Warum laden Elektroautos so langsam und warum wird das noch lange so bleiben?

Mittlerweile gibt es eine gute Auswahl zumindest virtueller Elektroautos. Bei vielen Modellen, die gut passen, gibt es AC-Ladung nur bis 7,4 kW. Das liegt daran, dass bei einphasig mit 32 Ampere laden derzeit meistens Schluss ist. Dreiphasig wäre gut, aber teuer

Bei jedem neuen Elektroauto hoffen Deutsche darauf, dass der Hersteller 11 oder besser 22 kW AC-Ladung anbietet. Häufig sind es jedoch nur 7,2 bis 7,4 kW – je nachdem, wie der technische Redakteur den Wert angibt. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir die reinen elektrischen Leistungsangaben verlassen und zurück in die Welt von Tesla vs. Edison gehen: Wechselstrom vs. Gleichstrom. Denn an Ladestationen kommen beide Arten von Stromversorgung vor.

Die Traktionsbatterie eines Elektroautos nimmt Gleichstrom („direct current”, DC) an. Wenn Sie an einer DC-Ladestation stehen, verhandelt die Batteriesteuerung mit der Ladestation über die Leistung, die zur Verfügung gestellt werden soll. Danach schaltet sie die DC-Kontakte der Station auf jene der Batterie: Es wird geladen. Die erforderliche hohe Leistung nimmt die Station meistens aus dem Mittelspannungsnetz. Es soll am Schnelllader ja schnell gehen. Diese Art der Ladung umgeht das Onboard-Ladegerät, das in jedem Elektroauto erheblich Platz wegnimmt. Doch wozu ist dieser Onboard-Lader dann überhaupt da?

Eigentlich könnte alle Technik im Onboard-Lader komplett in die Ladestation wandern. Das Gerät wandelt nämlich Wechselspannung in Gleichstrom zur Ladung der Batterie um. Vielleicht wird das in ferner Zukunft passieren, um Elektroautos günstiger und leichter zu machen. Doch aktuell lohnt es sich noch, ein eigenes Ladegerät spazieren zu fahren, weil es einfach so viele Wechselstrom-Quellen gibt („alternating current“, AC), die der Onboard-Lader nutzen können sollte.

Schukostecker-Laden

Für Elektroautos vom Anfang dieses Jahrhunderts war der ganz normale Haushaltsstecker eine benutzbare AC-Stromquelle. In Deutschland und Europa liegt eine 50-Hz-Wechselspannung am Phasenleiter der Standardstecker an, den der Verbraucher gegen einen Neutralleiter (auch: „Nullleiter“) legt, um eine Spannung von 230 V zu erhalten. Eine normale Mehrfachsteckdose erlaubt in Deutschland 10 A Stromstärke. Damit konntest du also einen Nissan Leaf der ersten Generation [1] (Batterie: 24 kWh) in zehn Stunden von fast null aufladen. Die Wallbox zog (wie entsprechende Ladegeräte) 16 A, was bei 230 V zur altbekannten Ladeleistung von rund 3,7 kW brutto führt. Damit wurde ein Leaf über Nacht voll, genauso wie andere Elektrofahrzeuge der ersten Generation.

Schon damals zeigte jedoch der Tesla Roadster mit 56 kWh Kapazität, dass hier der letzte Satz noch nicht gesprochen war. Der Wagen zog von einer Phase 32 A (kam also auf 7,4 kW brutto), damit die Batterie in maximal rund 10 Stunden voll war (für die Nachrechner: Teslas Ladegerät im Roadster hatte noch rund 20 Prozent Verlustleistung). Bei einphasig mit 32 A ist es seitdem bei vielen außereuropäischen Herstellern geblieben, obwohl Tesla, BMW, Smart und Renault früh dreiphasige Ladegeräte anboten.


Das Ladegerät im Auto wird uns auch deshalb noch länger begleiten, weil mehr Übernacht-Lader mit niedriger Leistung allen weiterhelfen (Teslaspeak: „destination charger“). Diese Kistchen kann ein Hotel mit vergleichsweise geringem Aufwand anbieten, solange die Gäste ihre AC/DC-Wandler selber im Auto mitbringen. Wenn die Investoren an den Destinations ihre Lader mit Wandler aufstellen müssten, gäbe es kostenbedingt deutlich weniger davon. Der Elektroautofahrer fördert also indirekt den Ausbau der Infrastruktur finanziell, zumindest den der AC-Langsamlader.

