Für eine Narrenrede auf Kosten von Intersexuellen hat die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer in den sozialen Medien und von Teilen der Opposition heftige Kritik geerntet. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sprach auf Twitter von einem “Trauerspiel”. Der grüne Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann forderte am Sonntag in einem Offenen Brief von Kramp-Karrenbauer eine Entschuldigung.
Die CDU-Chefin war am Donnerstag vor das sogenannte “Stockacher Narrengericht” geladen worden. In bester südwestdeutscher Karnevalsmanier müssen die “Angeklagten” zuerst Hohn und Spott über sich ergehen lassen, bevor sie dann die Möglichkeit bekommen, sich zu verteidigen. Auch Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Malu Dreyer, Winfried Kretschmann, Andrea Nahles und Philipp Rösler standen schon vor dem altehrwürdigen Narrengericht.
Und so musste auch AKK als “Angeklagte” erst einmal eine Reihe von Witzen über sich ergehen lassen. Als sie dann schließlich an der Reihe war, feuerte die 56-Jährige zurück. Und kritisierte eben jenes Narrengericht, das seit der Gründung vor 668 Jahren aus 20 Männern besteht. Frauen: Fehlanzeige.
Anschließend richtete die CDU-Chefin ihre Kritik aber gegen Berlin und den modernen Mann: “Guckt euch doch mal die Männer von heute an”, so AKK. “Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin, da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen?” Abgesehen davon, dass in AKKs Berlin-Bild mit Hipness gleichzusetzende Heißgetränk seit Jahren aus der Mode geraten ist, wurde zwar in Berlin über die Einführung von Toiletten für das dritte Geschlecht diskutiert. Konkrete Pläne hingegen liegen aktuell aber nur für Bayern vor.
Frau mit Doppelnamen beweist, dass es noch ein Karnevalsniveau unter Doppelnamen-Witzen gibt. Tädää! Tädää!#AKK #Steltergate via @queer_de pic.twitter.com/BPB88maJLE
— extra3 (@extra3) March 2, 2019
Das hielt die Politikerin aber nicht davon ab, sich über Intersexuelle lustig zu machen: “Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.” Nanu, stand da plötzlich Mario Barth im AKK-Kostüm auf der Bühne?
Kramp Karrenbauer heute im Karneval:"Guckt Euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von Euch vor Kurzem mal…
Gepostet von Johannes Kram am Samstag, 2. März 2019
Reaktionen aus Berlin ließen überraschend lange auf sich warten. Denn obwohl die Sendung bereits am 28. Februar zur Prime-Time im SWR ausgestrahlt wurde, machte zuerst der “Nollendorf”-Blogger Johannes Kram in einem Facebook-Beitrag darauf aufmerksam. Erst im Anschluss schien die Empörung zuzunehmen: Der Grünen-Politiker Sven Lehmann kritisierte in einem offenen Brief den fragwürdigen Auftritt der gebürtigen Saarländerin.
Dass Karneval sei, mache die Sache keineswegs besser: “Im Gegenteil: Denn Fasching und Karneval sind Feste der Toleranz und Lebensfreude; Feste, bei denen alle Menschen zusammen kommen können, um friedlich und unter Gleichen miteinander zu feiern.” Anscheinend glaube Kramp-Karrenbauer, eine Stimmung bedienen zu müssen, “die nicht ohne billige Kalauer auf Kosten gesellschaftlicher Minderheiten auskommt”. Solche Äußerungen würden nicht nur von Unkenntnis in der Sache zeugen, “sie sind diskriminierend und verächtlich machend”, schreibt Lehmann.
Gegenwind gab es dann am Sonntagnachmittag auch von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD): „Ein Karnevalsgag kann gut oder schlecht sein, komisch oder eher mäßig – aber auch hinter Humor steht immer eine Haltung“, schrieb er bei Twitter.
