

Human Rights Watch kritisiert "antidemokratische Praktiken"

In einem Länderbericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, der am 18. Januar 2018 veröffentlicht wurde, werden gegen die Regierung in Kiew schwere Vorwürfe erhoben. "Die Regierung wendet offen antidemokratische Praktiken an und initiiert neue Gesetze, welche die wichtigsten Freiheiten in der Ukraine bedrohen", erklärte Tanya Cooper, Ukraine-Beauftragte von Human Rights Watch.

Im Juli 2018 erreichten Human Rights Watch und Amnesty International immerhin die Freilassung von 13 Häftlingen aus einem Geheimgefängnis in der Ostukraine. Trotz zahlreicher und überzeugender Dokumente über das Verschwinden von Oppositionellen und die Existenz von Geheimgefängnissen, weigere sich der ukrainische Geheimdienst SBU, derartige Praktiken einzugestehen. Niemand sei für Folter und das Verschwinden von Oppositionellen zur Rechenschaft gezogen worden, kritisiert Human Rights Watch.

Vertretern des UN-Komitees zur Verhinderung von Folter wurde der Zugang zu einem Geheimgefängnis im ostukrainischen Charkow erst gestattet, nachdem es geräumt und Spuren verwischt worden waren.

Ob Claas Relotius einen Blick in die Berichte der Menschenrechtsorganisationen geworfen hat, die im Internet in englischer Sprache einsehbar sind, muss man bezweifeln. Seine Reportage war nichts weiter als PR für die ukrainische Regierung. Die nächsten Tage werden zeigen, ob die großen deutschen Medien sich zu der Ukraine-Reportage des Star-Journalisten aus Hamburg äußern oder ob sie das Thema lieber ruhen lassen werden, da sie sonst auch ihre eigenen Ukraine-Berichte kritisch überprüfen müssten. (Ulrich Heyden)

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Wie-der-Journalist-Claas-Relotius-aus-der-Ukraine-berichtete-4259186.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom

(via Mr. Reader)