Alles einphasig

Warum aber kommt ein neues Elektroauto wie Opels Ampera e (Test) [2] oder Kias e-Niro [3] mit einem Ladegerät, das (bei zugegenermaßen geringeren Verlusten als damals im Tesla Roadster) nur 7,4 kW zieht? Geht da nicht mehr? Doch, da geht mehr. An einem deutschen Hausanschluss liegt Drehstrom an: drei Leiter, die jeweils gegen Neutral 230 V Spannung liefern. Die Phasen der drei Anschlüsse sind dabei in ihren Phasenwinkeln gegeneinander um 120 Grad verschoben („Drehstrom“). Nimmt man nun die Spannung nicht zwischen einem Leiter und Neutral ab, sondern zwischen zwei Leitern, erhält man rund 400 V. Damit erreicht man bei den meistens problemlos möglichen 16 A schon 11 kW Ladeleistung und bei den in Deutschland erstaunlich häufig möglichen 32 A 22 kW Ladeleistung an der Wallbox (sprechen Sie mal mit Ihrem E-Werk). Da diese Anschlüsse überall im Niederspannungsnetz liegen, gibt es in diesem Leistungsbereich auch die meisten öffentlichen Ladestationen. Doch ach: Das neue Elektroauto kann keine 22 kW nutzen!

Das liegt dann daran, dass der Onboard-Lader im Auto nur einen einphasigen AC-DC-Wandler hat. Warum? Wie immer liegt es am Geld, in zweifacher Hinsicht: Wenn der Onboard-Lader dreiphasig statt einphasig wandeln soll, braucht er dreimal die entsprechende Gleichrichter-Leistungselektronik statt einmal. Die Kostenerhöhung für den Kunden liegt dabei bei rund 1000 Euro. „Na und?“, denken Sie jetzt vielleicht, „dann sollen sie das halt in die Aufpreisliste schreiben.“ Das tat ja BMW mit dem i3 (Test) [4]. Doch häufig gibt es keine Dreiphasenlader, nicht für Geld und gute Worte – vor allem bei den Asiaten. Es schaut nämlich schlicht bei den Hausanschlüssen nicht überall so üppig aus wie in Deutschland. Wenn ein Hersteller ein „Weltauto“ baut, sind ihm die Belange der gut ausgestatteten Länder egal genug, dass er sich den Entwicklungsaufwand der Integration eines Dreiphasenladers spart. Die Argumentation ist immer dieselbe: Wer mehr will als 7,4 kW, der soll halt DC laden. Das hat zu absurden Fahrzeugen wie Jaguars I-Pace geführt, dessen 90 kWh-Batterie daheim oder an „Destination Chargern“ über Nacht nicht voll wird, Besitzer die Reichweite also nur mit Schnelllader täglich nutzen können.

In Zukunft

Gerade hat der Zulieferer BorgWarner einen neuen Onboard-Lader vorgestellt. Das Gerät soll nur 5 Prozent Verlustleistung haben. Aktuell messen wir um die 10 Prozent. Die erste Version können Fahrzeughersteller 2021 kaufen. Rechnen Sie frühestens ab 2025 mit Serienfahrzeugen, die damit ausgestattet sind. Und raten Sie mal: Es bietet wieder nur einphasige Ladung mit maximal 7,4 kW an. Erst die bis 2023 folgenden, teureren Varianten gibt es auch mit dreiphasiger AC-DC-Wandlung. Wir Deutschen werden uns also auch im Jahr 2025 noch fragen, wieso der neue Forpel seine 120-kWh-Batterie mit 7,4 kW laden will.


Die Entwicklung der Onboard-Lader hängt unter anderem am Ausbau des Stromnetzes. Vor allem in den Städten muss massiv nachgerüstet werden, wenn die Bewohner abends heimkommen und ihre E-Autos anstecken, die ja selbst bei 7,4 kW über Stunden fast das Doppelte des Durchschnitts-Haushaltsverbrauchs ziehen. Hier führt wahrscheinlich nichts an einem intelligenteren Stromnetz [5] vorbei, das Autos zur Verbrauchs-Hochzeit am Abend nur wenig Leistung gibt, in der ruhigen Phase nachts dafür umso mehr. Doch gerade für diesen Einsatz muss die maximale Ladeleistung höher sein. Hamburg investiert in ein moderneres Stromnetz gerade einen „mehrstelligen Millionenbetrag“, und dabei ist Bidirektionalität noch gar nicht berücksichtigt. Nissans Idee der Traktionsbatterie als Puffer [6] war gar nicht so schlecht. Doch so richtig durchgesetzt hat sie sich auf Autoseite nicht, sodass sie jetzt auch auf Infrastrukturseite wenig Beachtung findet.