Ein Karnevalsgag kann gut oder schlecht sein, komisch oder eher mäßig – aber auch hinter Humor steht immer eine Haltung. Es ist ebenso irritierend wie bedauerlich, dass @akk offenbar in Diskriminierungsfragen eine dem Amt und der Funktion angemessene Haltung fehlt. #Karneval
— Der Regierende Bürgermeister von Berlin (@RegBerlin) March 3, 2019
Kramp-Karrenbauer fehle offenbar in Diskriminierungsfragen “eine dem Amt und der Funktion angemessene Haltung”. CDU-Vorsitzende “denunziere auf Stammtischniveau” Menschen, “die nicht der geltenden Machonorm entsprechen”, erklärte Berlins Kultursenator Lederer auf Twitter. Der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil erklärte gegenüber der Funke-Mediengruppe, dass ihre Äußerungen “absolut respektlos” seien.
Ja, es ist wirklich ein Trauerspiel. Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer. @CDU @cducsubt #Homophobie #lgbtqi https://t.co/L9q80lmNNz
— Klaus Lederer (@klauslederer) March 2, 2019
Reagiert auf die Kritik hat Kramp-Karrenbauer bislang nicht. Wohl auch, weil der Skandal ein Spätzünder war. Und dass, obwohl zuletzt der WDR nach Bernd Stelters “Doppelnamen-Gate” Teile aus einer Sendung entfernte. Kram fragt dazu im Bildblog:
Sind die Grenzen des Sagbaren mittlerweile so weit verrutscht, dass keiner der offensichtlich vielen anwesenden Journalistinnen und Journalisten so etwas für berichtenswert hält? Wie kann das selbst dem übertagenden Sender durch die Lappen gehen? Und wieso hat der SWR nicht spätestens nach der großen medialen Aufregung heute nachgelegt und wenigstens jetzt darüber etwas gemacht, wer da alles parteiübergreifend im Saal mitgejohlt hat?
So unsäglich die Aussagen der CDU-Chefin auch sein mögen: Verwundern dürften sie eigentlich nicht. So ist Kramp-Karrenbauer nicht nur gegen die Ehe für alle. Bereits 2015 hatte die Frau, die auf Merkel im Kanzleramt folgen könnte, die gleichgeschlechtliche Ehe in eine Reihe mit Polygamie und Inzest gestellt.
(dis)
Quelle: https://meedia.de/2019/03/04/akks-irritierende-witze-ueber-intersexuelle-empoerung-mit-verspaetung/
"Nie mehr CDU!", rufen die Gegner der geplanten EU-Urheberrechtsreform. Aber auch die SPD verbaut sich mit ihrer erbärmlichen Mutlosigkeit jede Chance auf die Stimmen der Generation YouTube.
"Die SPD ist die Mitmach-Partei!": Mit solchen Sprüchen versuchten die Sozialdemokraten eine Zeit lang, junge Leute für die Demokratie zu begeistern. Das passt ja auch in die superdigitale Zeit, weil: interaktiv und Internet.
Inzwischen haben die Sozialdemokraten dieses Ziel übererfüllt. Die SPD ist von der Mitmach-Partei zur Alles-Mitmach-Partei geworden. Man konnte das zuletzt an verschiedenen politischen Fronten beobachten, in der Abtreibungsdebatte, in Umweltdiskussionen und jetzt beim digitalen Streit um die EU-Urheberrechtsreform.
Und jedes Mal stellte sich das Gefühl ein: Die SPD ahnt, was nach ihren eigenen politischen Kriterien sinnvoll wäre. Aber sie handelt nicht danach, sondern versucht hinterher, einen absurden Kompromiss als politische Leistung zu verkaufen. Oder sie handelt gegen ihre Überzeugung, aber hebt lautstark ihr schlechtes Gewissen hervor. Beides ist unerträglich, auch als Juniorpartner einer Großen Koalition.
"Nie mehr CDU" singen und twittern derzeit die gegen Artikel 13 Protestierenden, die Union ist die treibende Kraft bei der schädlichen Urheberrechtsreform. Aber die SPD macht auf eine Weise mit, die ihr jede Chance auf die Stimmen der Generation YouTube verbaut.