Die Idee, eigene Infrastruktur [7], also einen AC-DC-Wandler in der eigenen Garage aufzustellen, scheitert meistens am Preis: Aktuelle Geräte sind für öffentliche Ladepunkte gedacht und kosten selbst bei Anschluss ans Niederspannungsnetz im Haus ab 10.000 Euro aufwärts. Wenn wir wirklich viel elektrisch fahren wollen, könnten sich aber Wohnkomplexe damit von der Konkurrenz abheben, dass sie ihre Tiefgarage wie einen Tesla-Ladepark betreiben (alle teilen sich eine Maximalleistung) – am besten mit einer stationären Pufferbatterie, die sich zu Zeiten niedriger Nachfrage füllt.

Schiefes im Hintergrund

Im Hintergrund fanden in den letzten Jahren schon enorme Verbesserungen der Strom-Infrastruktur statt, eher wegen der erneuerbaren Energien als wegen Elektroautos. In Deutschland zum Beispiel begrenzt eine Regelung die Schieflast begrenzt, die ein Hausanschluss ziehen darf: mehr als 20 Ampere zwischen den Leitern sollen es nicht sein. Deshalb verteilt der Elektriker die Phasen im Haus auf eine möglichst gleichmäßige Last. Wenn zu viel Schieflast auf die alten Transformatoren kam, konnten diese beschädigt werden. Volkswagen verwendet deshalb zum Beispiel in der zweiten Generation des E-Golf (Test) [8] zum Laden zwei Phasen gegeneinander statt eine Phase gegen den Nullleiter, um auf sozialverträglichere 7,4 kW zu kommen. Es ist aber erstaunlich selten ein Problem, einphasig schief 32 A zu ziehen, wenn man den Stromanbieter fragt, denn allzu viele der alten Trafos gibt es gar nicht mehr. Besitzer älterer Häuser sollten zudem überlegen, ob das Objekt früher die zweifelhaften Segnungen einer Nachtspeicherheizung genoss, denn dann liegt häufig trotz des Alters eine stabile Zuleitung.

Schwer vorherzusagen, wie sich das entwickelt. Vielleicht setzt sich für Fahrzeuge wie Jaguars I-Pace (Test) [9] doch durch, dass Besitzer einen vierstelligen Aufpreis ihrer Wallbox daheim in Kauf nehmen, damit dort dreiphasig AC in DC gewandelt wird. Dann könnten sie ihr Auto mit 22 kW minus die Ladegerät-Verluste laden – ein großer Fortschritt gegenüber der Serie. Das löst jedoch nicht das Problem der bestehenden AC-Lader, an denen solche Autos über Nacht nicht voll werden. Eines steht fest: AC-Ladung mit 7,4 kW wird uns noch eine Weile begleiten. Europäer sollten also beim Kauf darauf achten, ob das Traumauto Drehstrom-Ladung anbietet, wenn sonst die Batterie in der typischen Standzeit nicht voll wird. Smart (Test) [10], Tesla, BMW und Renault bieten es an. Ich glaube, das Ladegerät hat trotz seiner technischen Probleme mitgeholfen, dass Renaults Zoe (Test) [11] Europas bestverkauftes E-Auto wurde. Hyundais Kona EV (Test) [12] soll Dreiphasenladung anbieten, wenn er ab 2020 in Tschechien gebaut wird. Jaguar will zum Modellupdate des I-Pace Drehstromladung als Option in die Aufpreisliste schreiben. Lassen Sie Ihren Geldbeutel sprechen.