Die SPD scheint nicht zu lernen
Die Weigerung der SPD-Führung, für den Menschen, die im Internet eine Heimat in der Jackentasche sehen, eine politische Stimme zu sein, verdient viel mehr Gegenwehr als sie gerade bekommt. Auch weil die SPD aus ihren Fehlern mit der digitalen Generation nicht zu lernen scheint. Seit zehn Jahren nicht, hier nur drei von dutzenden Beispielen:
Die Übersetzung dieses Tweets der Justizministerin lautet: Wir wissen, es ist irgendwie falsch, aber machen trotzdem mit, weil wir doch dran glauben wollen, dass es halbrichtig sein könnte, obwohl wir versucht haben, es anders hinzukriegen, aber das hat nicht geklappt, "trotz großer Bedenken", schade, schade, Schokolade, aber fair!
Wer das wirr und halbherzig nennt, redet Barleys Äußerung schön. Der Tweet wird noch absurder, wenn man weiß, dass ihr Justizministerium maßgeblich mitverhandelt hat und sie im Ministerrat hätte dagegen stimmen können, weil im Koalitionsvertrag steht, dass Uploadfilter abzulehnen sind.
Die Union sieht den Koalitionsvertrag offensichtlich als optional an und die SPD verweist nur darauf, wenn sie ihre Halbherzigkeit, Unentschlossenheit und Planlosigkeit verbergen möchte.
Die Partei des zaghaften Weder-Noch
Es gibt das Bonmot von Willy Brandt, die SPD sei die Partei des "donnernden Sowohl-als-Auch". Heute ist die SPD die Partei des zaghaften Weder-Noch. Hü und Hott gleichzeitig, aber so leise, dass es bloß niemand hört. Dann der CDU folgen, aber unter Protest. Also sanftem Kuschelprotest ohne Konsequenzen.
Dabei wird die SPD aus Digitalsicht eigentlich dringend gebraucht, als Partei des Fortschritts für die Vielen. Für die Nutzerschaft und nicht für die Konzerne, egal ob digital oder vordigital. Bei "Fortschritt" sollte man denken, dass Zukunft und kommende Generationen zentrale Rollen spielen. Aber die Jungen werden von der SPD-Führung ignoriert oder schlimmer noch: gelobt, ohne dass man ihren Bedenken folgen würde.
Wenn man nicht konservativ ist, erwartet man von der Union in Digitaldingen ohnehin nichts oder weniger (Quelle: ich). Das unwürdige Spiel um die Vorverlegung der Abstimmung zur Urheberrechtsreform beweist das wieder einmal. Die Konservativen wollten so den Protesten zuvorkommen, weil sie Angst bekamen, die Abgeordneten würden sich von den wütenden Jungwählern beeindrucken lassen.
So zerrüttet man den Glauben einer ganzen Generation an Europa und die EU, und das unabhängig von der konkreten Haltung zur Reform. Damit werden aus politisch Interessierten Feinde fürs Leben. In zwei Jahren kann man für fünf Millionen Euro eine Studie in Auftrag geben, warum Millennials an der EU zweifeln.
Ich habe nichts gegen Konservative. Aber im Moment fehlt mir der aufrechte, der ehrliche, der nachvollziehbare Konservatismus. Dieser existiert - aber derzeit gibt in Deutschland und der EU in der Digitalpolitik der mauschelnde, polternde, selbstgerechte Konservatismus den Ton an.
Quaken und dann nicht springen
Perfekte Zeiten für die Sozialdemokraten eigentlich, aber: nein. Wenn Mutlosigkeit ein Wappentier bräuchte, ich würde die Sozialdemokröten vorschlagen, die laut quaken, dann nicht springen und hinterher erklären, wie viel man durch den Verzicht auf den Sprung gewonnen habe.
Der Hintergrund der Mutlosigkeit ist im konkreten Fall so interessant wie erbärmlich. Tiemo Wölken, YouTuber und SPDler im EU-Parlament, reibt sich gerade in einer Weise für seine Generation auf, die unbedingten Respekt verdient: Er ist ein Digitalkümmerer, wie ihn die SPD braucht, und er zählt zu einer Vielzahl von SPD-Leuten, die genau wissen, wie die digitale Welt funktioniert. Nur warum können sie sich nicht durchsetzen?