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[1] https://www.heise.de/autos/artikel/Nissan-Leaf-im-Test-Der-mit-dem-e-Golf-tanzt-2093937.html
[2] https://www.heise.de/autos/artikel/Test-Unterwegs-im-Opel-Ampera-e-4036765.html
[3] https://www.heise.de/autos/artikel/Fahrbericht-Kia-e-Niro-4242632.html
[4] https://www.heise.de/autos/artikel/Im-Test-BMW-i3-mit-vergroesserter-Batterie-3344791.html
[5] https://www.heise.de/autos/artikel/Eon-steckt-2-5-Mrd-Euro-in-Netzausbau-fuer-E-Mobilitaet-4427422.html
[6] https://www.heise.de/autos/artikel/Mobile-Zwischenablage-2175893.html
[7] https://www.heise.de/autos/artikel/Ladeinfrastruktur-fuer-E-Autos-Auf-dem-Weg-aber-nicht-am-Ziel-4315993.html
[8] https://www.heise.de/autos/artikel/Der-VW-e-Golf-im-Test-3774086.html
[9] https://www.heise.de/autos/artikel/Fahrbericht-Jaguar-I-Pace-4115434.html
[10] https://www.heise.de/autos/artikel/Unterwegs-im-Smart-EQ-fortwo-Der-Logische-4197956.html
[11] https://www.heise.de/autos/artikel/Praxistest-des-Renault-Zoe-Z-E-40-unter-worst-case-Bedingungen-3626468.html
[12] https://www.heise.de/autos/artikel/Test-Hyundai-Kona-EV-4303336.html

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Profunde Analyse

Conversation

Yasmina Banaszczuk @lasersushi

"Scheinbar haben wir bei Youtube falsch agiert und reagiert… aber das können wir wiedergutmachen." Sagt Oettinger (CDU) in der ARD. #Europawahl2019

26 May

Conversation sent from Twitterrific

Konfusion in der Medienrepublik: Der Überraschungseffekt der Youtuber

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Screenshot aus dem Video Ein Statement von 90+ Youtubern, YouTube

Vor der EU-Wahl veröffentlichen 90 "Webstars" eine Wahlempfehlung: "Wählt nicht die CDU/CSU, wählt nicht die SPD und schon gar nicht die AfD". Die Reaktionen sind der eigentliche Aufreger

Früher ging es langweilig und behäbig vernünftig zu vor den EU-Wahlen, diesmal ist es nicht so. Das liegt vordergründig an zwei Videos, die die Temperatur der öffentlichen Diskussion erhöht haben. Einmal das Video zur Selbstentblößung von Strache [1], mit dessen Wirkung die Neue Rechte zu kämpfen hat, weil sie deren "Alternative zur herrschenden Politik" in bekannte Einzelteile zerlegt und damit ihre Versprechen demontiert (Rechtspopulisten - die wahren "Volksverräter"?) [2].

Der Schock über die die Ibiza-Videos zieht Kreise über die Rechtspopulisten hinaus (Kein Grund zur Entwarnung). [3] Zu dieser Erregungswelle hinzu kam eine zweite, ausgelöst durch das Video [4] des "CDU-Zerstörers" Rezo, bei dem sich die Angegriffenen mit der Demontage schwer tun, weil diese Art von Kritik nicht so leicht in bekannte Elemente zerlegt werden kann, die mit Routine zu erledigen wären (Rezo: Es kamen "Diskreditierung, Lügen, Trump-Wordings und keine inhaltliche Auseinandersetzung" [5]).


Das Eindringen von Aliens mit großer Reichweite

Das liegt daran, dass es sich hier aus Sicht der dominierenden Öffentlichkeitswelt um das Eindringen von Aliens handelt. Und daran, dass man die "Webstars" [6], was ja fast schon wie "Weltstar" klingt, aus lauter Konfusion mit "der Jugend" gleichsetzt, die ohnehin immer rätselhaft ist, ein Mysterium, von dem die Konsumindustrie mit ihren Versprechen nicht schlecht lebt. Sie ist also wichtig die Jugend, daran kommt keiner vorbei.

Vor allem aber, weil die Aliens einen guten Platz am großen Drehrad haben. Man muss nur bei ein paar Besprechungen sitzen oder bei Gesprächen zuhören, die Fragen am Drehrad der Nachrichten- und Produktverkäufer lauten: Wie kommt meine "Performance" an, wie schauen die Zugriffszahlen aus, die Klickzahlen?

Die Jugendlichen zeigen jetzt, welche Reichweite sie haben. Mit den Schülerstreiks, die besonders Rechte, die aus ihrer "Klimaskepsis" eine Komfortzone gemacht haben, in ihren Kommentaren zum Wahnsinn treiben, weil sie doch auf eine ganz andere Mehrheit setzen. Und nun mit den Youtubern, deren Reichweite die Öffentlichkeitsarbeit der Parteien sowieso, aber auch vieler anderer in den Schatten stellen. Gabor Steingart spricht von einem "Gezeitenwechsel".

Alle etablierten Mächte spüren den Gezeitenwechsel: Die klassischen TV-Talkshows werden von der Jugend nicht boykottiert, sie bleiben nur ausgeschaltet. Die etablierten Politiker werden nicht bekämpft, nur ignoriert. Reklame wirkt, aber oft abstoßend. Die Verbandsfürsten senden weiter ihre Botschaften, aber es fehlt an willigen Empfängern.

Gabor Steingart [7]

Auf das "CDU-Zerstörer-Video" von Rezo folgten viele hitzige, hilflose und steife Antworten, wie auch diffamierende, worauf eine Vielzahl - "90+" - der bekanntesten Youtuber mit einem offenen Brief reagierten, der wiederum in einem Videoclip, diesmal sehr viel kürzer, vorgelesen wird: hier [8] (dort findet man auch den offenen Brief in schriftlicher Form). Ein Ausschnitt:

Dies ist ein offener Brief. Ein Statement. Von einem großen Teil der Youtuber-Szene. Am Wochenende sind die EU-Wahlen und es ist wichtig wählen zu gehen. Aber es ist genauso wichtig, eine rationale Entscheidung bei der Wahl zu treffen, die im Einklang mit Logik und Wissenschaft steht.

Es gibt viele wichtige politische Themen, aber nach der Risiko-Hierarchie hat die potentielle Zerstörung unseres Planeten offensichtlich die höchste Priorität. Jedes andere Thema muss sich hinten anstellen.

Die irreversible Zerstörung unseres Planeten ist leider kein abstraktes Szenario(,) sondern das berechenbare Ergebnis der aktuellen Politik. Das behaupten nicht wir, sondern das ist der unfassbar große Konsens in der Wissenschaft. Die Experten sagen deutlich, dass der Kurs von CDU/CSU und SPD drastisch falsch ist und uns in ein Szenario führt, in dem die Erde unaufhaltsam immer wärmer wird, egal was wir tun. In dieser Welt sterben nicht nur viele Tierarten aus, sondern auch viele Menschen.

(…)

Wer diesen Konsens leugnet, so wie die AfD, oder nicht danach handelt, wie die aktuelle Regierung, hat nichts in der Führung eines aufgeklärten Landes zu suchen. (…) Daher bitten wir alle: Wählt nicht die CDU/CSU, wählt nicht die SPD. Wählt auch keine andere Partei, die so wenig im Sinne von Logik und der Wissenschaft handelt und nach dem wissenschaftlichen Konsens mit ihrem Kurs unsere Zukunft zerstört.

Und wählt schon gar nicht die AfD, die diesen Konsens sogar leugnet. Hier geht es nicht um verschiedene legitime politische Meinungen. Es geht um die unwiderlegbare Notwendigkeit, alles dafür zu tun, den Kurs so schnell wie möglich drastisch zu verändern.

Ein Statement von 90+ Youtubern [9]

Nicht erwähnt werden die Grünen, die Linken und die FDP. Durch die Konzentration auf die "potentielle Zerstörung unseres Planeten" kommt der Videoclip dem Programm der Grünen am nächsten.

Wäre es aber ein Werbeclip der Grünen, so hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach niemals die Aufmerksamkeit erlangt, die auch dieses Youtuber-Video bekommt. Die Aussagen selbst machen nicht so sehr den Unterschied. Es ist die Wucht, mit der die Welt der Youtuber in die bekannte Welt einbricht.


Überhebliche "Ritter der traurigen Gestalt"

Eltern von Teenagern bekommen davon eine Ahnung und sie wissen auch, wie schwierig eine Annäherung an die Youtuber-Video-Welt ist, wenn man sich nicht zum "Ritter der traurigen Gestalt" machen will, der sich einfach nur "berufsjugendlich" anbiedert oder unerschütterlich und überheblich an seinen Überzeugungen und Vorlieben festhält.