Die wahrscheinlichste Antwort ist ein ziemlich schlechter Polit-Krimi. Denn hinter den Kulissen erzählt man sich folgende Theorie(!), die mir allerdings sehr plausibel erscheint. Die kursiven Passagen sind Teil dieses Gerüchtes, der Rest erklärende Tatsachen.
So geht das Gerücht
Olaf Scholz (SPD) will Kanzler werden.
"Häää?" fragen jetzt alle, die in den letzten Jahren mal an einer Umfrage vorbeigelaufen sind.
Scholz glaubt, dass er für seine Kanzlerwerdung auf die Gnade der Verlage angewiesen sei. In guter Schröder-Tradition, man brauche zum Regieren nur "BILD, BamS und Glotze". Deshalb soll er Fan des Leistungsschutzrechts (LSR)sein.
Das LSR ist ein vom Axel-Springer-Verlag ausgedachter, gesetzgewordener Unfug, der Axel Springer und anderen Verlagen Geld von Google bringen soll. Es ist das Konzept hinter Artikel 11 der heutigen Urheberrechtsreform. Merkel hat das Gesetz 2013 durchgesetzt, als ihr Kanzleramtsminister Eckart von Klaeden hieß und der Axel-Springer-Beauftragte für Regierungsbeziehungen Dietrich von Klaeden. Es handelt sich um Brüder. Alles bestimmt bloß Zufall, aber wie gesagt, von der Bundes-CDU erwartet man in Netzdingen wenig anderes.
Die SPD trug das Leistungsschutzrecht jedoch mit - natürlich, mit schlechtem Gewissen. Deshalb vereinbarte die Große Koalition, das Gesetz zu evaluieren. Das ist nicht geschehen, die CDU wollte es eh nie, die SPD hat es, naja, vergessen. Sonst hätte die ganze Welt amtlich bestätigt bekommen, dass das Gesetz gequirlter Quark ist. Das wissen alle Netzpolitiker aller Parteien.
Dass die SPD-Führung sich trotzdem dafür einsetzt oder nicht so richtig dagegen, scheint auch an Scholz' Hoffnung zu liegen, dass die Presse über die SPD dann besser berichte und er Kanzler werden könne. Und deshalb, so der Schluss der Theorie, gäbe es Artikel 11 noch.
Nur - erst durch das deutsche Beharren auf Artikel 11 ist Artikel 13 mit den Upload-Filtern möglich geworden. Ursprünglich war Frankreich gegen das LSR. Denn Macron will in Paris das digitale Zentrum Europas aufbauen und dieser Artikel ist schlicht antidigital. So antidigital, dass alle Sachkundigen im Kanzleramt dagegen sind und der Vorsitzende des Start-up-Verbands, Florian Nöll, die CDU nicht wählen wird, obwohl er Mitglied der CDU ist.
Macron aber wollte unbedingt Upload-Filter. Also tauschte Merkel Frankreichs Zustimmung zu Artikel 11 gegen die deutsche Zustimmung zu Artikel 13. Dessen faktischer Inhalt im Koalitionsvertrag ausgeschlossen wurde. Und was machte die SPD? Falsche Frage, es muss heißen: Was machte die SPD nicht? Mut haben und ihn zeigen.
Das wird sich zur Europawahl bitter rächen. Alternativ könnten sich die Abgeordneten besinnen und anfangen, ihren sozialdemokratischen Mut zu entdecken und für die kommende Generation zu stimmen. Und das ist ja der Witz: auch für Urheber. Denn diese Reform steht für ein gestriges, extrem Verwerter-getriebenes Bild der Kreativität.
Sie ist eine tausendprozentige Konzernlösung - heimlich hat sich Facebook sogar dafür eingesetzt, ja wirklich - und damit wäre die Urheberrechtsreform eigentlich nichts für Sozialdemokraten. Eigentlich. Aber SPD.
Vielleicht eignet sich als politische Botschaft der digitalen Generation an die Parteien ein bekannter Spruch: Das Internet vergisst nichts. Jedenfalls nicht bis zur Wahl im Mai.