Inhaltlich unterkomplex seien sie, wird den Youtubern vorgeworfen. Wie aber zum Beispiel bei den Nachdenkseiten in einer ausführlichen Analyse nachzulesen, sind es nicht die Inhalte von Rezo, sondern ganz besonders die überheblichen Antworten auf Rezos Video, die sich durch manipulative Unterkomplexheit auszeichnen: CDU löst komplexe Zusammenhänge in altbekannter Manier auf [10].

Die Kritik ist demnach um Welten fundierter, als es die Polemiken aufgestörter Qualitätsmedien-Vertreter [11]in groben Tönen vermitteln wollen, wo man sich doch sonst so sehr über die Krawallkultur im politischen Gespräch aufregt.

Die Annäherung, wie sie etwa die SPD momentan unnötigerweise von Gamerstühlen aus [12] versucht, könnte noch interessant werden. Aber Sätze wie von Klingbeil - "Das Beschimpfen einer ganzen Generation ist nicht mein Stil" - sind da keine wichtigen Gesten, weil man mit einer "ganzen Generation" nicht reden kann.

Erst wenn man aus diesen Allgemeinplätzen rausgeht, könnte sich eine Kontroverse mit echter politische Relevanz ergeben, die Änderungen zur Folge haben ("Taten").


Ein braves Gespräch mit der Kanzlerin

Bislang ist es ein Überraschungseffekt, den die Fridays for Future und die YouTuber in der politischen Debatte als "Moment" für sich haben. Es ist ein Bonus der Unverfrorenheit und Unbefangenheit, den alle Neulinge haben auch in der Pop-Welt, die Substanz zeigt sich erst nach dem Anfangseffekt.

Aber nicht nur die konfusen alten Hasen der Politik betreten in dieser Konfrontation Neuland, auch die YouTuber tun das, wenn sie sich denn wirklich auf die Sphäre der politischen Debatte einlassen. Wer erinnert sich noch an das eher brave Gespräch des Youtubers LeFloid mit der Kanzlerin 2015?

Gespräche mit sattelfesten oder auch schon von Erfahrung vernarbten Politikern sind, wie sich da zeigte, nochmal eine andere Ebene mit eigenem erheblichen Schwierigkeitsgrad (auch Houllebecq scheiterte zum Beispiel an der professionellen Glätte Macrons, als er ihn befragte). Aber seit LeFloids Unterhaltrung mit Merkel sind auch ein paar Jahre vergangen. Vielleicht kommen da bald noch ein paar Überraschungen. Der politischen Öffentlichkeit täte das sehr gut.

Für die Parteien ist es wichtig, sich auf neue Konfrontationen einzulassen. Sie sind in vielem alt geworden und haben, wie ARD, ZDF und angeschlossene Rundfunkanstalten, die Qualitätsmedien wie auch Blogger, Schwierigkeiten, "die Jugend" noch zu erreichen.


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[1] https://www.heise.de/tp/features/IbizaGate-Wie-dumm-sind-unsere-Politiker-4425332.html
[2] https://www.heise.de/tp/features/Rechtspopulisten-die-wahren-Volksverraeter-4431991.html
[3] https://www.heise.de/tp/features/Strache-Skandal-und-die-Rechten-Kein-Grund-zu-Entwarnung-4427819.html
[4] https://www.heise.de/tp/features/CDU-Zerstoerer-Rezo-Es-kamen-Diskreditierung-Luegen-Trump-Wordings-und-keine-inhaltliche-4428522.html
[5] https://www.heise.de/tp/features/CDU-Zerstoerer-Rezo-Es-kamen-Diskreditierung-Luegen-Trump-Wordings-und-keine-inhaltliche-4428522.html
[6] https://www.spiegel.de/netzwelt/web/rezo-dagibee-lefloid-70-youtube-stars-geben-nicht-wahlempfehlung-ab-a-1269225.html
[7] https://www.gaborsteingart.com/newsletter-morning-briefing/die-revolution-der-jungen-umbruch-ohne-bruch/?wp-nocache=true&epromo=some&date=20190524
[8] https://www.youtube.com/watch?v=Xpg84NjCr9c
[9] https://www.youtube.com/watch?v=Xpg84NjCr9c
[10] https://www.nachdenkseiten.de/?p=52006
[11] https://twitter.com/altenbockum/status/1131827503025283072
[12] https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=HxtUEy0aY_U

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